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Schafmanagement

Ich muss Abbitte tun, und zwar bei einem Landwirtschaftsfunktionär aus dem süddeutschen Raum. Dort war vor kurzem ein Wolf eingewandert und hatte ein paar Nutztiere gerissen...

Der Schriftsteller Burkhard Spinnen (Foto: privat)

Burkhard Spinnen

...worauf der Mann einer Zeitung gegenüber sagte, man müsse jetzt über ein neues Schafmanagement nachdenken.

Ich las das und dachte: Wie redet der denn? Hier geht’s ja wohl darum, die Schäfchen besser zu bewachen oder dorthin zu bringen, wo der Problemwolf ihrer nicht habhaft werden kann. Das ist sachlich nachvollziehbar. Und ich wäre auch nicht überrascht gewesen, wenn der Funktionär für einen Abschuss des Wolfs plädiert hätte. Schließlich muss er sich für die Interessen seiner Klientel einsetzen.

Wie blökend ist das denn?

Was ich dem Mann aber nicht verzeihen konnte, das war der Ausdruck Schafmanagement. Wie blöd, pardon, wie blökend ist das denn? – um mit einer anderen grausamen Redensart zu fragen. Kann man hier nicht einfach sagen, worum es geht, statt sogar mitten in Wäldern und Wiesen in eine Sprache zu verfallen, die ansonsten da gesprochen wird, wo die Wölfe teure Krawatten tragen und die Schafe Kleinanleger oder Privatkunden heißen? Muss man wirklich den Umstand, dass Hasso und Harro jetzt die Herde ein bisschen früher in den Pferch treiben, als verändertes Schafmanagement bezeichnen?

Mea culpa

Clonschaf Dolly (Foto: AP)

Schafmanagement? Na klar!

Die Antwort lautet: Man muss vielleicht nicht, aber man kann. Oder anders gesagt: Andere Sprecher sind dem Herrn Landwirtschaftsfunktionär vorangegangen auf dem Weg eines Upgrading allen Schäfer- und Försterlateins. Im Netz habe ich nicht nur wissenschaftliche Arbeiten über das Schafmanagement gefunden, sondern auch den Anbieter einer gleichnamigen Software. Und da ich schon einmal beim Suchen war, bin ich auch auf Hinweise zum Wolfmanagement sowie zum Wolf-Schaf-Management gestoßen.

Weswegen ich mich hiermit bei dem Funktionär entschuldigen möchte. Der Mann ist offenbar kein selbständig agierender größenwahnsinniger Sprachpanscher - nein - der Mann macht nur seine Arbeit und redet so, wie andere ihm den Schnabel gebogen haben.

Management überall

Aber wer es bislang noch nicht glauben wollte, der glaubt es vielleicht jetzt: Überall ist Management - auch in Wald und Flur. Die Wölfe wünschen sich einen Schafspelz, aber die Schäfer wünschen sich Nadelstreifen. Alles ist Management! Ich und du, und Müllers Kuh. Jeder möchte ein Teil der globalen Ökonomie sein, jeder möchte in ihre oberen Etagen; und wenn es nun mal bloß sein Job ist, die Schafe zu hüten, so spricht er sich doch wenigstens in Richtung Ledersessel und Business Class. Benchmarking sagt er, wenn er den Zaun erhöht, Mitarbeiter Motivation sagt er, wenn er Hasso und Harro hinter den Ohren krault, und Corporate Identity, wenn er sich gegen den Verbleib von schwarzen Schafen in seiner Herde entscheidet.

Ich selbst gehe jetzt übrigens, um mich abzuregen, mit dem Hund spazieren. Pardon, ich betreibe Depressionsmanagement.

Autor: Burkhard Spinnen
Redaktion: Gabriela Schaaf (sic)

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

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