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Sprachbar

Schein

Wo genau der Unterschied zwischen "scheinbar" und "anscheinend" liegt, wissen viele nicht. Klar jedoch ist, der Schein ist nicht die Realität, sondern das, was wir von der Realität wahrnehmen. Oder wahrnehmen wollen.

Was wollen wir sehen? Sind es im physikalischen Sinn jene Bilder, die auf der Netzhaut unseres Auges abgebildet werden, also das, was uns umgibt? Falls nicht, können wir zwar die Augen vor diesen Bildern verschließen, aber sie bleiben dennoch gegenwärtig. Es gibt so etwas wie die inneren Bilder. Abbilder. Es sind dies Abbilder der realen Welt, die wir gewissermaßen als Erinnerung speichern. Wenn wir einmal das Brandenburger Tor gesehen haben, werden wir zeitlebens wissen, wie es aussieht. Daneben aber gibt es die Wunschbilder, die in uns und nur für uns Gestalt annehmen, die wir aber so gerne in Wirklichkeit verwandelt sähen. Zum Beispiel Bilder der Ruhe, des inneren und äußeren Friedens. Sie erscheinen im Schein der Kerzen, jetzt, zu Weihnachten.

Besinnlicher Kerzenschein

Was geschieht, wenn die Kerzen angezündet sind? Es breitet sich etwas aus, was oft mit heimeliger Atmosphäre, Besinnlichkeit, Gemütlichkeit, Wärme beschrieben wird. Dies scheint sich einzustellen, wenn sich das Licht im Schein der Kerzen ausbreitet. Aber er selbst, der Lichtschein ist ja weder Wärme noch Gemütlichkeit; er ist scheinbar und damit Licht.

Und was bedeutet "scheinbar"? "Scinbari", das althochdeutsche Wort, ist der Ursprung von "scheinbar". "Scinbari" war das Wort für "Licht bringen", "Licht herantragen", "Helligkeit bringen". Was Helligkeit bringt, eine Lichtquelle also, ist selbst gut sichtbar. Kerzen-, Sonnen- und Mondschein macht immer auch Kerze, Sonne und Mond sichtbar. Dieses Wort "scheinbar" – "Licht tragen" – hat im Laufe der Zeit seine Bedeutung nicht grundlegend verändert, aber verfeinert.

Besser anscheinend als scheinbar gerettet

Im 18. Jahrhundert tritt der Aspekt der sinnlichen Wahrnehmung zurück und macht der Bedeutung von "geistiger Wahrnehmung" im Sinne von "erkennbar" Platz. Was aber im geistigen Sinne erkennbar ist, muss nicht unbedingt eine Entsprechung im Realen haben. Das Erkannte kann als Ergebnis eines Denkprozesses lediglich einleuchtend oder wahrscheinlich sein; muss aber nicht stimmen; nicht richtig sein. Und jetzt sind wir bei der heutigen Bedeutung und dem Gebrauch von "scheinbar" angekommen. "Scheinbar", der Gegensatz zu "wirklich", "scheinbar" drückt einen der Wirklichkeit nicht entsprechenden Schein aus.

Und was ist mit "anscheinend"? Man könnte so sagen: An das Anscheinende möchte man glauben, es für richtig, für zutreffend halten. Da man aber nicht weiß, ob es tatsächlich so ist, wird man sich nicht dafür verbürgen. "Anschein" beinhaltet auch Zweifel. Ein Beispiel: "Es hat den Anschein, als ob alle gerettet werden könnten", bedeutet: Die Rettung mag gelingen, aber sie kann genauso gut misslingen.

So tun als ob

Wir bitten um Nachsicht, wenn dieses Stichwort zum Thema "Schein" etwas kompliziert daherkommt. Nur: Das Wort und sein Begriff sind nicht ganz einfach zu erklären. Eine häufig verwendete Redensart der deutschen Sprache ist: "Mehr Schein als Sein". Wir wissen alle, was damit gemeint ist.

Der Ausdruck kennzeichnet zum Beispiel das Missverhältnis zwischen der – natürlich – äußeren Erscheinung eines Menschen und seinem Verhalten, seiner Art, seinem Charakter. Der Schein trügt eben. Und: Der Schein erweckt den Anschein, als wäre etwas so, wie es zu sein vorgibt.

Keine Lüge, nur ein Symbol

Wir kommen noch einmal zum Schein der Kerze, zum Kerzenschein. Zu einer rein physikalischen Erscheinung. Die brennenden Kerzen, die Lichterketten, die leuchtenden Weihnachtsbäume allüberall erwecken nur den Anschein von Frieden, Geborgenheit, und Ruhe. Die Nachrichten zur jeweils vollen Stunde bestätigen uns dies auch an Weihnachten in aller Härte. Das Licht der Kerzen, der schöne Schein, ist nur Symbol. Das wahre Licht geht vom Menschen aus. Um es mit den Worten der Christen zu sagen: vom Menschensohn, der seinen Nachfolgern mit auf den Weg gab: "Ihr seid das Licht der Welt."


Fragen zum Text:

Eine Sache, die anscheinend auf eine bestimmte Weise beschaffen ist, ist in Wirklichkeit …?

1. nicht so

2. soweit man erkennen kann, so

3. ganz sicher so

Eine verbreitete Redensart lautet vollständig: Mehr Schein als …?

1. Wein

2. rein

3. Sein

"Scheinbar" in seiner ursprünglichen Form bedeutete …?

1. Licht bringen

2. abbilden

3. mit einem Geldschein bezahlen

Arbeitsauftrag:

Stellen Sie sich vor, Sie sind auf einer Feier, und alle Gäste geben schrecklich an und tun so, als ob Sie ein anderes Leben führen würden. Auch Sie möchten nun etwas vorgaukeln, was Sie nicht sind, aber gerne wären. Was würden Sie erzählen? Benutzen Sie dabei den Konjunktiv.

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