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Wirtschaft

Schafft Europa die digitale Aufholjagd?

Lange Zeit schienen Deutschland und Europa bei der Digitalisierung der Wirtschaft den Amerikanern und einigen asiatischen Ländern hinterherzulaufen. Doch Experten sind sich sicher, dass Europa durchaus mithalten kann.

Der Begriff Industrie 4.0 ist in aller Munde. Was steckt dahinter? Welche Chancen, welche Herausforderungen bieten sich für den Standort Deutschland und Europa? Wie werden Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit beeinflusst? Das Wirtschaftsforum "Europa im Digitalen Wettbewerb" des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat die zahlreichen Facetten der fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft diskutiert - und dabei erstaunlich viel Optimismus gezeigt.

Denn es ist noch keine zwei Jahrzehnte her, da weinte die deutsche IT-Branche große Krokodilstränen: "Die Amerikaner bauen die Prozessoren und entwickeln die Software, die Asiaten bauen die Speicherchips und die Unterhaltungselektronik, und wir Europäer sind abgehängt", lautete die gängige Argumentation damals. "Man stelle sich vor, ein deutsches Auto für 40.000 D-Mark kann nicht ausgeliefert werden, weil uns ein asiatischer Chiplieferant den Chip für eine Mark fünfzig vorenthält."

"Die erste Phase der Digitalisierung ist tatsächlich eine Phase gewesen, die von den Amerikanern und vielen asiatischen Ländern dominiert wird", räumt Clemens Fuest ein, Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. "Wir haben weinige Unternehmen in Europa, die zur Weltspitzte gehören. Deutschland hat beispielsweise SAP, aber damit ist die Sache fast schon erledigt."

Vorbild Internet-Ökonomie

Clemens Fuest spricht allerdings bewusst von der ersten Phase der Digitalisierung, denn heute sind wir viel weiter - und scheinen noch weiter abgehängt worden zu sein. Nicht nur, weil fast alle großen Unternehmen der Internet-Ökonomie in den USA sitzen, sondern auch, weil diese Unternehmen es geschafft haben, sich eine eigene, riesige Plattform von Kunden zu schaffen. "Ökosystem" nennt das Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart.

"Diese Ökosysteme haben sich erst einmal in der Internetökonomie herausgebildet. Denken Sie an Amazon, Ebay, Apple, Google, da gibt es viele Beispiele", sagt Bauernhansl."Wir haben keine vergleichbare Entwicklung in Deutschland oder Europa gesehen." Doch es gibt Hoffnung für die Europäer. Und die gründet sich auf zwei Zahlen. Heute gibt es weltweit etwa drei Milliarden Internetnutzer, mit abnehmenden Zuwachsraten. Gleichzeitig sind aber bereits Milliarden Dinge miteinander vernetzt, also Computer, Kameras, Maschinen, Stromzähler, Sensoren und so weiter. Und in Zukunft werden diese vernetzten Dinge und Dienste fast unendlich zunehmen.

Chancen im Internet der Dinge

Darin liegt aber auch die Chance für eine völlig neue Produktionstechnik, sagt Automatisierungsforscher Bauernhansl: "Das Prinzip des Internets der Dinge und Dienste, also der Vernetzung von Dingen, von Geräten und das Nutzen von Diensten, wie wir sie beispielsweise heute aus dem App-Store kennen, dieses Prinzip überträgt sich mehr und mehr auf alle Produkte. Und damit entstehen ganz neue Produktarchitekturen.

Der Charme an diesen Systemen: Die Arbeit machen andere. Tausende von App-Entwicklern, und die Kunden, die man in seinem Ökosystem gefangen hat: "Die Kunst ist, Angebote zu machen, die so attraktiv sind, dass Kunden anfangen, für mich zu entwickeln. Dass Kunden anfangen, Aufgaben zu übernehmen, die - wenn ich sie selbst ausführe, relativ teuer sind und gegebenenfalls auch gar nicht vom Kunden bezahlt werden."

Ein Beispiel ist das Smartphone, das heute der Kunde konfiguriert. Er kauft ein Standardgerät und zieht sich dann über den App-Store Funktionalität auf das Smartphone. Das heißt, der Kunde übernimmt die Individualisierung des Geräts. Das hat Apple verstanden, das hat Google mit seinem Android-Betriebssystem verstanden, und Nokia eben nicht.

Neue Produktionstechniken

Wenn es aber gelingt, die Prinzipien der Internet-Ökonomie auch auf die Produktionstechnik zu übertragen, dann können die Europäer und vor allem die deutschen Mittelständler ganz vorne mitmischen, ist Irene Bertschek überzeugt. Sie ist Leiterin des Forschungsbereichs Informations- und Kommunikationstechnologien am ZEW in Mannheim: "Europa hat im Prinzip verloren gegenüber den USA, wenn es um die großen Internetplattformanbieter geht. Aber Europa und insbesondere Deutschland haben jetzt einen großen Standortvorteil darin, dass die industrielle Produktion eine sehr wichtige Rolle spielt. Und aus der Kombination zwischen industrieller Produktion und Informations- und Kommunikationstechnologie – sprich Industrie 4.0 – kann man sich im internationalen Wettbewerb Vorteile verschaffen."

In die gleiche Richtung argumentiert Thomas Bauernhansl vom Stuttgarter Fraunhofer Institut. "Wir haben einen Vorteil im Vergleich zu den Amerikanern. Die haben weder die Physis, also die Maschinen, noch den intensiven Kontakt zu den Kunden." Deutsche Unternehmen müssten diesen Kontakt zu den Kunden verteidigen. Und sie dürften nicht zulassen, dass sich Internetgiganten dazwischenschieben.

Dass die deutsche Wirtschaft vorwiegend mittelständisch geprägt ist und nicht aus einigen wenigen Riesenkonzernen besteht, ist beim Thema Industrie 4.0 sogar ein Vorteil, wie ZEW-Präsident Clemens Fuest sagt. "Deutschland hat einen sehr hohen Industrieanteil, einen höheren als viele andere Länder. Und wenn es gelingt, diese Industrie durch die Technologien wie Internet zu vernetzen und die Produktivität zu steigern, dann kann Deutschland hier auch einen Vorsprung erringen. Allerdings ist es dazu erforderlich, dass wir unsere Potentiale nutzen – vor allem die Potentiale um uns herum, die europäische Integration nutzen damit wir einen größeren Markt hier bekommen. Wir dürfen uns also nicht ausruhen."