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Kultur

Schiefe Ebenen: zu Gast bei Daniel Libeskind

Nichts ist an seinen Bauten gewöhnlich: zickzackförmige Grundrisse, labyrinthische Räume, schiefe Ebenen. Daniel Libeskind gilt als schillernde Figur der internationalen Architektenszene. Unser Autor hat ihn besucht.

Daniel Liebeskind (Foto: Michael Marek)

Er hat erst mit 52 mit der praktischen Architektur angefangen

Rector Street, New York City: Hier, im Stadtteil Lower Manhattan direkt neben der Wallstreet, residiert Daniel Libeskind hoch oben in einem altmodischen Wolkenkratzer. Besucher müssen am Eingang die obligatorische und lästige Sicherheitskontrolle über sich ergehen lassen. Dann geht es mit dem Fahrstuhl ins 19. Stockwerk. Hier treffe ich den 63-jährigen Architekten in seinem Büro. Blickt man aus dem Fenster, kann man gerade noch die Umrisse der Freiheitsstatue erspähen. Auf den Tischen liegen Berge von Büchern, Notizblöcke, dazwischen Bilder der Enkelkinder, die in Berlin leben. Alle paar Minuten klingeln Faxgerät und Telefon.

Montage Freedom Tower (Quelle: AP)

Eines seiner wichtigsten Projekte: der Freedom Tower in New York

Kreative Betriebsamkeit

Etwa 70 vor allem jüngere Mitarbeiter sind hier in New York für Libeskind tätig. In einem Großraumbüro zwischen Computern, Entwurfszeichnungen und kleinen Holzmodellen herrscht rege Betriebsamkeit. Decken und Wände sind unverputzt, Heizungs- und Belüftungsrohre hängen frei im Raum. Der graue Betonfußboden strahlt alles andere als Behaglichkeit aus. Von hier aus laufen die Fäden zusammen für Libeskinds Projekte in aller Welt: Kürzlich wurde ein riesiges Unterhaltungs- und Einkaufszentrum in Las Vegas eröffnet.

Derzeit arbeiten Libeskind und sein Team an einen Theaterkomplex für Dublin, dem militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden und der Stadtuniversität Hongkong. Ehefrau Nina leitet das Architekturbüro und ist für Personalfragen der weltweit 140 Mitarbeiter zuständig. An den Wänden hängen Libeskinds Entwürfe für das ehemalige World Trade Center. Der Masterplan für Ground Zero in New York gehört neben dem Jüdischen Museum Berlin zu seinen wichtigsten Projekten.

Daniel Liebeskind (Foto: Michael Marek)

70 Architekten arbeiten in seinem New Yorker Büro

Holocaust und polnischer Antisemitismus

Libeskind wurde am 12. Mai 1946 im polnischen Lodz geboren. Sein Vater arbeitete als Maler und Drucker, die Mutter in einer Fabrik. Angesichts des Antisemitismus im eigenen Land wanderte die Familie 1957 nach Israel aus, erzählt Libeskind: "Bis zu meinem 11. Lebensjahr bin ich in Polen aufgewachsen. Ich ging dort zur Schule, ich spreche noch immer polnisch, lese und schreibe polnisch. Meine Eltern waren Juden; ich war Jude. Es gab einen starken Antisemitismus in Polen. Wir gehörten nicht zur Kommunistischen Partei und ihren Sympathisanten. So wurden wir zur Zielscheibe."

Libeskind lächelt, ein Leuchten erstrahlt auf seinem Gesicht, wenn er über seine Biographie und seine drei erwachsenen Kinder spricht. In rasender Geschwindigkeit redet da einer ins Mikrophon, der sehr gut Deutsch versteht, aber nur auf Englisch antwortet; einer, der mit Hingabe auf meine Fragen antwortet, stets freundlich, im schwarzen Rollkragenpullover, braunem Ledersakko und feiner Designerbrille: "Meine Tanten, Onkels und Cousinen wurden während des Holocausts ermordet. Nur wir waren übrig geblieben."

In Israel beginnt der junge Daniel Musik zu studieren und gibt erste Konzerte. Doch schon bald zieht es ihn in die Vereinigten Staaten, wo er 1965 US-amerikanischer Staatsbürger wird. Sein Studium schließt er in England in Architekturgeschichte und –theorie ab. Danach lehrt Libeskind an zahlreichen Universitäten in aller Welt. Seit 2006 kommt er regelmäßig aus New York ins kleine beschauliche Städtchen Lüneburg bei Hamburg, wo er als Lehrbeauftragter der Universität tätig ist.

Büro von Daniel Liebeskind (Foto: Michael Marek)

Das Großraumbüro des Großmeisters

Internationale Anerkennung wird Libeskind 1989 zuteil, als er den ersten Preis für seinen Entwurf des Jüdischen Museums Berlin gewann. Dafür siedelte er zwischenzeitlich in die deutsche Hauptstadt über. Seine Verwandten, von denen die meisten während der Shoah ermordet wurden, "konnten das nicht verstehen, dass wir mit unseren Kindern nach Deutschland zogen", sagt Libeskind, "die haben uns für verrückt gehalten!"

Spätberufener Architekt

Bevor er im Alter von 52 Jahren sein erstes Bauvorhaben fertig gestellt hatte, war Libeskind fast ausschließlich in der universitären Lehre tätig und hat mit seinen dekonstruktivistischen Ideen eine ganze Architektengeneration beeinflusst: "Mein Leben hat sich in einer umgekehrten Reihenfolge entwickelt. Es war zuerst vom Nachdenken bestimmt, dem Reflektieren, dem Theoretisieren und nicht vom öffentlich tätigen Arbeiten. Erst jetzt bin ich richtig beschäftigt und arbeite in der ganzen Welt. Das ist gut, weil die Theorie praktisch wird und man nicht umgekehrt aufgrund der Praxis theoretisiert."

Ob er jetzt wieder nach Berlin zurückkehren werde, will ich am Ende des Gesprächs augenzwinkernd von Libeskind wissen. Schließlich hat er zugesagt, den Erweiterungsbau des Jüdischen Museums Berlin zu entwerfen. Libeskind lacht verschmitzt. Natürlich trage er "Berlin in seinem Herzen", obwohl er jetzt in New York arbeiten und leben würde. Ein Medienprofi, der sich diplomatisch um eine Antwort herumschifft und im Gehen noch schnell hinterher wirft, dass ihm der Erweiterungsbau für das Jüdische Museum sehr wichtig sei. Die nächste Mitarbeiterkonferenz wartet bereits.

Autor: Michael Marek

Redaktion: Manfred Götzke

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