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Islamischer Staat

Scharia und Terror in Libyen

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" breitet sich in Libyen aus. Mit Terror ebenso wie mit symbolischer Politik rekrutiert er immer neue Anhänger. Die träumen bereits von einem nordafrikanischen Kalifat.

Islamisten-Demo in Bengasi, 31.10.2014
(Foto: AP)

Anhänger von Ansar al-Sharia in Bengasi

Alle raus. Und zwar sofort. Der Appell des britischen Außenministeriums Ende Januar an Bürger des Königsreichs, die sich in Libyen aufhalten, ließ keinen Zweifel: die Regierung in London hält die Sicherheitslage in Libyen für mehr als brisant. Anlass der Warnung war der Angriff auf das Corinthia-Hotel in Tripolis in der vergangenen Woche. Dabei wurden neun Menschen getötet - fünf von ihnen waren Ausländer.

Zu dem Attentat von Tripolis hatte sich die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bekannt. Sie wie auch andere Gruppen, etwa Ansar-al-Sharia, schätzt das britische Außenministeriums als gefährlich ein. "Weitere Angriffe gegen Ausländer sind wahrscheinlich", heißt es in der Erklärung. Bürger westlicher Staaten könnten entführt werden, in plötzlich ausbrechende Gefechtsfeuer geraten oder einem Bombenanschlag zum Opfer fallen.

Auch das Auswärtige Amt in Deutschland warnt vor Reisen in das Land: "Für deutsche Staatsangehörige gilt, dass sie sich bis auf weiteres nicht in Libyen aufhalten sollen. Dies gilt für ganz Libyen." Jederzeit sei mit Entführungen westlicher Staatsangehöriger zu rechnen.

Terror auch gegen Bürger arabischer Staaten

Doch der Terror trifft auch Bürger nicht-westlicher Staaten. Anfang Januar wurden christliche Gastarbeiter aus Ägypten im Zentrum des Landes entführt. Wenige Tage später weitere christliche Kopten aus der Hafenstadt Sirte. Ihr Schicksal ist derzeit ungewiss.

Demonstration für die entführten tunesischen Journalisten in Tunis,
09.01.2015
(Foto: AFP / Getty Images)

Wo sind sie? Demonstration für die entführten tunesischen Journalisten in Tunis

Weiterhin ungeklärt ist auch das Schicksal der beiden tunesischen Journalisten Sofiane Chourabi und Nadir Chetari. Beide verschwanden Anfang September 2014 in der libyschen Provinz Ajdabiya. Anfang Januar war auf einer dschihadistischen Website gemeldet worden, Chourabi und Chetari seien getötet worden. Die Nachricht hatte in Tunesien große Bestürzung hervorgerufen. Spontan hatten sich in mehreren Städten Bürger zu Gedenkmärschen getroffen. Einige Tage später meldete das tunesische Außenministerium aber, es habe neue Informationen zum Aufenthaltsort der beiden Gefangenen – was nichts anderes hieß, als dass sie nach Wissen der Behörden noch am Leben wären.

Teile der Libyer sympathisieren mit dem IS

Gezielt macht sich IS die chaotischen Verhältnisse in Libyen zunutze. Über Monate rangen die rivalisierenden Regierungen um die Macht im Land. Das nutze IS aus, erklärt der Libyen-Experte Hasni Abidi vom Genfer "Centre d'études et de recherche sur le monde arabe et méditerranéen (CERMAM – Studien- und Forschungszentrum über die arabische Welt und die Mittelmeerregion). Vor allem im Südosten des Landes sei der IS präsent. Einige Regionen stünden nicht mehr unter der Kontrolle der regionalen Behörden. "Zudem sympathisiert ein Teil der Bürgerschaft von Tripolis, Bengasi und anderen Städten mit dem IS."

"Bleiben und Ausweiten"- Die Strategie des IS

Libyen gilt als das Land, in dem der IS nach Syrien und dem Irak die größten Erfolge verzeichnet. Das könnte auch an der Strategie der Gruppe liegen. Dem Sicherheits- und Nahostexperten Daniel Byman zufolge, der an der Georgetown-University unterrichtet, unterscheidet sich die IS-Strategie grundlegend von derjenigen, der Al-Kaida. Al-Kaida gehe nach einer Art Franchise-Prinzip vor. Sie unterstütze lokale Gruppen finanziell, logistisch und durch Training. Im Gegenzug verpflichteten sich die neu gewonnen Partner, Attentate für Al-Kaida durchzuführen. Die sollten nach Möglichkeit im Ausland stattfinden. Auf diese Weise sollten die westlichen Staaten dazu gedrängt werden, ihre Zusammenarbeit mit den aus Al-Kaida-Sicht illegitimen arabischen Herrschern aufzugeben. Oft stelle Al-Kaida dann aber fest, dass die neuen Partner andere Interessen hatten. So ginge ihre Strategie nicht immer auf.

Libyen Islamisten Demo in Bengasi 31.10.2014

Scharia-Freunde: IS-Anhänger in Bengazi

IS hingegen verbündet sich mit Organisationen, die weniger das Ausland als das jeweilige Heimatland im Blick hätten. Ihr Endziel, der Sturz der Regierung, solle nicht über das Ausland erfolgen, sondern dadurch, dass sich die Zelle vor Ort etabliere und die lokalen Behörden dann verdränge. "Baqiya wa tatamaddad" heiße dieses Prinzip "Bleiben und Ausweiten". Nach diesem Prinzip habe der IS bereits weite Teile Iraks und Syriens erobert und dort ein Kalifat errichtet. Durch die Arbeit der einzelnen Gruppen solle sich dieses nun unregelmäßig und in den verschiedensten Regionen der arabischen Welt ausbreiten. Die sollten sich nach Möglichkeit irgendwann mit dem Zentrum verbinden.

Offenen Grenzen und ausländische Kämpfer

Libyen bietet für ein solches Vorgehen gute geostrategische Voraussetzungen. "Libyen hat im Süden, in Richtung der Sahelzone wie auch im Westen, Richtung Ägypten, offene Grenzen", sagt Hasni Abidi. "Über sie sickern aus den entsprechenden Ländern Kämpfer nach Libyen ein."

Sie tragen dazu bei, die Präsenz des IS in Libyen zu erweitern. Die Attentate und Entführungen der letzten Wochen belegen, dass die Gruppe in allen größeren Städten des Landes präsent ist. Zudem zieht IS seit geraumer Zeit auch immer mehr Anhänger der Al-Kaida nahestehenden Ansar al-Sharia an. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie diese Gruppe bald ganz absorbiert – so wie es der IS in Syrien mit der Al-Nusra-Front getan hat.

Der IS betreibt in den libyschen Städten auch eine Art Symbolpolitik. So patroullieren Streifen durch die Stadt, die eine scharia-konforme Lebensweise der Bewohner durchsetzen sollen. Dazu gehört etwa das entschiedene Vorgehen gegen den Verkauf von Tabak. Auch dürfen die Händler während der Gebetszeiten nicht ihren Geschäften nachgehen. Einen Teil der Bürger ziehen solche Vorschriften an. Vor allem aber auch die ausländischen Kämpfer, die helfen, diese Regeln durchzusetzen.

Ein patroullierender Soldat in Bengasi, 21.01.2015
(Foto: Reuters)

Der bedrohte Staat: Soldat in Bengasi

Drohender Staatszerfall

Um den IS zu stoppen, brauche es ein entschiedenes militärisches Vorgehen, sagt Hasni Abidi. Außerdem müsse man auf die Akteure Druck ausüben. In Anlehnung an die Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien schlägt er vor, eine dem Abkommen von Dayton vergleichbare Einigung durchzusetzen. 1995 hatten sich die politischen Repräsentanten Serbiens, Kroatiens und Bosnien-Herzegowinas nach dreiwöchigen Verhandlungen auf die politische Gliederung und Machtverteilung geeinigt. Ein solches Abkommen, so Abidi, könnte auch ein Modell für die libyschen Kontrahenten sein. "Finden sie nicht zusammen, wird es Libyen nicht mehr geben."

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