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Politik

Schiefe Sonaten

Regierungssprecher Thomas Steg überraschte die Berliner Journalisten kurz vor dem Wochenende mit einer eher kryptischen Äußerung. Jens Thurau versuchte zu verstehen, was Sonaten mit Briefen zu tun haben sollen.

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Der Brief ist die Sonaten-Form der menschlichen Kommunikation. Das teilte der Sprecher der Bundesregierung, Thomas Steg, den staunenden Berliner Journalisten am Freitag (4.3.2005) mit. Da lag eine politische Woche hinter den Akteuren in der Hauptstadt, in der Briefe eine wichtige Rolle spielten. Aber dazu gleich mehr.

Zunächst: Was um Himmels Willen ist eine Sonaten-Form? Die Sonate selbst ist ein aus drei oder vier Sätzen bestehendes Musikstück zumeist für das Klavier. Anders als beim großen Orchester surrt und klingt nicht alles durcheinander. Anders ausgedrückt: Wir besinnen uns auf das Wesentliche. So was in der Art wird Steg gemeint haben.

Altes neu gemischt

Denn die Briefe, die sonaten-gleich ausgetauscht wurden, hatten prominente Verfasser und Empfänger. CDU-Chefin Angela Merkel und CSU-Chef Edmund Stoiber griffen zur Feder und schrieben an den Bundeskanzler, der gerade durch diverse arabische Staaten reiste. Der schrieb zurück und Merkel und Stoiber antworteten nochmals. Und dass alles nicht via SMS oder E-mail, nein: Altmodisch wurde die traditionelle Briefform gewählt.

Aber das war‘ s denn wohl auch mit der Sonatenartigkeit. Inhalt des ersten Briefes nämlich war das Angebot der Opposition, angesichts erschreckender fünf Millionen Menschen ohne Job an einem "Pakt für Deutschland" mitzuwirken. Schröder nahm das Angebot in seinem Antwortbrief vorsichtig an. Und flugs brachten beide Seiten wieder ihre Geschütze in Stellung: Merkel und Stoiber wollen den Kündigungsschutz locken, Schröder möchte Subventionen abbauen. Alles schon mal da gewesen.

Getöse und Wahlkampf

Beide Seiten wollen in tiefer Sorge um die Zukunft des Landes handeln - und beide Seiten haben vor allem die wichtige Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai im Blick. Und deshalb war die Sonaten-Form der menschlichen Kommunikation wahrscheinlich doch nur der Auftakt für ein großes Mediengetöse. Am Montag ist Schröder wieder in Berlin, da müssen die Beteiligten dann keine Briefe mehr schreiben, sondern können sich wieder vor laufenden Kameras gegenseitig beschuldigen, Chancen zu verpassen.

Vielleicht erhalten sie dann bald einen blauen Brief von dritter Seite: Bundespräsident Horst Köhler plant angeblich eine Brandrede zum Skandal der Massenarbeitslosigkeit. Sonaten-Töne wird er dabei nicht anschlagen, so, wie man ihn kennt.