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Sprachbar

Schillers Zeitreise

Er war zu Besuch, einer der berühmtesten deutschen Dichter. Und er war bass erstaunt: Seit der Klassik hat sich die Sprache stark verändert. Die der Jugend erst recht. Aber manche Wörter überdauern die Jahrhunderte.

Gut, er weilt schon sehr lange nicht mehr unter den Lebenden. Aber er ist zurück. Ich habe ihn gesehen und belauscht. In einem dieser immergleichen Cafés in einer dieser immergleichen deutschen Innenstädte. Aber er lächelte nicht vom Buchrücken, sondern vom Nebentisch: Schiller.

Im Café

Er war es wirklich. Dank einer dieser typischen Risse im Raum-Zeit-Kontinuum schlürfte Friedrich seinen Latte Macchiato neben mir und blätterte versonnen in einer dieser Zeitschriften, die in solchen Cafés immer ausliegen. Er schien etwas gelangweilt, es war nicht so seine Zeit.

Aber es sollte für den Autor des "Wilhelm Tell" und der "Räuber" noch wesentlich schlimmer kommen. Vanessa setzte sich zu ihm. "Ich kenn Sie doch! Sind Sie nicht der, dings, krass, ich meine, sie sind nicht, ja, der Gottschalk?"

Kein Promi

Schillers Laune wurde so düster wie das Gesicht Maria Stuarts kurz vor der Hinrichtung. "Nein, ich bin Schiller. Friedrich Schiller." – "Ach so, und ich dacht schon, du seist son geiler Promi."

Schiller war erstaunt. Ein Promi. Ein geiler Promi. Da musste ja wohl ein riesiges Missverständnis vorliegen. "Junge Frau. Wie sprechen Sie denn von Prometheus? Und im übrigen, mit Goethe und seinem Gedicht hab ich nichts zu schaffen."

Goethe im Bildungsschuppen

Goethe, dieser Name sagte ihr etwas. Das klang irgendwie ungut nach "Bildungsschuppen" – womit sie Schule meinte. "Alter, ich checke nichts mehr. Du bist ja echt krass am Senden." Zu Schillers Zeit hätte die junge Dame Folgendes gesagt: "Mein Herr, ich verstehe sie nicht. Sie sagen ungewöhnliche Dinge."

Aber vielen Deutschen des 21. Jahrhunderts geht es nicht besser als Schiller aus dem 18. Jahrhundert: Deutsch ist viele Sprachen und die Jugend hat ihre eigene. Vanessa und Schiller hatte es besonders schlimm erwischt – er ein Dichter, sie in der 10. Klasse. Und dazu noch 200 Jahre Altersunterschied.

Was meint sie?

"Da bist de auf 'ner Alugurke zum Frittenbunker und so'n Problematiker macht n act – zum austillen", schnattert Vanessa. Übersetzt hieße dies in etwa: "Da fährt man auf seinem Fahrrad in ein Schnellrestaurant und gerät durch einen problembehafteten Menschen in einen Konflikt – zum Aus-der-Haut-fahren."

Schiller besah sich das Töne erzeugende Etwas, das ihm da gegenüber saß, und verstand nichts. Das Nichtbegreifen ist multitemporal, unabhängig von Zeit und Raum.

Vorsichtige Annäherung

"Meine Dame, wenn wir uns nicht verstehen, können wir doch ein Kaffeegetränk gemeinsam verkosten." Und dann zitierte er sich selbst: "Was nicht verboten ist, ist erlaubt – und das, meine Verehrteste ist von mir, aus "Wallenstein"."

Vanessa verstand "Gallenstein", was ihr etwas Unbehagen einflößte. Aber, womit keiner gerechnet hatte: Vanessa hatte etwas verstanden. Kaffee! Sie kannte dieses Wort.

Noop und chillen

Um weitere Missverständnisse zu vermeiden, dachte sie bei sich: "Okay, ziehst de dir mit dem Noop n' drink rein, n' bisschen chillen ist nie verkehrt" – übersetzt heißt das etwa so viel wie "Trinkst Du mit dem Ahnungslosen etwas, denn sich etwas zu entspannen ist ja nie verkehrt".

So dachte sie. Aber sie sagte schlicht und einfach nur "Ja". Das wiederum verstand Schiller. Und prompt saßen Vergangenheit und Zukunft einträchtig beim Espresso zusammen.

Sprache lebt

Dabei gibt es außer Kaffee noch andere Vokabeln, die die Zeiten überdauert haben. Nicht allen Wörtern der Jugend droht ein schneller Auf- und Abstieg. Manche bleiben etwas länger.

Dennoch: Leben ist Veränderung und ohne neue Wörter geht es nicht. Wenige Sprachen sind dabei derart kreativ wie die deutsche – sagen auch Sprachforscher. Ein Beispiel: "Handy" für das Mobiltelefon. Die Briten sagen "mobile".

Neue Zeiten – neue Wörter

Alle Sprachphilister, die mahnend den Verfall beschwören – sie müssen sich Zeitmaschinen bauen. Denn es führt kein Weg zurück ins 17. Jahrhundert. Vorwärts treibt die Sprache und unzähligen Wörtern droht eine rasante Karriere.

Heute noch Avantgarde, morgen schon Sprachgeschichte. Die Liste der bedrohten und ausgestorbenen Wörter wächst unerbittlich. Darunter sind einstige Berühmtheiten wie "cool" oder "geil".

Zurück mit der Zeitmaschine

Aber solange es Wörter wie "Kaffee" gibt, muss niemand Angst vor einer Zeitreise haben. Selbst Schiller und Vanessa nicht. Er verschwand dann übrigens durch eine "hohle Gasse". Und wer weiß, ob er irgendwann einmal wieder durch diese zurückkommt.

Autor: Ramón Garcia-Ziemsen

Redaktion: Beatrice Warken

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