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Wissen & Umwelt

Schaden für die deutsche Wissenschaft?

Dass Annette Schavan als Ministerin für Bildung und Forschung zurücktreten würde, war nur eine Frage der Zeit. Die Aberkennung ihres Doktortitels gefährdet den Ruf deutscher Wissenschaftler im Ausland.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (Foto: dpa)

Universität Düsseldorf eröffnet Plagiatsverfahren gegen Annette Schavan

Die Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hatte Annette Schavan den Doktortitel aberkannt - weil sie Zitate nicht ordnungsgemäß gekennzeichnet haben soll. Flüchtigkeitsfehler hat die scheidende Ministerin für Bildung und Forschung, die am Samstagmittag (09.02.2013) ihren Rücktritt vom Ministeramt erklärte, zugegeben. Von einem Plagiat will sie aber nach wie vor nichts wissen. Die Erschütterung über die Entscheidung der Universität ist ihr in ihrer Rücktrittserklärung noch anzumerken. Und auch den deutschen Wissenschaftsbetrieb dürfte der Beschluss bis ins Mark getroffen haben.

Die Vorwürfe gegen Annette Schavan stehen schon seit Monaten im Raum: Im Mai 2012 veröffentlichte ein anonymer Internetnutzer auf der Seite "schavanplag.wordpress" erstmals seine Anschuldigungen. Demnach soll ausgerechnet die damalige Forschungsministerin wissenschaftliche Standards massiv missachtet und bei anderen Wissenschaftlern abgeschrieben haben.

Porträt von Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (Foto: dpa - Bildfunk)

Bernhard Kempen fürchtet, dass die Glaubwürdigkeit der deutschen Wissenschaft leiden könnte

"Ich bin besorgt, dass durch dieses Verfahren der Eindruck entsteht, dass in der Wissenschaft Lug und Trug an der Tagesordnung sind", klagte Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, gegenüber der DW. Der Kölner Professor für Völkerrecht hat nicht nur selbst in den 1980er Jahren eine Doktorarbeit geschrieben - er trägt auch Verantwortung für den Ruf all derer, die im deutschen Wissenschaftssystem arbeiten, gleichermaßen für Wissenschaftler und Universitätslehrende.

Denn beim Deutschen Hochschulverband vertritt er deren Interessen. Seine größte Sorge: Dass unter dem Skandal um Annette Schavan die Glaubwürdigkeit der deutschen Wissenschaft leiden könnte. "Glaubwürdigkeit. Das ist die Währung, die wir im Verkehr mit anderen Staaten austauschen", erklärt Kempen. "Wir können international nur erfolgreich sein, wenn in die Validität unserer Titel vertrauen gesetzt wird. Ist dies nicht der Fall, leidet das ganze System."

"Hervorragender Ruf des deutschen Doktortitels"

Mit internationalem Erfolg konnte Annette Schavan als Forschungsministerin tatsächlich in den letzten Jahren prahlen: In Deutschland verdienen mehr als eine halbe Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt mit Forschung und Entwicklung. Und Deutschland ist eines der führenden Länder, wenn es um den Export forschungsintensiver Produkte und weltmarktrelevanter Patente geht. Auch ausländische Wissenschaftler schätzen Deutschland als Standort für hochqualifizierte Forschung. Allein im Jahr 2010 haben 3700 ausländische Doktoranden ihre Dissertation in Deutschland abgeschlossen. Mit 47 Prozent promovierte die große Mehrheit von ihnen in den Fachrichtungen Mathematik und Naturwissenschaften. Weitere 15 Prozent der ausländischen Nachwuchswissenschaftler kamen für den Doktor in Ingenieurwissenschaft nach Deutschland.

Auch die jungen Ingenieure Manushanka Balasubramanian aus Indien, Anna Fontana aus Italien und Valeria Gracheva aus Russland haben sich Deutschland als Forschungsstandort ausgesucht und schreiben hier ihre Doktorarbeit. Um internationale Nachwuchswissenschaftler wie sie wirbt das Forschungsministerium rege. "Es gibt viele Gründe, in Deutschland zu promovieren", heißt es auf einer Internetseite des Ministeriums. "Erstens: Hervorragender Ruf des deutschen Doktortitels".

Die Doktoranden Anna Fontana, Manushanka Balasubramanian und Valeria Gracheva (Foto: Clara Walther/DW)

Die drei Doktoranden des Fraunhofer-Instituts für Hochfrequenzphysik und Radartechnik vertrauen bei ihren Arbeiten auf die Unterstützung ihres Doktorvaters

"Natürlich können solche Skandale die Glaubwürdigkeit der wissenschaftlichen Arbeit hier schmälern", meint auch die junge Neapolitanerin Anna Fontana. Es sei eben ein Widerspruch, dass gerade eine Forschungsministerin, die die hohe Qualität wissenschaftlicher Forschung repräsentieren müsse, selbst in eine Plagiatsaffäre verwickelt sei. Dass Anna Fontana zu diesem Thema überhaupt etwas sagt, ist mutig. Doktoranden anderer Forschungseinrichtungen hatten Interviewanfragen der DW zu diesem Thema kategorisch abgelehnt. Zu Annette Schavan sage man nichts - ihr Forschungsministerium bewilligten für die Forschungseinrichtungen schließlich die Gelder.

Doktoranden entwickeln völlig Neues

Anna Fontana, Manushanka Balasubramanian und Valeria Gracheva schreiben ihre Doktorarbeiten in Deutschland, weil sie der Meinung sind, hier optimale Bedingungen vorzufinden. Und tatsächlich ist das Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik (FHR) in der kleinen Gemeinde Wachtberg ein besonderer Ort. Seit dem Film Jurassic-Park sind Generationen von Kindern der festen Überzeugung, dass in der weißen Kugel, die aus der Ferne zu sehen ist, Dinosaurier gezüchtet werden. In Wahrheit handelt es sich bei dem runden Bau um die weltweit größte Radarkuppel - in ihrem Inneren befindet sich der Weltraumbeobachtungsradar TIRA. Ein- und Ausgänge des Forschungszentrums werden streng bewacht. "Die Forschung hier hat ja einen praktischen Nutzen, die soll ja auch verkauft werden", meint der Pförtner.

Ein gedrucktes Exemplar der Dissertation der heutigen Wissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) mit dem Titel Person und Gewissen steht in einer Bibliothek (Foto: Sascha Schuermann/dapd)

Im Mai 2012 veröffentlichte ein anonymer Internetnutzer erstmals seine Anschuldigungen gegen Forschungsministerin Annette Schavan und ihre Doktorarbeit

Gracheva forscht beispielsweise im Bereich Signalverarbeitung auf dem Meer, Balasubramanian beschäftigt sich mit der numerischen Entwicklung elektromagnetischer Felder, Fontana hat sich der Weiterentwicklung bildgebender Radare verschrieben. "In jeder unserer Arbeiten geht es darum, etwas völlig Neues zu entwickeln, wie einen neuen Algorithmus oder eine neue Messung", erklärt die gebürtige Moskauerin Gracheva. Die drei Nachwuchswissenschaftler werden angehalten, ihre Ergebnisse regelmäßig auf internationalen Konferenzen vorzustellen - "da wird einem schon bestätigt, dass man etwas wirklich Innovatives macht. Dieses Problem mit der richtigen oder falschen Zitierweise hat man hier deshalb nicht so", meint Gracheva.

Kontrolle beim Schreiben der Arbeit

Trotz der Diskussionen um Annette Schavan, die mit deren Rücktritt als Ministerin wohl noch längst nicht zuende sein werden, fürchten die drei Doktoranden eine Entwertung der eigenen Arbeitsleistung nicht. Sie vertrauen auf ihre eigene Forschungsleistung - und auf die Unterstützung ihres Doktorvaters, Joachim Ender, Leiter des Fraunhofer FHR. "Der achtet schon darauf, dass wir kein Integral falsch aufschreiben", meinen sie. Sein guter Ruf in der internationalen Forschungsszene, so hoffen sie, wird sich am Ende auch auf die Wertigkeit und Glaubhaftigkeit ihrer Arbeit positiv auswirken.

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