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Kultur

Schatten und Hoffnung im paradiesischen Hawaii

Wer an Hawaii denkt, träumt vermutlich von weißen Stränden und türkisblauem Meer. Die amerikanische Inselgruppe im Pazifik gilt als Traumziel für Touristen. Die Armut der Einheimischen sehen die wenigsten Urlauber.

Modernes Schulprojekt im armen Waianae auf Hawaii (Foto: Dittrich/DW)

Modernes Schulprojekt im armen Waianae auf Hawaii

Das Meer rollt mit weißen Schaumkrönchen an den Strand. Der feine Sand knirscht unter den Füßen, saftig grüne Palmen neigen sich im lauen Wind. Doch auf dem Weg nach Waianae verschwinden irgendwann die Badetücher und die Sonnenschirme, die Wellenreiter und die spielenden Kinder. Und dann sind immer mehr Zelte zu sehen. Oft sind es nur Planen oder zerschlissene Papp-Hütten, direkt am Meer. Hier hausen Tausende Obdachlose.

Traurige Negativrekorde

Waianae liegt im Westen der Hauptinsel Oahu, es ist die Heimat vieler Ureinwohner und zugleich so etwas wie das Armenhaus von Hawaii. Touristen verirren sich nicht hierher, sie sind gewarnt durch ihre Reiseführer und haben Angst vor Raubüberfällen. Denn in Waianae gibt es all diese traurigen Negativrekorde, die typisch sind für einen sozialen Brennpunkt: Hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Drogen, Kriminalität.

"Passen Sie bloß auf, dass Ihnen niemand etwas klaut. Diese Kids hier sind verdammte Schlitzohren", sagt der kleine Mann in der Uniform. Gemeinsam mit einem ernst dreinblickenden Kollegen bewacht er den Schulhof der Waianae High School. Schlagstöcke baumeln an ihren Gürteln, auf den Jacken prangen funkelnde Abzeichen. Die Waianae High School, das sind ein paar triste Flachbauten und ein großer Schulhof. Und alle sozialen Probleme, die es im Brennpunkt Waianae gibt, sind auch schon an der Schule zu beobachten: "Wir erleben hier viele Teenager-Schwangerschaften und Schulabbrecher. Viele unserer Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familien, sie kennen Gewalt und Missbrauch", erzählt Candy Suiso. Sie ist Lehrerin an der Waianae High School. Doch für ihre Schüler ist sie noch viel mehr: Mutmacherin, Hoffnungsträgerin, Armutsbekämpferin.

Überraschung: Trophäen und Preise en masse

Auf dem Weg in Candys Klassenraum geht es vorbei an einer Wand voller Auszeichnungen. In den Vitrinen ist kaum noch Platz für die vielen Pokale und Trophäen, die sie und ihre Schüler in den vergangenen Jahren eingesammelt haben. Ihre Schüler, 16 und 17 Jahre alt, sitzen kaugummikauend vor hochmodernen Computern mit riesigen Flachbildschirmen. Die meisten haben Kopfhörer auf und wippen mit den Füßen. Andere hantieren mit Digitalkameras und Mikrofonen. Multimedia-Unterricht nennt sich das, und es ist eine der ganz großen Erfolgsgeschichten von Waianae.

Multimedia-Projekt mit Riesenerfolg

"Dieses Projekt gibt den Schülern Hoffnung", sagt Lehrerin Candy. "Wir zeigen den Jugendlichen, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen können und nicht zwangsläufig von Sozialhilfe leben müssen." Früher war Candy Suiso einmal Spanisch-Lehrerin, und damals benutzte sie in ihrem Unterricht ab und zu eine alte Videokamera. Die Schüler sollten sich gegenseitig filmen und in kleinen Rollenspielen die spanischen Vokabeln anwenden. Als die Lehrerin erkannte, wie viel Spaß die Jugendlichen mit der Kamera hatten und wie engagiert sie damit umgingen, kam sie auf die Idee, mit Hilfe von Spenden und Stipendien ein Multimedia-Projekt zu starten. Das ist jetzt 13 Jahre her.

Heute drehen Candys Schüler eigene Werbefilme und Musikvideos, sie gestalten Internet-Seiten und haben ein Schulradio aufgebaut, sie produzieren sogar Zeichentrickfilme. Und all das machen sie so professionell, dass sie so ziemlich alle Auszeichnungen abräumen, die es in diesem Bereich zu holen gibt.

"Die Menschen hier sind doch gar nicht so schlecht"

Candy Suiso (hinten mitte) mit einigen ihrer Schülerinnen (Foto: Dittrich/DW)

Candy Suiso (hinten mitte) mit einigen ihrer Schülerinnen

Eine von Candys Schülerinnen ist Martinea, ein 17-jähriges Mädchen mit kakaobrauner Haut und langen Locken. "Multimedia ist mein Lieblingsfach", erzählt sie, "denn mit meinen Filmen kann ich bei anderen Menschen Gefühle auslösen. Ich kann sie zum Lachen oder zum Weinen bringen oder sie wütend machen." Martinea arbeitet gerade an einem kleinen Film über einen Mitschüler, der es mit hartem Training zum erfolgreichen Kampfsportler gebracht hat. Sie hat die Geschichte selbst recherchiert, die Interviews geführt, hat gefilmt, die Bilder geschnitten und den Text gesprochen. Den Film will sie bei einem Wettbewerb einreichen; damit er rechtzeitig fertig wird, bleibt sie auch nach Unterrichtsschluss noch in der Schule. Ihre Freundin Laurissa macht auch mit bei dem Wettbewerb, sie hat einen Film über eine obdachlose Familie gedreht: "Unsere Gegend hier hat einen sehr schlechten Ruf. Und mit unseren Beiträgen können wir zeigen, dass dieser schlechte Ruf nicht gerechtfertigt ist", sagt Laurissa. Die Menschen in Waianae seien doch gar nicht so schlecht, wie immer gesagt würde.

Pädagogen aus den ganzen USA besichtigen die High School

Das Multimedia-Schulprojekt von Waianae ist inzwischen über Hawaiis Grenzen hinaus bekannt. Pädagogen aus den ganzen USA kommen hierher, um sich die Unterrichtsmethoden abzugucken, und Candy Suiso gibt Workshops für Lehrer. Im Unterricht wird sie unterstützt von ehemaligen Schülern, die ihr auch sagen, welche neusten technischen Geräte angeschafft werden sollten. Finanziert werden die überwiegend durch Spenden.

Candy freut sich, wenn ihre Schüler irgendwann einmal Medienberufe ergreifen. Obwohl das nicht das erste Ziel ihres Unterrichts sei: "Viel wichtiger ist doch, dass sie lernen, wie man im Team arbeitet, und dass man Respekt vor sich selbst und vor anderen hat." Denn dann fänden ihre Schüler auch einen Weg raus aus dem Teufelskreis von Armut, Sozialhilfe, Obdachlosigkeit, Drogen und Kriminalität. Die Jugendlichen erlebten in ihrem Unterricht, dass sie selber etwas eigenes erschaffen und damit erfolgreich sein könnten. Das mache sie stark und selbstbewusst – auch, um irgendwann einmal ihre Heimat zu verlassen.

"Draußen gibt es eine große Welt zu entdecken"

"Ich ermutige alle Schüler, weit wegzugehen", sagt Candy, "denn da draußen gibt es eine große Welt zu entdecken." Doch die meisten kämen später zurück nach Hawaii. Das wünschen sich auch Laurissa und Martinea. "Für eine kurze Zeit würde ich schon weggehen", sagt Martinea. "Aber irgendwann würde ich schauen, was ich hier für meine Stadt tun kann." Und Laurissa lacht und fügt hinzu, dass sie wohl sehr großes Heimweh bekommen werde: "Denn ich liebe meine Heimat."

Oftmals ist die Rückkehr auch von Erfolg gekrönt: So wie bei einigen ehemaligen Schülern von Candy Suiso, die inzwischen eine Produktionsfirma gegründet haben. Mit professionellen Werbefilmen für örtliche Unternehmen verdienen sie jetzt ihr eigenes Geld. Und geben ihrer Heimat Waianae neue Hoffnung.

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