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Spurensuche

Schauen und nicht nur Sehen

Ein Schaufest: Pater Bernhard Kohl OP von der katholischen Kirche sieht in Fronleichnam den Hinweis, in der heutigen Bilderflut nicht nur auf die Oberfläche zu sehen, sondern die Dimension hinter den Bildern zu schauen.

Spurensuche Zwei Männer am Fenster (stocksnap.io/K. Nimz)

Was steckt hinter dem, was wir sehen?

An Fronleichnam feiert die katholische Kirche ein „Schaufest“. Es ist der Überlieferung nach aus mehreren Visionen der Augustinernonne Juliana von Lüttich hervorgegangen, die diese seit dem Jahr 1209 wahrnahm. Juliana von Lüttich sah eine unvollständige Mondscheibe und deutete die Erscheinung als Aufforderung Jesu, dass die Kirche ein besonderes Fest der Verehrung des Altarsakramentes einführen solle. Papst Urban IV. schrieb das Fest 1264 für die ganze Kirche vor. Die erste Fronleichnamsprozession fand zwischen den Jahren 1274 und 1279 in Köln statt.

Damals stand in besonderer Weise die Verehrung der eucharistischen Gaben im Mittelpunkt und zwar völlig unabhängig von der restlichen Feier der Liturgie. Das kommt schon in der Bezeichnung des Festes zum Ausdruck. Der deutsche Name Fronleichnam leitet sich von „fron“ – Herr – und „lichnam“ – lebendiger Leib – ab und entspricht damit der früheren lateinischen Bezeichnung „festum corporis Christi“ – Fest des Leibes Christi. Das gewandelte Brot steht ganz im Mittelpunkt.

Schaufest in Zeiten der Bilderflut

Ein „Schaufest“ ist Fronleichnam deswegen, weil es um die „Schaufrömmigkeit“, um das Anschauen des gewandelten Brotes geht, von dem man sich in besonderer Weise den Segen Gottes verspricht. Damit sollte Fronleichnam eigentlich ein sehr zeitgenössisches Fest sein, da heute der Sehsinn der vornehmste ist. Unsere medial geprägte Welt definiert sich mehr und mehr über das Sehen: Fernseher, Internet, E-Reader konkurrieren mit dem Buch. Das international verstehbare Piktogramm verdrängt die schriftliche Erläuterung. Das Rollup ersetzt die trockene Information. Natürlich gab es auch früher schon Bilder als Bedeutungs- und Sinnträger. Man muss im Bereich der Theologie nur an das alttestamentliche Bilderverbot denken.

Der entscheidende Unterschied liegt aber in einer Funktionsverschiebung. Früher waren Bilder grundlegend in Erzählungen eingewoben. Die an Kirchenwände gemalten Bildergeschichten illustrierten die heiligen Geschichten für die leseunkundigen Gläubigen, das heißt, für die meisten Menschen der damaligen Gesellschaft. Diese Bilder waren immer auf das Wort hingeordnet. Sie standen im Dienst der Erzählung. Mit Beginn der Moderne haben die Bilder diese Dienstfunktion eingebüßt. Sie haben sich vom Wort emanzipiert und losgelöst. In der Philosophie spricht man deswegen auch vom „iconic turn“, von der Wende zum Bild. Wir alle kennen das: Bilder, die sich in unser Gedächtnis eingebrannt haben. Eine Welt voller Bilder und Symbole, die machtvoll sprechen. Die Bilder vom Fall der Berliner Mauer, der schmächtige Student allein vor den Panzern auf dem Tiananmen-Platz in Peking oder vom Attentat auf das World Trade Center. Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.

Aber es geht noch weiter: da unsere komplette Umwelt inzwischen bebildert, ästhetisiert, verkünstlicht ist, ist unser Sehen immer weniger zur Wahrnehmung unserer Umwelt fähig. Unsere Sinnesorgane funktionieren in diesen Zusammenhängen nicht mehr. Sie helfen uns nicht mehr weiter, beispielsweise zu beurteilen, ob in Lebensmitteln nicht giftige Inhaltsstoffe enthalten sind. Wir sehen nicht, riechen nicht, fühlen nicht, ob in unseren Lebensmitteln Fukushima-Atome mitgeliefert werden. Ich kann nicht feststellen, ob mein Kollege seine Arbeitsergebnisse durch Neuro-Enhancer, einem Medikament zur geistigen Leistungssteigerung erreicht. Ich habe kaum noch die Chance die Wahrheit der Bilder, die ich sehe, zu beurteilen, so perfekt sind die technischen Manipulationsmöglichkeiten. Die Leistung meiner Augen reicht dafür nicht aus.

Hinter die Offensichtlichkeit der Bilder schauen

Deswegen scheint es mir sehr wichtig, im Sehen eine Offenheit zu bewahren, um hinter der Offensichtlichkeit der Bilder das Abgebildete zu suchen und Wahrheit zu entdecken. Wir müssen heute bildskeptisch sein, um Bilder wieder mit den Erzählungen dahinter, mit Text, mit ihrem Kontext zu verbinden. Um den Durchblick zu behalten, müssen wir über das Sehen hinausgelangen und zu Schauenden werden.

Das könnte dann auch ein Hinweis darauf sein, welche Rolle das mittelalterliche Schaufest Fronleichnam in unserer Gegenwart haben kann: Mit unserem Glauben können wir in einer durch und durch verkünstlichten Gesellschaft immer wieder darauf hinweisen, dass mehr hinter der Oberfläche zu sehen sein muss und ist. Durch die Verbindung von Wort und Bild können wir unsere bebilderte Welt durchlässig halten für den Sinn dahinter – durchlässig für DAS Wort.

Bernhard Kohl OP, Dr. theol., ist Dominikaner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts M.-Dominique Chenu in Berlin und derzeit Visiting Scholar am Dominican Institute of Toronto.