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Alltagsdeutsch – Podcast

Scheidung

Hochzeiten sind so romantisch, Scheidungen hingegen weniger schön. Oft folgt auf eine lange Ehe der Streit ums Geld. Obwohl jede dritte Ehe in Deutschland geschieden ist, heiraten Menschen trotzdem noch – zum Glück.

Mann:

"Ich weiß nicht, warum ich Dich überhaupt geheiratet habe. Von morgens bis abends macht Du mir das Leben zur Hölle."

Frau:

"Ach ja, dann geh doch. Mir reicht es. Ich lass’ mich scheiden!"

Sprecherin:

Ich lasse mich scheiden! Immer häufiger schmeißen sich Eheleute hierzulande diesen Satz an den Kopf. Fast jede dritte Ehe landet mittlerweile vor Gericht, Tendenz steigend. Haben Ehepartner sich erst mal zu diesem Schritt entschlossen, dann gibt es zwei Typen von Trennungswilligen, weiß der Kölner Anwalt Thomas Grüner aus Erfahrung:

Thomas Grüner:

"Also ich habe ganz häufig Mandanten, die zu mir kommen und sagen, Herr Grüner, wir wollen geschieden werden, alles haben wir schon untereinander abgesprochen, uns geht es nur drum, wie man es am schnellsten abwickelt. Aber es gibt sicherlich die Ehen, wo Fronten sich verhärten in der Zeit und genau die Schlammschlachten, die berühmten Rosenkriege, tatsächlich stattfinden, in der Regel im Unterhaltsrecht und im Güterrecht. Im Unterhaltsrecht gibt es Verfahren, wo wirklich um jeden Euro gefeilscht wird."

Sprecherin:

Zu erbitterten Kämpfen kommt es meist schon in der letzten Phase einer Noch-Ehe, vor allem dann, wenn einer der Partner sehr verletzt wurde. So erging es auch Christiane M., als sie nach 16 Jahren Ehe erfuhr, dass ihr Mann fremdging. Für die Mutter von vier Kindern brach eine Welt zusammen:

Christiane M:

"Bei uns sind zweieinhalb Jahre lang die Fetzen geflogen. Zum Schluss hatten wir uns so ineinander verbissen, da ging nichts vor und nichts zurück. Wir haben uns massiv angebrüllt, richtig gekämpft miteinander. Das war wirklich massiv unter der Gürtellinie. Die Kinder haben sehr gelitten. Und der Älteste ist mal gekommen während eines Streits und hat gesagt: Lasst euch lieber scheiden als diese Schreierei hier den ganzen Tag."

Frau:

„Du hast schon wieder nicht gesehen, dass ich den verdammten Müll vor der Tür stehen hab. Was mach ich eigentlich hier? Ich schufte und mache hier den ganzen Tag und du sitz nur auf deinem Hintern rum.“

Sprecher:

Christiana B. und ihr Mann fochten den klassischen Rosenkrieg aus. So nennt man es, wenn Ehepartner sich mit allen Mitteln bekriegen. Dieser Ausdruck geht auf den Kampf der britischen Adelshäuser York und Lancaster zurück, die sich im 15. Jahrhundert 30 Jahre lang blutig um die Thronfolge stritten. Die Yorks trugen eine weiße, die Lancaster eine rote Rose im Wappen. Oft artet der Rosenkrieg in eine regelrechte Schlammschlacht aus, der Streit wird mit anrüchigen und unfairen Mitteln ausgetragen. Man wühlt im wahrsten Sinne des Wortes im Dreck und versucht, verborgene Dinge aus dem Leben des anderen aufzudecken. Wenn bei einem Streit Worte gezielt unter die Gürtellinie gehen, sind sie besonders beleidigend und verletzend. Die Redewendung stammt aus dem Boxring. Schlägt ein Boxer seinem Gegner unter die Gürtellinie, trifft er den besonders sensiblen Bereich.

Sprecherin:

Es fällt auf, dass Redewendungen und Ausdrücke rund ums Thema Scheidung oft aus einem kriegerischen und kämpferischen Umfeld stammen. So wie bei einem Gefecht die feindlichen Bataillone in Stellung gehen und keines nur einen Zentimeter zurückweicht, verhärten sich die Fronten beim Ehekrach. Keiner macht einen Schritt auf den anderen zu, keiner will nachgeben. Irgendwann kommt es dann zur riesigen Auseinandersetzung: Es fliegen die Fetzen, es wird also sehr heftig gestritten. Wenn man sich dann ineinander verbissen hat, kommt man nicht mehr voneinander los. Automatisch assoziiert man das Bild zweier Kampfhunde. Anwalt Thomas Grüner:

Anwalt Thomas Grüner:

"Es gibt ganz viele Straftaten, die in Zusammenhang stehen mit dem Ende einer Ehe, wo Übergriffe stattfinden auf den Expartner oder auf den Richter oder den Anwalt der Gegenseite. Es gibt in den Obdachlosenunterkünften viele, die nach ihrer Ehe überhaupt nicht mehr innerlich Fuß gefasst haben."

Sprecherin:

Solche Extreme sind allerdings nicht die Regel, aber wenn der Traum vom gemeinsamen Glück zerbricht, ändert sich doch vieles, erzählt Manfred B.:

Manfred B.:

"Wir haben ja zusammen ein Haus eingerichtet, und Ich bin praktisch mit ’nem Besteck und ’nem Frühstücksbrettchen da raus gegangen und hab meiner Frau das alles gelassen. Das sind so viele kleine Details, die da eine Rolle spielen, gemeinsame Unternehmungen, gemeinsame essen, gemeinsam schlafen, in Urlaub fahren, Gewohnheiten am Partner, Spleens, Nettigkeiten, die dann plötzlich von einem Tag auf den anderen wegfallen. Man ist dann sehr, sehr isoliert und fällt dann doch in ein gewaltiges Loch rein. Meine Frau, die hat immerhin noch die Kinder gehabt, die entsprechend ablenken. Ich kam mir total isoliert vor."

Sprecherin:

Zügige Scheidung ohne Stress nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Trennungsjahr - diese Hoffnung hat Manfred B. längst aufgegeben. Zumal seine Ex-Frau sich nicht gerade kooperativ zeigt. Langsam, meint der Vater zweier Kinder, mutiere er zum Experten in Sachen Unterhalt und Sorgerecht, und er ist felsenfest überzeugt, dass Väter vom Gesetzgeber benachteiligt werden.

Manfred B.:

"Der Mann hat den Unterhalt zu leisten und wenn da aber was nicht bezahlt wird, dann ist also das Gericht, in kürzester Zeit steht das auf der Matte und geht dann halt hin bis zur Gehaltspfändung, um den finanziellen Unterhalt der Frau zu sichern. Seitenverkehrt, wenn die Frau jetzt öfter hintereinander behauptet, Kind sei krank, und es geht nicht und kürzt halt die sogenannten Besuchszeiten ab oder macht erst gar nicht auf oder so, da kann man sich die Finger wund schreiben oder von mir aus sich ans Jugendamt wenden usw., es passiert Im Grunde nichts."

Sprecherin:

Manfred B. geht es wie vielen Vätern, die sich gerne um ihren Nachwuchs kümmern würden – aber nicht dürfen:

Manfred B.:

"Ich habe das Gefühl, dass die Kinder, um mich zu verletzen, instrumentalisiert werden. Das Klima ist eisig, es war über zwei Jahre ja fast unerträglich, ich bin behandelt worden wie ein Aussätziger, kann man sagen. Ich habe ja Hausverbot in der Wohnung, weil ich gewalttätig bin, so ist es angegeben worden bei Gericht - ich bin in meinem Leben noch nie gewalttätig gewesen! - deswegen habe ich Hausverbot, und die Kinder fassen mich dann am Arm, wollen mich reinziehen, wirklich herzzerreißende Szenen. Das gemeinsame Sorgerecht ist meines Erachtens ein Papiertiger, denn das gemeinsame Sorgerecht ist nur solange gemeinsam, wie sich auch die Frau damit einverstanden erklärt. Im Grunde hat sie in Bezug auf die Kinder - man kann ruhig sagen: Narrenfreiheit."

Sprecherin:

Manfred B. ist nach seiner Trennung zunächst einmal in ein tiefes Loch gefallen, er war sehr deprimiert. Eben wie jemand, der vom Weg abkommt und in eine Grube fällt. Aber er versucht, wieder Fuß zu fassen. Diese Formulierung stammt aus der Fechtersprache. Im Zweikampf kommt es darauf an, dass man sich mit dem Fuß einen festen Standort sichert. Irgendwo Fuß zu fassen, ist gar nicht so einfach, wenn dort ein eisiges Klima vorherrscht. Aber es ist sicherlich leichter, sich am Nordpol wohl zu fühlen als mit einem Menschen warm zu werden, der buchstäblich ein eisiges, also mehr als ungemütliches und feindliches Klima verbreitet.

Sprecher:

Nur der Narr des Königs konnte sich früher seinem Herrn gegenüber Dreistigkeiten herausnehmen. Ihm verzieh man auch alle Spleens, alle Marotten. Als Possenreißer hatte er die Aufgabe, den Hofstaat zum Lachen zu bringen und so ließ man ihm vieles durchgehen, er hatte eben Narrenfreiheit. Geschiedene Ehemänner bescheinigen ihren Exfrauen oft Narrenfreiheit vor dem Gesetz, da das gemeinsame Sorgerecht in ihren Augen nur ein Papiertiger ist, ein Schriftstück, das zwar Eindruck macht, aber nichts bewirkt. Der Ausdruck ist wörtlich zu verstehen. Ein echter Tiger ist Furcht einflößend, aber wenn er aus Papier besteht, kann er niemandem gefährlich werden. Wenn der Kindesvater mit einem Bescheid des Jugendamtes auf der Matte steht, also quasi auf der Fußmatte direkt vor der Haustür, dann nützt ihm das wenig, wenn die Mutter nicht kooperiert. Manfred B‘s Frau instrumentalisiert die Kinder, sie benutzt sie und spielt mit ihnen wie auf einem Instrument, um sich an ihrem Ex zu rächen. Ganz anders Christiane M.

Christiane M:

"Was unsere persönliche Beziehung angeht, da sind wir sehr verletzend miteinander umgegangen, haben uns persönlich angegriffen und sehr verletzt, aber alles, was um Finanzen ging, was mit Kindern, mit Kontakten zusammenhängt, das haben wir in großer Einheit sogar geschafft, weil uns beiden sehr wichtig ist, dass es den Kindern gut geht."

Sprecherin:

Eine Einsicht, die in der Theorie oft besser funktioniert als in der Praxis. Insofern ist die Wahl des Anwalts entscheidend, denn bei Streitereien um Sorgerecht und Unterhalt müssen die Mandanten vor Justitia bereitwillig Intimitäten preisgeben. Vorm Richter spielt eheliche Treue zwar längst keine Rolle mehr, seit 1977 die Schuldfrage vom Prinzip der Zerrüttung abgelöst wurde. Doch was Zerrüttung im Einzelnen bedeutet und mit welchen Bandagen gekämpft wird, wenn es ums Geld geht, erleben Deutschlands Familienrichter jeden Tag aufs Neue, bestätigt Anwalt Thomas Grüner:

Anwalt Thomas Grüner:

"Wenn im Unterhalt also einzelne Beträge streitig sind, berühmte Konstellation: ein Partner arbeitet real schwarz, offiziell hat er nichts und nur Gelegenheitsarbeiten, dann werden Zeugen benannt, wer wann wo was gesehen hat, dann kommen wieder Gegenzeugen, das kann sich über Jahre hinziehen. Und es gibt den Paragraph 1579, der bestimmte Vorschriften enthält, wann der Unterhalt verwirkt werden kann, dass man bei bestimmten Verhalten dann keinen Unterhalt weiter bekommt, nur da kommen dann häufig die praktischen Schwierigkeiten, Dinge nachzuweisen, also da kommen die Situationen, wo manchmal Detektive eingeschaltet werden und so was."

Sprecherin:

Denn spätestens beim Thema Geld hört die Gesprächsbereitschaft der streitenden Parteien meist abrupt auf.

Manfred B.:

"Man muss bluten, ja, es ist nicht nur die psychische Belastung, die da eine Rolle spielt, sondern auch in erheblichem Maße eine monetäre Belastung. Ich muss bezahlen für die Frau bis die Kinder das zehnte, zwölfte Lebensjahr beendet haben. Macht sich jetzt der Kindsvater aus dem Staub, was ich jetzt in meiner Situation sogar verstehen könnte, ich hänge nur sehr an den Kindern, deswegen könnte mir das wohl nicht passieren, aber wenn er sich aus dem Staub macht oder sich ins Ausland absetzt und dann das soziale Netz einspringen muss, dann sieht die Sache schon anders aus, denn die fordern die Frau auf, sich bitteschön, wenn die Kinder drei Jahre alt sind, sich gefälligst einen Job zu suchen und bekommt dann auch erheblich weniger Unterstützung. Also da ist schon mal ’ne erhebliche Diskrepanz, wo man sagt, wo ist denn hier die so genannte Gerechtigkeit?"

Sprecherin:

Wenn sich eine Scheidung wie bei Manfred B. ins dritte Jahr schleppt, weil immer neue Verfahren eröffnet werden, kommt Unmut auf – und nicht selten auch Juristenschelte.

Manfred B.:

"Diese Rechtssprechung variiert ja von Kassel nach Paderborn und von Hamburg nach München, so nach dem Motto: wo kämen wir denn dahin, wenn überall gleiches Recht gesprochen würde. Böse Zungen sprechen auch von einer ‚Juristenmafia’, um, eben der Klientel der Anwälte, dieser Juristenclique sag ich mal, ihre Existenz zu sichern."

Sprecherin:

Vorwürfe, die Anwalt Thomas Grüner gelassen zurückweist:

Anwalt Thomas Grüner:

"Da kann man sagen: Prozesse rausziehen erhöht die Anwaltsgebühren so gut wie nicht, die Gebühren sind streitwertabhängig. Es gibt viele Scheidungen, die heute über Prozesskostenhilfe abgewickelt werden können, das heißt bei kleinen Einkommen ist es möglich, dass die Verfahren ganz durch den Staat finanziert werden."

Sprecherin:

In solchen Verfahren wird häufig mit harten Bandagen gekämpft, man greift den Gegner unnachgiebig an und schont ihn nicht. So mancher ergreift da die Flucht, er macht sich aus dem Staub und lässt beim Weglaufen nur den aufgewirbelten Staub zurück. Wenn böse Zungen dies oder jenes behaupten, dann betreiben sie üble Nachrede - wobei nicht auszuschließen ist, dass ein Quäntchen Wahrheit in ihren Vorwürfen steckt. Wer bluten muss, muss auf die eine oder andere Weise leiden; entweder muss er viel Geld bezahlen oder man will sich an ihm rächen. Diese Redewendung stammt aus der Medizin, denn wenn ein Arzt jemanden zur Ader lässt, gibt der kostbaren Lebenssaft ab.

Sprecher:

Das soziale Netz fängt nur diejenigen auf, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken, der Staat bezahlt für sie. Dieser Ausdruck ist vom Sicherheitsnetz des Trapezkünstlers abgeleitet. Ungerechterweise profitieren oft Leute vom sozialen Netz, die schwarzarbeiten. Das bedeutet, dass sie heimlich einer Beschäftigung nachgehen, aber weder Steuern noch sonstige Sozialabgaben abführen. Manfred B. hingegen muss bluten. Da er Lehrer ist und somit nichts aus dem Staatssäckel bekommt, muss er bei seiner Scheidung selber tief in die Tasche greifen. Ob er jemals noch mal heiraten würde?

Manfred B.:

"Niemals mehr wieder. Der Akt der Eheschließung ist immer noch so romantisch verbrämt, man kennt das ja, weißes Kleidchen und schönes Fest usw., dabei ist es ein knallharter juristischer Akt diese Eheschließung – wie juristisch das ist merkt man eben bei der Scheidung, die sich über Jahre hinziehen kann, viel an der Substanz zehrt und eben mit hohen Kosten verbunden ist. Darüber machen sich die meisten keine Gedanken, ich leider auch nicht."

Sprecherin:

Und doch: Trotz aller Verfahren und Streitigkeiten, ist zumindest bei Manfred B. die Liebe nicht in Hass umgeschlagen:

Manfred B.:

"Ich muss gestehen, ich denke immer noch oft daran, weil es eine sehr schöne Zeit war, ich habe sie wirklich geliebt. Das ist jetzt nicht so, dass ich sage, widerliches Geschöpf, geh mir bloß aus den Augen, aus dem Sinn, nee. Man hat mir auch mal gesagt, der Prozess sich davon zu lösen dauert oft so lange wie die Beziehung bestanden hat. Also von daher habe ich ja noch ’nen paar Jahre Zeit, um daran rumzukauen, also so eine gewisse Zuneigung ist immer noch da, was man von der Gegenseite wahrscheinlich nicht sagen kann."

Richter:

"Im Namen des Volkes erkläre ich die Ehe für geschieden."

Zitat: (aus Schiller: Die Glocke)

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet!

Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang."

Fragen zum Text:

Wenn bei einem Streit Worte gezielt unter die Gürtellinie gehen, sind sie....

1. besonders beleidigend und verletzend.

2. sehr nett gemeint.

3. als Kompliment zu sehen.

Wenn jemand in ein tiefes Loch fällt, ist er...

1. hoffentlich unverletzt.

2. wirklich glücklich.

3. sehr deprimiert.

Wer mit harten Bandagen kämpft...

1. hat keinerlei böse Absichten.

2. schont den Gegner.

3. greift unnachgiebig an.

Arbeitsauftrag:

“Ich lasse mich scheiden“ – Das ist eine endgültige Aussage, der meist viel Streit und viele Meinungsverschiedenheiten voraus gehen. Schreiben Sie 10 Regeln auf, die man beachten sollte, um Streit zu vermeiden.

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