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Sprachbar

Scheren und scheren

Als Schneidewerkzeuge kennt sie jeder: die Scheren. In manchen Berufen kommt man schwerlich ohne sie aus. Manche scheren sich aber nicht darum, ob sie eine Schere haben oder nicht. Sie wollen keine Scherereien haben.

In fast jeder Zeitschrift, in Werbeprospekten und Postwurfsendungen finden wir sie: die Coupons und Postkarten zum Ausschneiden. Bei manchen Karten folgt man gerne der Aufforderung "Bitte ausreichend frankieren, falls Marke zur Hand" – vor allen Dingen, wenn Gewinne locken. Bei einer so freundlichen Aufforderung greift man doch gern zur Schere.

Erste Scheren

Dieses – wie es im Lexikon definiert wird – in seiner umfassendsten Bedeutung schneidende Gerät gibt es schon seit Jahrtausenden. Die vielleicht älteste und einfachste Schere gibt es in allen Ländern der Erde, wo Ackerbau betrieben wird. Sie ist der Teil des Pfluges, mit dem der Boden umgeschoren wird: Die Pflugschar.

Deutschland Auto VW Käfer mit Pflug 1950

Ein besondere Art, den Boden umzuscheren

Interessanterweise hat sich das niederländische schaar für Schere in diesem Wort bis heute erhalten. Zumindest im Deutschen. Nicht beim Pflügen, sondern bei archäologischen Ausgrabungen hat man Scheren gefunden, die nachweislich schon von den Germanen benutzt wurden. Und zwar zum Haareschneiden.

Die Haarscheren

Die Germanen schnitten mit diesen Haarscheren im wahrsten Sinne des Wortes die alten Zöpfe ab und trugen ihren Kopfschmuck deutlich kürzer. Nach und nach wurde das Schneidwerkzeug für den Hausgebrauch verfeinert, denn die groben Dinger zum Scheren von Schafen taugten wenig für richtige Frisuren.

Offensichtlich legte man schon damals großen Wert auf gut geschnittenes Haar. Selbst im Jenseits sollten verdiente Krieger darauf nicht verzichten. Wie sonst wäre zu erklären, dass sich in den Heldengräbern fein gearbeitete Scheren fanden.

Mein Kopf gehört nicht mir

Die Art wie jemand seine Haare trug, war jedoch keineswegs ihm selbst überlassen. Nur die Herren, beziehungsweise die sogenannten Freien, hatten das Privileg der individuellen Frisur. Die Knechte mussten allesamt kurz geschoren sein. Hielten sie sich nicht an diese strenge Regel, bekamen sie Scherereien und wurden bestraft.

Frauen im römischen Kaiserreich, die sich nicht darum scherten, denen es also gleichgültig war, dass sie verheiratet waren und ihre Männer betrogen, mussten dies auf ganz besondere Weise büßen. Ihnen wurde mit einer besonders groben Schere das Haar abgeschnitten. Sie wurden geschoren, kamen also nicht ungeschoren davon. Sie wurden so für ihre Missetaten bestraft.

Kahlgeschoren

Als Demütigung wird bis heute noch angesehen, wenn jemandem der Kopf kahlgeschoren wird, zum Beispiel den Kriegsgefangenen und Kollaborateuren. Die Schande, mit dem Feind zusammengearbeitet zu haben, wird in aller Öffentlichkeit gesühnt. Mit dem Schermesser.

Britney Spears mit kahlgeschorenem Kopf

Freiwillig kahlgeschoren: Die Popsängerin Britney Spears

Hört man in Süddeutschland den Ausdruck G'scherter, sollte man nicht stolz sein. Dann nämlich betrachten einen die Mitmenschen als rücksichtslos und gemein. Der Volksmund erfand viele mildernde, ja manchmal gar scherzhafte Ausdrücke, um Grausamkeiten der verschiedensten Art wenigstens ein bisschen von ihrem Schrecken zu nehmen. Einer davon ist jemanden trocken scheren – der- oder diejenige wurde durch Enthaupten hingerichtet. Die Schere in ihrer ursprünglichen Bedeutung spielt dabei keine Rolle mehr.

Auseinanderklaffende Scheren

Wie so viele andere Wörter auch, erscheinen Schere und scheren in Ausdrücken, die mit ihrer Grundbedeutung kaum noch etwas zu tun haben. Wenn beispielsweise die Schere zwischen armen und reichen Ländern immer weiter auseinanderklafft, so ist damit gemeint, dass es den einen immer schlechter, den anderen immer besser geht.

Leider scheren sich allzu viele einen Dreck darum. Hauptsache mir geht's gut. Kümmert mich nicht. Nur keine Scherereien, keinen Ärger, keine Unannehmlichkeiten haben. Aber nicht jeder denkt so. Man darf nicht alle Menschen über einen Kamm scheren, was nicht wörtlich zu nehmen ist.

Den Teufel besuchen

Nicht wörtlich nehmen sollte man auch die Aufforderung "Scher dich zum Teufel!". Dann macht wird einem nämlich unmissverständlich klargemacht, dass man verschwinden soll, weil der andere einen nicht mehr sehen will. Schert sich dieser Jemand aber dann wieder um einen, kümmert sich also wieder um einen, dann weiß man, dass der Fehltritt doch nicht so schlimm war.

Dieses Scher hat mit der Schere allerdings nur Aussprache und Schreibweise gemeinsam. Es stammt von dem frühneuhochdeutschen schern und bedeutet einerseits so viel wie schnell weglaufen, sich davonmachen, andererseits sich um etwas kümmern. Wie sich diese doppelte Bedeutung von scheren herausgebildet hat, ist unbekannt.

Scherenschnitte

Ein Scherenschnitt von Goethe

Goethe als Scherenschnitt

Zurück zu den eigentlichen Scheren – denen, die schneiden, durchtrennen, abschneiden oder formen. Da gibt's Blumen-, Draht-, Geflügel-, die Haut-, Nagel- und Papierschere. Wahre Künstler sind diejenigen, die aus Papier oder Pappe Scherenschnitte herstellen. Entweder von Personen oder von Dingen.

Sie haben auch Scheren: Krebse und Hummer. Aber nicht zum Schneiden, sondern zum Zupacken und Verschleppen ihrer Beute. Und wer im Fußball schert, der wendet eine ausgeklügelte Beintechnik an, um am Ball zu bleiben..

Wahre Berufung

Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zu den Coupons zum Ausschneiden: Die richtigen Couponschneider sind keine Spezialscheren, sondern Leute, die früher die Zinsabschnitte an ihren Wertpapieren abtrennten – mit einer Papierschere versteht sich – und diese dann an die Bank schickten. Scherenschleifer dagegen sind wirklich, was der Name besagt: Menschen, die stumpf gewordene Scheren wieder schärfen. Doch – scharf beobachtet – gehört dieses Handwerk bald der Vergangenheit an. Leider!

Fragen zum Text

Die Redewendung alte Zöpfe abschneiden stammt aus der Zeit der …

1. Germanen.

2. Neandertaler.

3. Griechen.

Wenn jemand eine Schere im Kopf hat, dann …

1. ist jemand auf eine Schere gestürzt und hat sich verletzt.

2. übt jemand Selbstzensur.

3. überlegt jemand, wo etwas herausgeschnitten werden kann.

Ich will keine Scherereien haben bedeutet, dass jemand …

1 keine Scheren in der Hand halten will.

2. besondere Eier nicht mag.

3. keinen Ärger will.

Arbeitsauftrag

Spielen Sie ein Ratespiel: Wählen Sie jemanden aus Ihrer Gruppe, der alle Redewendungen und Bedeutungen von Schere und scheren auf kleine Karten schreibt. Finden Sie weitere Bedeutungen, die nicht in unserer Sprachbar aufgeführt sind. Stapeln Sie die Karten übereinander. Jeder aus der Gruppe zieht sich eine Karte. Er/sie stellt pantomimisch dar, was auf der Karte steht. Die anderen in der Gruppe müssen die Redewendung oder das Wort erraten.

Autor: Michael Utz

Redaktion: Beatrice Warken

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