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Kultur

Schily, Mahler, Ströbele und die 68er

Einst arbeiteten sie als Verteidiger der RAF-Terroristen zusammen. Über 30 Jahre später haben sich die ehemaligen Freunde nichts mehr zu sagen. Birgit Schulz widmet ihnen ein Film-Porträt.

Das Plakat zum Film 'Die Anwälte' zeigt Ströbele, Mahler und Schily gestern und heute (Foto: Real Fiction dpa)

Ein Foto, drei Männer, aufgenommen 1972 in einem Berliner Gerichtssaal. Horst Mahler sitzt auf der Anklagebank, Otto Schily und Hans-Christian Ströbele verteidigen ihn. Sie sind sich vertraut, Ströbele trägt zum Zeichen der Verbundenheit Mahlers Anwaltsrobe. Was die Linksintellektuellen damals eint, ist ihr Engagement im Umfeld der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Sie sehen in der Bundesrepublik Deutschland einen politischen Unterdrücker, wollen eine gerechtere Gesellschaft. Uneins sind sie sich über den Weg dorthin. Mahler hat einen Molotow-Cocktail geworfen und versucht, der RAF Waffen zu besorgen. Die beiden anderen kämpfen mit Worten.

Drei Männer, drei Karrieren

Birgit Schulz präsentiert sich vor dem Filmplakat am Abend der Premiere (Foto: picture alliance/ dpa)

Birgit Schulz erzählt Geschichte auf packende Art und Weise

Ausgehend von diesem Foto zeichnet Birgit Schulz drei Biografien nach, die sich über fast 40 Jahre hinweg in unterschiedliche, beinahe gegensätzliche Richtungen entwickelten.

Es ist das erste Mal, dass Schily, Ströbele und Mahler in einem Film über ihre Vergangenheit reden. Birgit Schulz musste dazu viel Überzeugungsarbeit leisten, denn am Anfang wollte keiner der drei an ihrem Film mitwirken. Doch die Kölnerin hat sich nicht entmutigen lassen und neue Anläufe genommen.

Der Kraftakt hat sich gelohnt, denn herausgekommen ist eine Dokumentation, die - von der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 an bis zur Gegenwart - über ein Vierteljahrhundert deutsche Zeitgeschichte hautnah und lebendig vermittelt.

Von links nach rechts außen

Der gereifte Horst Mahler sitzt winkend auf einem Stuhl in einem Gerichtssaal (Foto: Real Fiction dpa)

Horst Mahler blickt auf bewegtes Leben zurück

Nach den Stammheim-Prozessen, den mutmaßlichen Selbstmorden der Terroristenführer und der Auflösung der RAF driften die Biografien auseinander. Besonders erschüttert der radikale politische Seitenwechsel Horst Mahlers, der nach 14-jähriger Haftstrafe zu den Neonazis überläuft, zeitweise auch der NPD beitritt. Für Schily ist dies "eine Tragödie", Ströbele fehlen die Worte.

Noch einmal werden sich Mahler und Schily 2003 im Gerichtssaal wieder sehen, diesmal jedoch als politische Gegner: Schily will als Vertreter der Regierung das Verbot der NPD, Mahler unterstützt die rechtsextremistische Partei. Bald darauf wird der Antisemit Mahler erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, diesmal wegen Holocaustleugnung und Volksverhetzung.

Vom Grünenpolitiker zu SPD-Innenminister

Otto Schily sitzt auf einem Stuhl in einem leeren Gerichtssaal und erzählt aus seinem Leben (Foto: Real Fiction dpa)

Otto Schily erzählt

Auch Schily ist eine sehr komplexe Figur. Da ist der brillante Rhetoriker in Weste und Anzug, der sein erstes politisches Mandat als Gründungsmitglied der Grünen erhält, bei denen er - so seine Beschwerde - für seine Positionen nie eine Mehrheit bekommt. Er ist zugleich der Karrierist, der in der SPD an die Macht strebt, wo er 1998 ein für seine restriktive Sicherheitspolitik gefürchteter Innenminister wird. Daneben gibt es aber auch den musikalisch begabten Anthroposophen Schily, der den Lebenswandel in Bezug zu kosmischen Elementen setzt. Und da ist schließlich der Mensch Schily, der zu Zweifeln bereit ist.

Verrat an eigenen Werten

Hans-Christian Ströbele erzählt in einem leeren Gerichtssaal (Foto: Real Fiction dpa)

So war das damals: Hans-Christian Ströbele

Und Hans-Christian Ströbele? Er ist sich als "das linke Gewissen der Grünen" als Einziger treu geblieben. Schulz versucht in Gesprächen mit den Protagonisten, ihren unterschiedlichen Wandlungen auf den Grund zu gehen. Leicht ist das nicht, denn die medienerfahrenen Männer lavieren rhetorisch geschickt. Den Verrat an den eigenen Werten, ihn vermögen die Protagonisten selbst nicht festzustellen. Schulz lässt die Aussagen unkommentiert stehen, stützt sich aber nicht allein auf sie, sondern auch auf reichhaltiges Archivmaterial, biografische Details, Ausschnitte aus Reden und alten Interviews.

Die individuellen Rückblicke und Einschätzungen, die Beurteilung der Gegenwart setzen sich zu einem schillernden Mosaik zusammen. So packend kann Geschichte sein.

Autorin: Kirsten Liese

Redaktion: Conny Paul