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Wirtschaft

Scheinheilige Appelle aus Washington

Währungsturbulenzen und Wechselkurskonflikte bestimmten die Jahrestagung von IWF und Weltbank, aber die vorgebrachten Lösungsvorschläge waren allzu oberflächlich und einseitig. Rolf Wenkel kommentiert.

Themenbild Kommentar Grafik Symbolbild

Die Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington hat zwei vermeintliche Sieger nach Punkten hervorgebracht. Dem amerikanischen Finanzminister Timothy Geithner ist es scheinbar gelungen, Chinas Währungspolitik als alleinige Ursache für die globalen Ungleichgewichte und Wechselkursturbulenzen darzustellen. Und dem Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, ist es gelungen, sich und die von ihm repräsentierte Organisation als Retter des Weltwährungssystems ins Spiel zu bringen. Französische Zeitungen schreiben schon, er könne, wenn er wolle, Nicholas Sarkozy als nächsten französischen Präsidenten ablösen.

Doch wie das so ist bei Punktsiegern: Sie haben längst nicht alle Beobachter überzeugt. Denn weder ist China der alleinige Verursacher der globalen Ungleichgewichte und Währungsturbulenzen, noch ist die internationale Finanzfeuerwehr IWF automatisch dazu berufen, eine neue Weltwährungsordnung zu gestalten. Eine Feuerwehr bekämpft Brände - Regeln und Gesetze zum Brandschutz müssen aber andere Gremien schaffen. Zum Beispiel die 20 wichtigsten Industrie und Schwellenländer, deren Vertreter sich im November in Südkorea treffen.

Spätfolge Währungskrieg

Rolf Wenkel (Foto: DW)

Es kommentiert: Rolf Wenkel

Drei Jahre nach dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sind in Washington immer noch deren Spätfolgen zu besichtigen, diesmal an der Währungsfront. Zwar ist es durch die beispiellose Zusammenarbeit der G20 und ihre Beschlüsse von London, Pittsburgh und Toronto gelungen, die Folgen der Krise abzumildern und die Phase der globalen Rezession relativ kurz zu halten - doch welchen Preis die Regierungen dafür zahlen müssen, das stellt sich erst jetzt heraus: Es droht ein Rückfall in nationale Alleingänge und Protektionismus - das Wort vom Währungskrieg macht die Runde.

Und das ist kein Zufall. Finanzkrisen führen fast zwangsläufig zu Schuldenkrisen der Staaten. Denn hohe Arbeitslosenraten, Rettungsschirme und Konjunkturprogramme lassen die öffentlichen Defizite explodieren. Daraufhin verordnen sich die Staaten drastische Sparmaßnahmen, was die Nachfrage abwürgt und die Gefahr einer erneuten Rezession erhöht. Die Notenbanken halten ihre Zinsen bei Null oder nahe Null, und das Kapital sucht sich die Orte, wo es besser verzinst wird. Und das sind die Schwellenländer, die zwei bis dreimal schneller wachsen als die Industrienationen, und die der Internationale Währungsfonds deshalb als die neuen Motoren des globalen Wachstums feiert.

Richtig glücklich...

...sind die neuen Stars mit ihrer Rolle aber nicht. Denn sie verzeichnen zum Teil ganz massive Kapitalzuflüsse. Und das bringt ihre Währungen unter Aufwertungsdruck. Brasilien hat vor kurzem die Notbremse gezogen, Kapitalverkehrskontrollen eingeführt und die Steuer auf ausländische Kapitalzuflüsse erhöht. Andere Länder sind kurz davor, diesem Beispiel zu folgen. Doch nicht nur in den Schwellenländern wächst das Unbehagen: Japan hat im September erstmals seit Jahren mit massiven Dollarkäufen am Devisenmarkt versucht, den Höhenflug des Yen zu stoppen. Und der Euro, dem im Frühjahr noch viele Beobachter den Tod voraussagten, ist in den vergangenen Monaten gegenüber dem Dollar so stark gestiegen, dass der Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, in Washington von einer "überbewerteten" europäischen Gemeinschaftswährung spricht.

All diese Indizien deuten auf einen einzigen Befund: Der Dollar wertet ab gegenüber dem Rest der Welt. Immer weniger Investoren scheinen davon überzeugt zu sein, dass die USA jemals die Rechnung für ihren jahrzehntelangen Konsum auf Pump werden bezahlen können. Nur China versucht mit dirigistischen Mitteln, eine Aufwertung des Yuan zu verhindern. Dabei will China durchaus nicht der Sündenbock sein - es hält die Zeit nur noch nicht für reif für eine Aufwertung. Alle staatlichen Programme in China dienen nur einem Ziel: Den schnellen Aufbau einer großen, kaufkräftigen Mittelschicht, die Stärkung der Binnennachfrage, um eines Tages nicht mehr ausschließlich vom Export abhängig zu sein. Doch das gelingt nicht von heute auf Morgen.

China bestimmt Tempo

Würde der Yuan morgen freigegeben, verlöre der Dollar gegenüber der chinesischen Währung vermutlich zwischen zehn und 40 Prozent an Wert. Dass damit Chinas Devisenreserven 40 Prozent weniger wert wären, wäre noch das geringste Problem. Tausende Exportfirmen würden auf einen Schlag in den Konkurs getrieben und Millionen von Menschen arbeitslos. Das kann die Regierung nicht zulassen, wenn sie soziale Unruhen vermeiden will. China will und wird aufwerten - lässt sich aber Tempo und Ausmaß nicht diktieren. Und schon gar nicht von einem amerikanischen Finanzminister. Der sieht übrigens seelenruhig zu, wie die Brasilianer über einen starken Real, die Japaner unter einem starken Yen und die Europäer unter einem starken Euro stöhnen. So gesehen klingen Warnungen vor einem weltweiten Abwertungswettlauf schon etwas scheinheilig – vor allem, wenn sie von Amerikanern ausgesprochen werden.

Autor: Rolf Wenkel, Washington
Redaktion: Christian Walz

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