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Wirtschaft

Schikane am Arbeitsplatz

Jeder neunte deutsche Berufstätige war schon einmal Mobbing-Opfer. Die Bundesregierung setzt aber weiterhin auf freiwillige Selbstkontrolle der Betriebe - im Gegensatz zu anderen EU-Ländern.

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Tuschelnde Kollegen: eine milde Form von Mobbing

"Die Kollegen verstummten, sobald ich den Raum betrat. Bei Besprechungen zeigten sie demonstratives Desinteresse an meinen Vorschlägen."

Mobbing ist, wenn mindestens ein halbes Jahr lang mindestens einmal pro Woche Schikanen am Arbeitsplatz auftreten: Sie reichen vom bewussten Meiden eines Kollegen oder einer Kollegin bis hin zur körperlichen Belästigung. Kurzfristiger Ärger im Büro fällt nicht darunter.

Jetzt hat das bundesdeutsche Arbeitsministerium das Thema Mobbing auf eine breite empirische Basis gestellt und am Dienstag (11. Juni 2002) einen ersten Mobbing-Bericht veröffentlicht: Daraus geht hervor, dass jeder neunte Arbeitnehmer schon mindestens einmal in seinem Arbeitsleben gemobbt wurde.

Frauen und Nachwuchkräfte auf dem Kieker

800.000 Arbeitnehmer, das entspricht 2,7 Prozent der berufstätigen Bevölkerung, leiden dauerhaft unter Mobbing. Am häufigsten betroffen sind Frauen. Das Risiko, am Arbeitsplatz schikaniert zu werden, ist für sie 75 Prozent höher als bei Männern. Bevorzugte Zielscheibe von unfairen Attacken sind außerdem jüngere Nachwuchskräfte. Nach Tätigkeitsfeldern geordnet, haben Arbeitnehmer in sozialen Berufen - Sozialarbeiter, Erzieher, Altenpfleger - die bissigsten Kollegen. Danach folgt das Verkaufspersonal.

Zwei Drittel aller befragten Mobbing-Opfer berichten, über ihre Person seien Unwahrheiten gestreut worden, etwa dass sie Alkoholiker oder psychisch krank seien. Eine beliebte Methode des Mobbings ist es auch, Mitarbeitern wichtige Informationen über die Arbeit vorzuenthalten. Der typische Mobber ist männlich, mittleren Alters und ein alter Hase: Er gehört dem Betrieb länger als zehn Jahre an. In mehr als der Hälfte der Fälle sind Führungskräfte am Mobbing beteiligt.

Dauerattacke des Rudels

Der Begriff leitet sich aus dem englischen Wort "Mob" ab und bedeutet so viel wie "zusammengerotteter Haufen" oder "angreifen, attackieren". Mittlerweile ist er zur gängigen Bezeichnung für jedwede Form des Psychoterrors am Arbeitsplatz geworden. Es existiert aber noch keine verbindliche Mobbing-Definition. Auch über das Ausmaß des Problems besteht keine Einigkeit.

Mehr Mobbing oder mehr Mobbing-Meldungen?

Sechs EU-Mitgliedsstaaten (Österreich, Belgien, Niederlande, Irland, Spanien, Schweden) sind der Meinung, dass Mobbing in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. Griechenland sieht das genau umgekehrt. Die Mobbing-Anlaufstellen der übrigen Mitgliedsländer konnten keine klaren Tendenzen feststellen.

Länder wie Frankreich und Schweden haben eigene Anti-Mobbing-Gesetze erlassen. In Frankreich etwa wird Mobbing nach dem im Jahr 2001 modernisierten Sozialgesetz mit bis zu einem Jahr Haft und 15.000 Euro Geldstrafe geahndet. Die harte Linie hat offenbar Erfolg: Experten schätzen, dass Mobbing in Skandinavien nur halb so oft vorkommt wie im deutschen Sprachraum.

Selbstkontrolle statt Strafverfolgung

Die Bundesregierung setzt dagegen auf die Selbstkontrolle der Betriebe. Ein Anti-Mobbing-Gesetz könne auch nur dann eingreifen, wenn der Schaden bereits geschehen sei, heißt es im Arbeitsministerium. Ulrike Maschner, Parlamentarische Geschäftsführerin im Bundesarbeitsministerium, lehnt eine Ausweitung der Gesetzgebung ab: "Mit strafrechtlichen Sanktionen erreicht man nur die dramatischen Fälle, aber nicht den alltäglichen Mobbing-Ärger."

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