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Schatten-Spiele

Auf geht’s ins Schatten-Reich. Nicht immer ein finsterer Ort der Abgelebten, sondern auch ganz einfach jene Stelle, die entsteht, wenn sich auf der dem Licht abgewandten Seite eines Körpers Verdunkelungen auftun. Klar?

Nur zu Besuch steigt Odysseus hinab in die Welt der Toten, ins Reich der Schatten. Er besucht dort den toten Achilles. Der seufzt: "Lieber ein Bettler sein im Reiche des Lichts als ein König im Reiche der Schatten". Diese Einschätzung wirft kein allzu gutes Licht auf den Schatten.

Selbst ist der Werfer

Als Schatten leben – das ist paradox. Mit dem Schatten leben – das ist das Übliche. Im üblichen Leben fällt es allenfalls schwer, über den eigenen Schatten zu springen. Das heißt nämlich: sich überwinden müssen, etwas tun, was man seiner Natur nach nicht tun kann oder will; aber kann man – und sei man noch so kräftig – einen Schatten 'werfen'?

Grosse Ereignisse werfen ihre Schatten selbst, und immer weit voraus, sie kündigen sich vor ihrem Eintreffen bereits an. Auch die Vergangenheit vermag Schatten zu werfen, und wenn sie nicht schön ist, gelingt es ihr sogar, die Gegenwart zu überschatten, zu verfinstern. Aber auch allgemeiner gilt: Vergangenes – ob gut oder schlecht – wird mit der Zeit undeutlicher, konturloser wie ein länger werdender Schatten.

Licht-Sätze und Schatten-Irrtümer

Wie hieß der Satz aus Goethes 'Götz'? "Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge einen Schatten“? Nein, das war von Karl Kraus. Der Satz des Dichterfürsten Goethe lautet vielmehr: "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Wer als Zeitgenosse des überragenden Goethe dichtete, dem konnte es passieren, dass er selbst keine Anerkennung fand - er stand im Schatten Goethes wie eine Pflanze, die ohne Licht nicht zu voller Größe aufwachsen kann.

Aber die Natur macht uns kleinen Geistern Mut. Gedeiht doch in ihr auch die leckere Schattenmorelle. Stimmt. Bloß verdankt dieser Schatten einer Eindeutschung des französischen 'château' (Schloss), und der Schatten im Pflanzenfamiliennamen 'Nachtschattengewächs' kommt höchstwahrscheinlich von dem, was Giftpflanzen verursachen können: Schaden. Schade.

Leben im Schatten

Wer sich im Schatten aufhält, der will sich nicht der Sonnenstrahlung aussetzen. Das ist kein Schattendasein – dieses führt nur, wer in den Schatten gezwungen wird, ihn nicht aus freien Stücken sucht. Sicher, beinahe jeder kennt trostlose Momente, hat also Schattenseiten des Lebens kennen gelernt, fristet aber noch lange kein Schattendasein, nahezu unsichtbar, leblos wie Achilles...

Manchem Menschen sieht man den Mangel an Heiterkeit und Licht an. Er wirkt geschwächt. Er ist – so heißt es dann - nur noch ein Schatten seiner selbst. "Du bist ja krank, du hast ja wohl einen Schatten!" Wer so schimpft, meint nicht, der andere sei krank, weil er z.B. einen Schatten auf seiner Lunge habe, nein: es ist nix Ernstes. Diese Schattenschelte ist scherzhaft und bedeutet etwa: "Dein Hirn ist eine ungelüftete Dunkelkammer".

Die Sonnenseite des Schattens

Schluss mit Schattenboxen - diesem Boxen ohne Gegner – jetzt wird’s positiv! Das Schattenreich hat viele Facetten, sprich: Schattierungen. Der Schatten hat uns mehr zu bieten als – nun ja – Schatten, z. B. das Gefühl von Nähe. Man denke nur an den 'Kurschatten':

Jemanden, den man während eines Erholungsaufenthaltes in der Fremde kennen lernt, man versteht sich, unternimmt mehr und mehr gemeinsam. Dann kommt der Knackpunkt: entweder es wird immer angenehmer oder eben unangenehm. Schnell wird aus dem treuen Schatten ein aufdringlicher Schatten, er scheint einen zu verfolgen. Dann wird es gruslig.

Nervenflattern beim Kerzenflackern

Einige sind von Natur aus so ängstlich, denen sagt man nach, sie fürchteten sich vor dem eigenen Schatten. Heute scheint das lächerlicher als es einst war. In der vorelektrischen Zeit warfen Fackel- oder Kerzenlicht bewegliche Schatten, die vergrößerten und verzerrten harmlose Gegenstände derart, dass es einen schon mal gruseln konnte. Sogar vor sich selbst.

Auch ein sogenanntes Schattenkabinett birgt Schrecken in sich. Besonders für die Regierung. Ein Schattenkabinett wird von einer parlamentarischen Opposition bestimmt, damit der Wähler denkt, er wisse, was bei einem Regierungswechsel auf ihn zukomme. Und der Wähler weiß es dann. Denkt er. Aber – aber das führt jetzt zu weit.

Die Jagd ist aus

Es führt auch zu weit, alles über den Schatten sagen zu wollen. Wer ein solch unerreichbares Zielverfolgt, der jagt einem Schatten nach. Andererseits: wenn es gelänge, alles zu sagen, das wäre ein Ereignis, das alles in den Schatten stellen würde. Zumindest alles, was jemals über den Schatten gesagt wurde.

Fragen zum Text

Sie klettern auf das höchste Gebäude der Stadt, obwohl Sie eigentlich Höhenangst haben. Was können Sie von sich behaupten?

1. Ich werfe lange Schatten voraus.

2. Ich jage einem Schatten nach.

3. Ich bin über meinen Schatten gesprungen.

Wer ein Schattendasein führt, der…

1. ...lebt in abgedunkelten Räumen.

2. ...wird von anderen Menschen wenig beachtet.

3. ...geht nur nachts aus dem Haus.

Wo findet man ein Schattenkabinett?

1. im Kindertheater

2. im Parlament

3. in der Unterwelt

Arbeitsauftrag

"Wo viel Licht ist, ist starker Schatten" – Wie verstehen Sie persönlich dieses Goethe-Zitat? Unterhalten Sie sich in Kleingruppen darüber und geben Sie Beispiele.

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