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Fokus Osteuropa

Schauprozess wie zu Stalins Zeiten?

Es ist einer der umstrittensten Prozesse der vergangenen Jahre. In Moskau steht die Gruppe "Pussy Riot" vor Gericht. Den Musikerinnen drohen sieben Jahre Haft für eine Putin-kritische Aktion in einer Kirche.

Die Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau ist ein prächtiger Bau mit goldenen Kuppeln am Ufer der Moskwa und in der Nähe des Kreml gelegen. Sie gilt als größte Kirche Russlands und wurde in den 90er Jahren aufwendig wieder aufgebaut, nachdem die Kommunisten das aus dem 19. Jahrhundert stammende Gebäude 1931 gesprengt hatten. Für die russisch-orthodoxe Kirche gilt diese Kathedrale als Symbol des Neuanfangs nach dem Zerfall der Sowjetunion. Der Patriarch hält hier die Weihnachts- und die Ostermesse. Auch Präsident Wladimir Putin kommt regelmäßig und zündet eine Kerze an.

Die Christi Erlöser Kathedrale in Moskau (Foto: dpa)

Erlöser-Kathedrale: Schauplatz einer kritischen Aktion gegen Putin

Seit rund fünf Monaten steht die Erlöser-Kathedrale allerdings im Mittelpunkt eines Skandals, in dem es um Kirche, Politik und die Freiheit der Kunst in Russland geht. Der Prozess, dessen Hauptverhandlung an diesem Montag (30.07.2012) im Chamowniki-Bezirksgericht in Moskau begonnen hat, gilt in Russland als einer der umstrittensten seit Jahren. Manche Kritiker - wie etwa die Moskauer Publizistin Mascha Gessen - sprechen von einem Schauprozess wie in den 30er Jahren unter dem damaligen sowjetischen Diktator Stalin. Alle Gerichtssitzungen werden im Internet live übertragen, was für Russland ein Novum ist.

Drei Frauen gegen Putin

Auf der Anklagebank sitzen Maria Aljochina, Nadeschda Tolokonnikowa und Jekaterina Samuzewitsch. Alle drei sind Anfang zwanzig. Sie gehören zur Punkband  "Pussy Riot" und provozieren gerne mit politischen Liedern, die sie als Musik-Videos ins Internet stellen.

Mitglieder von Pussy Riot in einer Zelle (Foto: Reuters)

Mitglieder von Pussy Riot in einer Zelle

Ihre bisher umstrittenste Performance fand am 21. Februar 2012 kurz vor der Präsidentenwahl in der Moskauer Erlöser-Kathedrale statt. Ein Internetvideo zeigt eine Frauengruppe in kurzen Kleidern und bunten gestrickten Masken, die vor dem Altar tanzen und und  ihre Fäuste schwingen. Das Video ist mit einem Punk-Gebet unterlegt, einem fetzigen Lied, in dem die Mutter Gottes aufgerufen wird, "Putin zu verjagen". Drei der beteiligten Frauen von Pussy Riot konnten identifiziert  werden und sind seit fünf Monaten in Haft. Man wirft ihnen "Rowdytum" vor. Die Anklage fordert sieben Jahre Gefängnis.  

Gespaltene Meinung in der Gesellschaft

Das Verfahren sorgt auch mitten im Sommerloch für heiße Diskussionen. Wer in der russischen Internet-Suchmaschine Yandex den Begriff Pussy Riot eingibt, findet neun Millionen Einträge. Das Video mit dem Punk-Gebet auf der Videoplattform YouTube wurde bereits 1,5 Millionen Mal angesehen. Die Zahl der Kommentare unter dem knapp zweiminütigen Clip steigt täglich und liegt bei fast 30.000. Die Stimmen sind etwa gleich verteilt. "Es ist so, als würde bei mir zu Hause jemand alles mit Dreck beschmieren", schimpft ein anonymer Nutzer. Ein anderer meint, der Fall sähe wie ein politischer Racheakt aus: "Die Mädels werden so behandelt, als hätten sie einen Terroranschlag vorbereiten wollen."

Auch die russische Gesellschaft scheint gespalten. Ein paar Jahre Haft wären eine gerechte Strafe für die jungen Frauen von Pussy Riot, meinen 39 Prozent der Russen, die von der Moskauer Stiftung Öffentliche Meinung (FOM) Anfang Juli 2012 befragt wurden. Doch fast genauso viele - 37 Prozent - sind dagegen.

Menschenrechtler und Künstler fordern Freiheit

Menschenrechtler fordern seit Monaten eine Freilassung der drei Mitglieder von Pussy Riot. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat die Punkfrauen als "politische Gefangene" eingestuft. Ljudmila Alexejewa, Leiterin der Moskauer Helsinki-Gruppe, spricht von einem "politischen Prozess". Tatsache ist, dass das Gerichtsverfahren vor dem Hintergrund einer Verschärfung der Gesetzeslage stattfindet, die nach Experteneinschätzungen politische Proteste in Russland eindämmen soll. 

Poster zum Benefizkonzert für Pussy Riot in Berlin (Foto: Agentur Uncle M)

Benefizkonzert für Pussy Riot in Berlin ist geplant

Sogar in der russischen Künstlerszene herrscht im Fall Pussy Riot seltene Einigkeit. Schriftsteller, Musiker und Schauspieler haben zwar unterschiedliche Meinungen dazu, ob das Punk-Gebet in einer Kathedrale eine gute oder eine schlechte Aktion sei. Doch eine harte Strafe lehnen die meisten offenbar ab. In einem offenen Brief an das Oberste Gericht Russlands riefen mehr als 100 prominente russische Künstler dazu auf, die Mädchen von Pussy Riot freizulassen.

Solidaritätszeichen aus Deutschland

Auch unter westlichen Künstlern wächst Unterstützung für Pussy Riot. Der Sänger der US-Rockband Red Hot Chili Peppers trug bei einem Konzert in Russland ein T-Shirt mit dem Namen der russischen Punkband. Der britische Sänger Sting sprach vor einem Konzert in Moskau klare Worte und rief dazu auf, die Frauen von Pussy Riot freizulassen. Die deutsche Punk-Ikone Nina Hagen äußerte in einem DW-Interview die Hoffung, dass es nicht zu einer harten Strafe kommt: "Ich möchte an die russische Regierung und an meine orthodoxen Geschwister appellieren, Barmherzigkeit zu zeigen", sagte Hagen. Sie glaube an das "große russische Herz", so die Punk-Queen der 80er Jahre.

Punk-Ikone Nina Hagen (Foto: dpa)

Punk-Ikone Nina Hagen

Auch jüngere Künstler in Deutschland wollen Solidarität mit Pussy Riot zeigen. Die Berliner Punkbands Radio Havanna und Smile and Burn wollen zusammen mit Anti-Flag, einer Punkband aus den USA, am 31. Juli 2012 in Berlin ein Benefiz-Konzert für Pussy Riot veranstalten. "Für mich ist der Prozess ein klares Zeichen der Repression seitens der Regierung gegenüber ihrer Bevölkerung", sagte Oliver Arnold, Bassist von Radio Havanna, der DW. Den Erlös des Konzerts wollen die Musiker für Pussy Riot nach Russland überweisen.

Wenige Tage vor Prozessbeginn versuchten die Musikerinnen von Pussy Riot, die Wogen zu glätten. "Vielleicht empfinden manche unser Verhalten als eine Frechheit. Das ist nicht so", heißt es in einem offenen Brief, den die Frauen in Untersuchungshaft geschrieben und an die Medien gerichtet haben. Sie bedankten sich für die Unterstützung und riefen sowohl ihre Anhänger als auch ihre Kritiker zu einem Dialog auf.

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