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Nahost

Scharia-konforme Erotik aus Amsterdam

Der Islam ist nicht gerade für seinen freizügigen Umgang mit Sexualität bekannt. In Amsterdam hat jetzt ein Erotik-Shop für Muslime eröffnet, dessen Produkte "halal", also mit islamischem Recht vereinbar sind.

El Asira, Screenshot

Damen links, Herren rechts: El Asira präsentiert sich dezent

Abdelaziz Aouragh, 29 Jahre, praktizierender Muslim und gebürtiger Amsterdamer, ein Mann mit marokkanischen Wurzeln und niederländischem Handelssinn, sieht auf den ersten Blick nicht unbedingt so aus, als würde er kleine Kapseln "zur Verbesserung der sexuellen Leistungs- und Erlebnisfähigkeit sowie der Libido" verticken: Lust steigernde Pillen, Gleitmittel auf der Basis von Kakaobutter, Wasser oder Silikon und diverse andere Stimulanzien für sie und ihn.

Saudische Frauen, Foto: ap

"Die Frau genießt im Islam ein hohes Ansehen", erklärt Abdelaziz Aouragh

Und doch: Aouraghs El-Asira-Online-Shop – der erste weltweit, der Lust und Potenz steigernde Mittel anbietet, die "halal" , also mit dem islamischen Recht vereinbar, sind – ist ein Riesenerfolg, und das bei einer Glaubensgemeinschaft, die oft als frauenfeindlich und in Sachen Sexualität als ausgesprochen restriktiv wahrgenommen wird. Der Erfolg ist sogar dermaßen überwältigend, dass Aouragh den Shop nach den ersten vier Tagen vom Netz nehmen und zu einem neuen Internetprovider umziehen musste. "GreenGeeks", ein Webhoster aus Kalifornien, kam mit dem Traffic nicht zurecht: 60.000 Anfragen täglich.

Mit dem islamischen Recht vereinbar

Anscheinend wollte GreenGeeks auch nicht mehr mit El Asira in Zusammenhang gebracht werden, nachdem der Provider festgestellt hatte, dass die Seite auf das islamische Recht ausgerichtet ist. "Verstöße gegen unsere Nutzungsbedingungen werden nicht toleriert. Wenn uns durch einen Kunden bereits ein Schaden entstanden ist, dieser Kunde aber weiterhin gegen unsere Regeln und Gepflogenheiten verstößt, nehmen wir von der Geschäftsbeziehung Abstand. Ihr Konto wird deshalb in Kürze aufgelöst. Damit endet auch Ihre Kundenbeziehung zu GreenGeeks. Bitte sehen Sie sich nach einem neuen Webhoster um." Diese Mail von GeenGeeks-Mitarbeiter Karl Davids erreichte El Asira am 30. März 2010. Hauptgeschäftsführer Trey Gardner lehnt jeden Kommentar zu den angeblichen Verstößen ab.

El Asira – zu deutsch "Die Gesellschaft" – ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass junge Muslime, genau wie ihre Altersgenossen in anderen monotheistischen Religionsgemeinschaften, in Glaubensdingen ihren eigenen Weg gehen. Auch die Sexualmoral bleibt dabei nicht den erzkonservativen Kräften überlassen. Aouragh hat sich allerdings in aller Vorsicht bei Glaubensautoritäten in Saudi-Arabien rückversichert. Erst kürzlich haben sich zudem eine ganze Reihe zeitgenössischer muslimischer Künstler, darunter auch viele Frauen, der Aktmalerei zugewandt. Obwohl die lebensnahe Darstellung nackter menschlicher Körper, so eine unter Muslimen weit verbreitete Überzeugung, vom Koran verboten ist. "Wir möchten einen Beitrag zum Dialog über dieses Thema leisten", sagt Aouragh dazu, obwohl er selbst der Ansicht ist, dass muslimische Künstler, die Aktdarstellungen anfertigen, kein angemessenes Verständnis ihrer Religion haben.

El Asira, Screenshot

Al Asiras bunte Produktpalette: Keine anstößigen Bilder und alles 'halal', also nach islamischem Recht unbedenklich.



Getrennte virtuelle Eingänge für Männer und Frauen

Die Internetseite von El Asira unterscheidet sich von den üblichen Online-Erotik-Shops sehr deutlich und bringt Aouraghs konservative Grundhaltung klar zum Ausdruck: Keine verführerischen Bilder hübscher Frauen, keine Phantasie anregenden, suggestiven Texte. Stattdessen ein in nüchternen Grautönen gehaltenes Foto von einer Straße, in der Mitte eine Trennlinie. Frauen finden links Zugang zu den Inhalten, Männer rechts.

Mehr als ein Dutzend Massage-Öle, Gleitmittel und Aphrodisiaka können auf Niederländisch, Arabisch oder Englisch durchsucht werden. Die Abbildungen beschränken sich auf Schachteln, Tabletten, Tuben und kleine Flaschen, meist pinkfarben oder blau und mit dem Firmenlogo versehen, einer schwarzen Flamme.

Was auffällt: Spielzeuge oder Pornographie werden überhaupt nicht angeboten. Und alle Zutaten sind "halal", also nach islamischem Recht unbedenklich. Das bedeutet, erklärt Aouragh, dass so gut wie keine tierischen Fette enthalten sind. Aouraghs Hauptlieferant ist ein schwedischer Hersteller pflanzlicher Bioprodukte. Diese werden weder mit Nacktdarstellungen beworben noch mit anstößigem Vokabular.

Mit dem Segen eines niederländischen Imams

Um El Asira zu lancieren, hatte Aouragh sich zunächst bemüht, den Segen eines niederländischen Imams zu bekommen. Von diesem war er an einen Scheich aus Saudi-Arabien verwiesen worden, wo der Islam mit am strengsten ausgelegt wird. Auf die Frage, ob der Verkauf von Potenz fördernden Mitteln nach islamischem Recht erlaubt sei, hatte der Scheich am Telefon geantwortet: "Das ist nichts Neues. So was wird auch in den heiligen Städten Mekka und Medina verkauft, genau wie Reizwäsche übrigens."

Der niederländische Imam, Boularia Houari ist noch immer Aouraghs wichtigster Berater in Sachen Scharia: Houari ist fünfunddreißig Jahre alt, von Beruf Kabeltechniker und spricht hauptsächlich arabisch. Er leitet in mehreren niederländischen Moscheen das Gebet. Und er berät verheiratete Paare aus seiner Gemeinde in Sexualfragen. Dabei hält er sich an einige Grundsätze: Intimkontakt zwischen Mann und Frau ist nur in der Ehe erlaubt. Viagra ist zugestanden, aber natürliche Stimulanzmittel wie Mohnsamenöl oder Honig sind aus Sicht des Islam vorzuziehen. Lieber ein Kondom als ein coitus interruptus, damit auch die Frau einen Orgasmus bekommt und nicht in Versuchung geführt wird, Vibratoren zu benutzen oder zu masturbieren.

Keine Pornographie, keine erotischen Extravaganzen

Verheiratete Paare seien auch die Hauptklientel seines Webshops, erklärt Aouragh. Sein Angebot richte sich an Muslime ebenso wie an Anhänger anderer Religionen, insoweit sie Wert auf einen Online-Shop legten, der nicht ihrem religiösen Empfinden zuwiderläuft, weil er bei El Asira auf "Pornographie und erotische Extravaganzen" verzichtet.

Muslima in Burkini am Strand von Newport Beach, Kalifornien, Foto: ap

Der Islam ist nicht gerade für seine Freizügigkeit bekannt: Der "Burkini"

Wer seine Seite tatsächlich besucht, kann Aouragh zwar nicht kontrollieren, doch der Scheich aus Riad hat ihm versichert, dass er nicht dafür verantwortlich sei, wer seine Kunden möglicherweise sind und was sie mit den Waren anstellen, die er ihnen verkauft. Wenn etwa ein unverheirateter Mann Potenz steigernde Pillen für seine außereheliche Affäre bestelle oder ein verheiratetes Paar während der Menstruation der Frau Sex habe, so liegt die Verantwortung für diese Sünden dem Scheich zufolge bei den Betroffenen, nicht beim Händler.

Hohes Ansehen für Frauen im Islam

Weil El Asira als Online-Shop so erfolgreich ist, überlegt Aouragh derzeit, ob er seine Geschäftstätigkeit nicht auf den Bereich der wirklichen Welt ausdehnen soll, mit einem Ladengeschäft in einem konservativ-islamisch geprägten Land, etwa in der Golfregion, wo er dann neben Aphrodisiaka und Reizwäsche auch Schmuck verkaufen könnte. "Dass muslimische Frauen sich unterordnen, immer nur in der Küche stehen und eine Burka tragen müssen, entspricht nicht den Tatsachen", erklärt Aouragh. "Das Verhältnis der Geschlechter ist von sehr viel Liebe geprägt. Die Frau genießt im Islam ein hohes Ansehen. Und bei unserem Shop dreht sich buchstäblich alles um sie."

Aouragh möchte nicht nur Geld verdienen und ein Geschäftsimperium aufbauen, sondern auch zum interkulturellen Dialog beitragen. "Überall bekommt der Islam schlechte Presse. Ich möchte gern die positiven Seiten ans Licht bringen." Und auf der Website von El Asira heißt es: "Beim Thema Sexualität im Islam sind Muslime häufig mit stereotypen Vorurteilen Andersgläubiger konfrontiert. Gemeinsam mit anderen Muslimen wollen wir für einen offeneren Umgang mit Sexualität und Erotik werben, innerhalb wie auch außerhalb unserer Glaubensgemeinschaft."


James M. Dorsey

Redaktion: Lewis Gropp (Qantara.de 2010)/ Ina Rottscheidt

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