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Amerika

Schachmatt für Nationalhelden

Jahrelang hatte Schachlegende Bobby Fischer im Untergrund gelebt und nur durch einzelne, Aufsehen erregende Äußerungen von sich Reden gemacht. Nun wurde ihm sein letzter Zug zum Verhängnis.

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Bobby Fischer: Genie und Wahnsinn

In Tokio ging Bobby Fischer schachmatt: Jahrelang war der erste und einzige Schachweltmeister aus den USA untergetaucht, eine Odyssee hatte ihn durch Osteruropa und Asien geführt, bis japanische Behörden den 61jährigen in der vergangenen Woche am japanischen Flughafen Narita mit einem ungültigen Reisepass festnahmen.

Die USA beantragten seine Auslieferung, denn dort liegt ein Haftbefehl gegen Fischer vor, seit er 1992 durch eine Aufsehen erregende Schachpartie in Belgrad gegen den langjährigen Konkurrenten Boris Spassky angetreten war. Ein US-Embargo hatte seinerzeit alle "kommerziellen Aktivitäten" mit den Serben wegen deren Rolle in Bosnien und Herzegowina untersagt. Auf einer Pressekonferenz hatte Fischer demonstrativ auf das Schreiben des amerikanischen Finanzministeriums gespuckt, das ihm vorab mit einer Strafe von 250.000 Dollar gedroht hatte, falls er mit dem Schaukampf die Sanktionen bräche. Er strich das Preisgeld von über drei Millionen Dollar ein und tauchte ab, um sich der Festnahme zu entziehen.

Großmeister Boris Spassky

Erbitterter Gegner: Boris Spassky

Lange umjubelter Held

Fischer, der als extrovertiertes Schachgenie gilt, wurde bereits mit 14 weltweit jüngster Großmeister. Der endgültige Durchbruch gelang ihm 1972, als er während des legendären Duells gegen Spassky erster und einziger amerikanischer Schachweltmeister wurde. Sein Sieg wurde zum Politikum, denn ausgerechnet auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hatte ein Amerikaner die russische Alleinherrschaft im Schach gebrochen.

In ihrem Buch "Bobby Fischer goes to War" enthüllten zwei BBC-Reporter später diverse KGB-Intrigen, die während des Turniers vom desaströsen Abschneiden des sowjetischen Kandidaten ablenken sollten. Agenten sollen ihnen zufolge das Gerücht gestreut haben, Spasskys geheime Strategien seien verraten worden und in seinem Getränk habe sich Gift befunden. Das Getränk wurde zu Untersuchungen nach Moskau geschickt. Ferner sollen die Agenten einen Apparat in dessen Sessel eingebaut haben, um vorzutäuschen, dass der russische Schachspieler einer perfiden US-Strahlenattacke zum Opfer gefallen sein sei. Als Röntgenaufnahmen des Sessels diese Manipulation bloß zu stellen drohten, entfernten die Russen den Apparat wieder.

Genie und Wahnsinn

Ohne ein Heer von Analysten und Sekundanten, nur mit kaltem und logischem Spiel hatte Fischer den Sieg errungen. Über seine exzentrischen Eskapaden und Privilegien jenseits des Brettes sowie seine verbalen Fehltritte in der Öffentlichkeit sah man hinweg, solange er in den USA als Held des intellektuellen Rüstungswettlaufes gefeiert werden konnte.

Schachspiel - Weiss ist am Zug

Schach: fast ausschließlich in russischer Hand

Antiamerikanist und Antisemit

Mehrfach war der Sohn einer jüdischen Mutter durch antisemitische Äußerungen aufgefallen,

in diversen Radiointerviews hatte er gegen eine "jüdische Verschwörung" gewettert, den Holocaust bestritten und ihn eine "Erfindung zum Geldmachen" genannt. Doch der Ehrgeiz der US-Strafverfolgungsbehörden wurde erst geweckt, als sich Fischer in der Sendung eines phillipinischen Radiosenders begeistert zeigte, als am 11. September 2001 das World Trade Center tausende Menschen unter sich begrub. Er beglückwünschte die Attentäter sagte: "Die USA und Israel haben die Palästinenser über Jahre hinweg massakriert. Jetzt fällt es auf die USA zurück. Die USA müssen ausgelöscht werden!"

Fischers Festnahme in der vergangenen Woche war ein jahrelanges Katz- und Mausspiel mit den US-Behörden voraus gegangen, immer wieder hatte er seinen Aufenthaltsort gewechselt. Als seine Verfolger kürzlich erfuhren, dass er sich ein Visum für Japan beschafft hatte, erklärten sie seinen Pass für ungültig und ermöglichten so seine Festnahme wegen des Verstoßes gegen dortige Einreisebestimmungen. Wenn Japan den US-Forderungen nach Auslieferung nachkommen sollte, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Nach Angaben der Internetseite Chessbase.com bemüht sich Fischer derzeit um Asyl in einem Drittland.

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