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Politik

"Scharon ist ein Verräter"

Am Mittwochmorgen hat die Zwangsräumung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen begonnen. Hunderte Soldaten rückten begleitet von Bulldozern in vier Siedlungen ein. Bettina Marx berichtet aus der Siedlung Morag.

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Wer nicht freiwillig geht, wird vom Militär zur Räumung gezwungen

Auf den ersten Blick wirkt die Siedlung Morag am frühen Morgen wie eine friedliche Oase in der Wüste. Fast hört man neben dem Vogelgezwitscher das Dröhnen der unbemannten Aufklärungsdrohne nicht, die hier pausenlos über der Siedlung und dem angrenzenden palästinensischen Flüchtlingslager kreist. In den offenen Fenstern stehen Männer in Gebetsmäntel gehüllt und verrichten das Morgengebet. Andere eilen in die Synagoge.

Angst vor Gewalt

Erst als die Sonne am Himmel aufsteigt, wird sichtbar, dass sich die Siedlung in Auflösung befindet. Viele Häuser stehen bereits leer, nicht nur die Möbel sind ausgeräumt, auch die Fenster, die Türen und sogar die Dachziegeln fehlen. Zehn der vierzig Familien der Siedlung wollen den Gazastreifen verlassen, noch bevor die Armee sie mit Gewalt evakuiert. So wie Nachshon Chalili, der mit seiner Frau und seinen sechs Kindern nach 19 Jahren die Siedlung Morag verlässt. "Ich gehöre zu den Gründern von Morag", erzählt Chalili. "Wir haben hier bei Null angefangen. Wir gehen heute auch, weil wir keine Auseinandersetzungen mit den Soldaten wollen. Das ist einer der Gründe. Aber außerdem ist diese Siedlung voller Leute, die hergekommen sind, um uns zu helfen und ich hoffe, dass es hier nicht zu Blutvergießen kommt."

Israelische Siedler in Gaza bereiten Abzug vor

Israelische Siedler in Morag bereiten ihren Abzug vor

"Es geht um Korruption"

Die Siedlerin Ziona ist aufgebracht. Sie hat geschwollene Augen vom vielen Weinen. "Ich will, dass die Führer des Landes hierher kommen und mir in die Augen schauen", sagt sie empört. Aber sie seien zu feige dafür. "Wir werden keiner Partei mehr unsere Stimme geben", sagt sie. Kein Mitglied von Morag werde mehr zu den Wahlen gehen. Es gebe kein Vertrauen mehr. Es gehe doch nur um Korruption. "Um seine eigene Haut und die seines Sohnes zu retten, hat Scharon uns geopfert - ganze Familien, wunderbare Siedlungen. Er ist ein Verräter."

Diese Auffassung teilt auch der Knesset-Abgeordnete Benni Eilon. Auch er wirft Sharon vor, seine eigenen Ideale verraten zu haben. Der ganze Plan, die Siedlungen im Gazastreifen aufzugeben, sei nur entstanden, um von der eigenen Korruptionsaffäre abzulenken. Eilon, der früher Minister im Kabinett Scharon war und entlassen wurde, weil er den Rückzugsplan nicht unterstützen wollte, ist eigens in die Siedlung Morag gekommen, um die Einwohner zu unterstützen und sie in ihrem Kampf zu bestärken. "Ich helfe ihnen in ihrem Widerstand. Ich will, dass sie gewaltlosen Widerstand leisten. Sie sollen unseren Feinden zeigen, dass Juden nicht ewig auf Wanderschaft sind", sagt Eilon. "Die Araber wollen den Eindruck vermitteln, dass sie die Eingeborenen hier sind und wir die Fremden. Was für eine Schande, dass Sharon mit ihnen zusammenarbeitet und der ganzen Welt dieses Gefühl vermittelt."

Unterstützung von außen

Nicht nur Benni Eilon ist gekommen. Außer ihm haben sich rund zweihundert Jugendliche in Morag eingefunden, um die Siedler in ihrem Widerstand zu unterstützen. Sie, die gar nicht hier im Gazastreifen, sondern meistens in Siedlungen des Westjordanlandes leben, wollen den Abzug mit allen Mitteln verhindern. Deswegen haben sie Wasser und Lebensmittel gehortet und Pläne geschmiedet, wie sie den Sicherheitskräften das Leben schwer machen können. Für die kommenden Tage rechnen Polizei und Militär mit weiteren schweren Zusammenstößen. Denn nun wird es ernst. Nun werden die Siedlungen auch gegen den Widerstand der Bevölkerung evakuiert.

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