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Afrika

Schatten der Vergangenheit

Liberias Ex-Präsident Charles Taylor muss sich seit über einem Jahr vor dem UN-Sondergericht für Sierra Leone verantworten. Jetzt hat er sich zum ersten Mal zu den Vorwürfen geäußert und sie als "Lügen" zurückgewiesen.

Charles Taylor (Foto: AP)

Charles Taylor in Den Haag

Freetown, Sierra Leones Hauptstadt, liegt malerisch am Atlantik. Doch bis heute fallen junge Menschen auf, die mit frisch verbundenen Stümpfen an Armen und Beinen im Rollstuhl sitzen oder auf Krücken durch die Stadt humpeln. Viele Gebäude sind noch immer zerstört, manche Straßen kaum befahrbar sowie Strom und fließendes Wasser nur selten vorhanden. Allein der Angriff der Militärjunta auf Freetown am 6. Januar 1999, die so genannte January Six Invasion, forderte mehr als 40.000 Tote. "Die Soldaten haben alle Jungs aus dem Haus gezerrt und in einer Reihe aufgestellt", erinnert sich der damals 15-jährige Jabati Mambou. "Ich war der erste. Sie befahlen mir, meine rechte Hand auf den Boden zu legen. Dann kam einer mit einer Axt – und schlug sie ab. Einfach so."

Die Menschen suchen nach ihrer Würde

Ein dreizehnjähriges Mädchen und ein vierjähriger Junge mit Amputationen sitzen in einem Flüchtlingslager für Kriegsversehrte in Freetown.

Viele Kinder wurden Opfer des Bürgerkriegs

Elf Jahre lang haben Brutalität und die Gier nach Macht und natürlichen Ressourcen verbrannte Erde hinterlassen. Die Menschen suchen nach Antworten. Nach ihrer verloren gegangenen Würde. Die will ihnen das UN-Sondergericht für Sierra Leone zurückgeben. Mit einer 30.000 Seiten umfassenden Anklageschrift und elf Anklagepunkten, die von der Rekrutierung von Kindersoldaten bis zur Vergewaltigung, von der Zwangsarbeit bis zum Mord lauten. Es geht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es besteht zwar kein Zweifel, dass diese Gräueltaten geschehen sind, doch die Anklage muss beweisen, dass sie Taylor unmittelbar anzulasten sind. Denn Taylor pocht darauf, nicht schuldig zu sein.

Das UN-Sondergericht als Messlatte für Gerechtigkeit

Natürlich ist Taylor nicht allein für den Krieg in Sierra Leone verantwortlich. Aber Foday Sankoh, der Rebellenführer der Revolutionary United Front, starb im Gefängnis und entging so seinem Urteil. Andere mutmaßliche Schlächter sind untergetaucht oder wurden notgedrungen für tot erklärt. Der Prozess gegen Liberias Ex-Präsident werde damit zum Symbol, zur Messlatte für Gerechtigkeit. Davon ist Peter Andersen, Sprecher des Sondergerichts in Freetown, überzeugt. "Lange war es in dieser Region so, dass Menschen mit viel Macht keine Strafe fürchten mussten. Sie waren unberührbar. Und genau das ändern wir mit dem Special Court", sagt Andersen. "Es ist egal, wer Du bist, Du kannst verurteilt werden! Auch als Staatsoberhaupt. Wir machen wichtige Fortschritte im Kampf gegen die Straflosigkeit in diesem Land."

Taylor will höchstpersönlich aussagen

Soldaten der Rebellenarmee, Revolutionary United Front, sitzen in einem Auto in der Nähe Freetowns im Jahre 1997.

Soldaten der Rebellenarmee, Revolutionary United Front

Doch die ganze Region hat immer noch Angst vor diesem Mann. Daher findet der Taylor-Prozess auch nicht im schicken Prozessgebäude von Freetown statt, sondern in Den Haag. Nach der Anklage ist nun Taylors Verteidigung an der Reihe. Zwei Wochen, vielleicht auch länger, will Taylor höchstpersönlich aussagen. Jabati Mambou will dabei sein und Taylor in die Augen schauen, wenn er das Geld für den Flug zusammenbekommt. "Ich will ihn sehen, aber ich könnte nicht mit ihm sprechen", erklärt Mambou. "Ich hoffe, dass er mindestens 150 Jahre hinter Gitter muss – so wie dieser amerikanische Finanzhai, der kürzlich verurteilt wurde. Das bringt mir meine Hand nicht zurück, aber ich würde spüren, dass es so etwas wie Gerechtigkeit gibt." Doch im Verfahren gegen Taylor könnte es durchaus sein, dass der Angeklagte am Ende freigesprochen wird. Das entscheiden die Richter in einem fairen Prozess. Aber in Sierra Leone will das niemand laut sagen. Und glauben schon gar nicht.

Autor: Alexander Göbel

Redaktion: Jana Pareigis