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Wissen & Umwelt

Scheu, schreckhaft und konservativ - Piranhas als Haustiere

Blutrünstige Monster, die in Sekunden alles bis auf die Knochen abnagen - Piranhas haben einen schlimmen Ruf. Umso überraschter war DW-Reporterin Brigitte Osterath, als sie sieben Vertreter der Art näher kennenlernte.

Eine Frage bekommt man als Piranha-Besitzer ständig zu hören: "Was passiert denn, wenn Du mit der Hand in das Aquarium gehst?" Viele meiner Mitmenschen glauben, dass die Raubfische mit den spitzen Zähnen dann sofort angeschossen kommen und mir in Sekundenbruchteilen das Fleisch von Hand und Arm reißen. Übrig bleibt in der Phantasie dieser Leute nichts außer einem skelettierten Unterarmknochen.

Die eher langweilige Antwort auf die Frage, was die Piranhas machen, wenn sie meine Hand dicht vor sich sehen, lautet: Sie schwimmen weg. Die blutrünstigen Raubfische aus dem Amazonas sind in Wirklichkeit nämlich ziemlich scheu. Menschenhände finden sie eher unheimlich - im besten Fall uninteressant. Doch zugegeben: Auch ich musste das erst lernen.

Roter Piranha Foto: Rainer Dückerhoff

Charakteristisch für den Piranha ist besonders bei älteren Exemplaren der starke Unterbiss

Sieben Rotbäuche als Mitbewohner

Anfang dieses Jahres wollte es der Zufall, dass diese außergewöhnlichen Haustiere bei mir einzogen: sieben Exemplare von Pygocentrus nattereri, Natterers Sägesalmler genannt oder einfach: Roter Piranha. Ja, richtig: Das sind die Raubfische mit den roten Bäuchen und den golden-glänzenden Schuppen, die im Amazonas im tropischen Südamerika leben. In freier Natur bilden mehrere hundert Exemplare einen Schwarm und gehen gemeinsam auf Jagd.

Piranhas sind für ihre Aggressivität und ihre tödlichen Angriffe auf Menschen bekannt. Angeblich sollen die Raubfische ganze Kühe - und auch Menschen - in Blitzeseile bei lebendigem Leib auffressen. Schon der Naturforscher Alexander von Humboldt beschrieb im Jahr 1821 die Piranha-Art Pygocentrus cariba: "Er fällt die Menschen beim Baden und Schwimmen an und beißt ihnen oft ansehnliche Stücke Fleisch ab."

Die Horrorgeschichten haben tatsächlich einen wahren Kern. Piranhaschwärme können gefährlich werden - allerdings nur, wenn sie richtig Hunger haben.

Roter Piranha Foto: Rainer Dückerhoff

Warten auf Beute: der rote Piranha

Menschenfleisch nur im Notfall

Wenn in der südamerikanischen Trockenzeit kleinere Nebenflüsse des Amazonas austrocknen, passiert es, dass Piranhas in isolierten Wassertümpeln gefangen werden. Schnell haben die Raubfische alles aufgefressen, was dort kreucht und fleucht - dann beginnen sie zu hungern.

Nach wochen- oder sogar monatelangem Ausharren in diesen Resttümpeln sind die kleinen Kerlchen so ausgehungert, dass sie jegliche Scheu vergessen. Sobald irgendetwas Fressbares in ihr nasses Gefängnis fällt, stürzen sie sich darauf. Dann können ihnen tatsächlich ganze Kühe und Menschen zum Opfer fallen.

Die Bewohner Südamerikas wissen genau, zu welchen Zeiten sie welche Wasserstellen meiden sollten. Baden aber Kinder in Flüssen, in denen Piranhas leben, ist klar: Hier haben die Fische keinen Hunger, es droht keine Gefahr. Menschen frisst der Piranha nur im absoluten Notfall, in den allermeisten Fällen vertilgen sie lediglich andere Fische, Krebse und Weichtiere.

Aber auch ich habe mich von den Horrorgeschichten beeinflussen lassen. Erst nach drei Monaten habe ich mich getraut, ohne jegliche Schutzvorrichtung ins Aquarium zu greifen, um dort Arbeiten zu verrichten. Inzwischen habe ich keine Angst mehr vor den kleinen Beißerchen. Was nicht heißt, dass man nicht vorsichtig sein muss: Ein Piranha, der sich erschreckt oder in die Enge gedrängt fühlt, beißt zwar nicht aus Hunger und Blutrunst zu, aber möglicherweise aus simpler Selbstverteidigung. Und wenn ich mir die vielen spitzen Zähnchen so ansehe, würde das bestimmt ordentlich weh tut.

Was der Piranha nicht kennt, das frisst er nicht

Piranhas sind konservativ. Veränderungen schätzen sie ganz und gar nicht. Auch nicht bei der Ernährung.

Im Amazonas wirken Piranhas als Gesundheitspolizei. Sie fressen kranke und verletzte Fische und verhindern so, dass sich Krankheiten ausbreiten. Große Feinschmecker scheinen sie nicht zu sein.

Aquarium-Piranhas aber sind wählerischer, habe ich festgestellt. Meine sieben "Raubfische" mögen längst nicht alles, was ich ihnen ins Aquarium werfe - egal ob das tote Fische, Meeresfrüchte oder teures Lachsfilet aus dem Supermarkt ist.

Offensichtlich fressen Piranhas erstmal nur das, was sie kennen. Gibt es beispielsweise immer ganze Forelle zum Abendessen, fressen sie nur ganze Forellen. Es hat gut zwei Monate gedauert, meine Piranhas an ihr neues Futter zu gewöhnen: tote Stinten aus dem Zoobedarf. Die kannten sie von ihrem Vorbesitzer nicht. Auch Veränderungen im Aquarium - neuen Pflanzen, Wurzeln oder Steinen - scheinen sie eher kritisch gegenüber zu stehen. Am liebsten ist es ihnen, wenn alles so bleibt, wie es ist.

Nur im Schwarm glücklich

Piranhas leiden relativ schnell an Stress. Zu viel Licht, zu heller Kies, zu viel Lärm und Tamtam rund ums Aquarium mögen sie nicht. Außerdem brauchen sie viele Verstecke, in die sie sich zurückziehen können.

Sie sind allerdings recht neugierig. Meine Piranhas schauen mir beispielsweise gerne zu, wenn ich Gymnastik vor ihrem Aquarium mache. Sie wirken dabei durchaus interessiert.

Roter Piranha Foto: Rainer Dückerhoff

Mit mehreren ist man stark: Piranhas schätzen das Leben im Schwarm

Wirklich glücklich sind sie aber nur mit mehreren Artgenossen. Einzelne Piranhas neigen zu Panikreaktionen. Im Schwarm fühlen sie sich am wohlsten und am sichersten.

Das heißt allerdings nicht, dass in der Truppe immer alles harmonisch zugeht. Ganz im Gegenteil: Piranhas streiten sich regelmäßig und kämpfen sogar. Dabei machen sie - für mich anfangs irritierende - und furchterregende Geräusche mit ihrer Schwimmblase. Sie beißen sich im Eifer des Gefechts auch schon mal Stücke ihrer Flossen ab. Die wachsen allerdings recht schnell wieder nach.

Piranha im Stuttgarter Zoo Foto: Magnus Heier

DW-Reporterin Brigitte Osterath ist ein großer Piranha-Fan

Kleine Persönlichkeiten

Noch eine weitere Frage wird mir regelmäßig gestellt: "Kannst Du die einzelnen Piranhas auseinanderhalten?" Antwort: Ja, klar. Die sind nicht nur unterschiedlich groß, sondern haben alle auch irgendwelche besonderen Körpermerkmale. So wie vermutlich jedes andere Tier auch.

Piranhas werden in Gefangenschaft übrigens bis zu 30 Jahre alt - älter also als jeder Hund. Und daher haben meine Piranhas auch alle Namen: Seamus, Hannibal, Hector, Carlos, Vito, Piet und El Niño.

Piranhas sind wirkliche Charakterfische. Und darum mag ich sie so.

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