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Europa

Schachern um die Beutekunst

Mal hü, mal hott - das ist die russische Devise bei der Rückgabe von Kulturgütern an Deutschland. Ein Konzept lässt sich nicht ausmachen. Jüngstes Beispiel: Das Archiv des ehemaligen deutschen Außenministers Rathenau.

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Walther Rathenau: Sein Erbe sorgt für deutsch-russische Verstimmung

Die russische Regierung will das Archiv des ermordeten früheren deutschen Außenministers Walther Rathenau (1867 bis 1922) nun doch nicht an Deutschland zurückgeben. In einem Schreiben des Moskauer Außenministeriums an das Auswärtige Amt in Berlin heißt es, Russland betrachte die wertvollen historischen Dokumente als Teil der "kompensatorischen Restitution", also als einen Ausgleich für erlittene Kriegsschäden. Es habe die Unterlagen zum staatlichen Eigentum erklärt.

Beleidigendes Schreiben an Deutschland

Das Auswärtige Amt und Kulturstaatsministerin Christina Weiss haben sich noch nicht offiziell geäußert, doch sei man in Berlin verärgert über den russischen Schritt, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Kein Wunder, denn angesichts der deutschen Finanzhilfen nach dem Abzug der russischen Truppen aus dem wiedervereinigten Deutschland, den Kosten für die Wiedernutzbarmachung von verseuchtem Grund und Boden und dem Schuldenerlass versteht man in Berlin die Welt nicht mehr: Vom ehemaligen "Feindstaat" Deutschland ist da die Rede, ein Motiv für den Rückgriff auf über 70 Jahre zurückliegende Ereignisse nicht erkennbar.

Gespaltene Meinung in Russland

Noch im vergangenen Jahr 2003 hatte der russische Kulturminister Michail Schwydkoi die Rückgabe des Archivs in Aussicht gestellt. Es steht bei den Verhandlungen um die Rückgabe der von den Russen erbeuteten Kunst- und Kulturgüter auf der Berliner Prioritätenliste ganz oben. Zuvor war bereits die fest vereinbarte Rückgabe der Bremer Baldin-Sammlung mit über 360 wertvollen Zeichnungen und Grafiken am Widerstand aus der russischen Duma gescheitert – ein klarer Verstoß gegen Verträge, ist aus Berlin zu hören.

Nachlass mit brisanten Aspekten der Geschichte

70.000 Seiten umfasst der Nachlass des Politikers und damaligen Außenministers Walter Rathenau. Sein Vater hatte die AEG gegründet, einen der bedeutendsten deutschen Industriekonzerne des 19. und 20. Jahrhunderts. 1922 hatte Rathenau den deutsch-russischen Vertrag im italienischen Rapallo ausgehandelt. Im gleichen Jahr wurde er von Verschwörern aus dem Dunstkreis der rechtsnationalen Freikorps ermordet. Der jüdische Politiker galt ihnen als Vaterlandsverräter.

Der Architekt von Rapallo

In dem Dokument vereinbarten die Sowjetunion und die Weimarer Republik wirtschaftliche Zusammenarbeit und Verzicht auf Reparationen. Geheim einigten sie sich allerdings auch auf eine militärische Zusammenarbeit, die sich in den kommenden Jahren rasant entwickelte – wichtig für die Reichswehr in Zeiten der militärischen Beschneidung, zu der Deutschland nach dem 1. Weltkrieg gezwungen worden war. So konnte die deutsche Armee, auf 100.000 Mann beschränkt, neue Waffensysteme wie Flugzeuge und Artillerie in Russland testen, was ihr im Reichsgebiet verboten war.

Die deutsch-russische Zusammenarbeit richtete sich also im Kern gegen das Diktat der Westmächte, das von beiden Nationen als unerträglich empfunden wurde – auch wenn ihre Interessen ansonsten nicht unbedingt deckungsgleich waren. Lange Zeit galten Rathenaus Dokumente als verschollen in sowjetischen Archiven, wurden erst 1992 kurz zugänglich gemacht. Für Historiker sind diese Papiere freilich von immensem Interesse. Seither fordert Deutschland die Rückgabe des Rathenau-Archivs.

Unklare Richtung der russischen Politik

Ganze elf Mappen aus dem Nachlass des 1922 hatte 1997 der damalige russische Präsident Boris Jelzin Bundeskanzler Helmut Kohl geschenkt.

Mutmaßlich nun ist der Wahlausgang in Russland für das Umschwenken der Regierung in der Beutekunst-Frage verantwortlich. Die nationale Strömung in Russland ist erstarkt. Möglich auch, dass weitere Leistungen von Deutschland in dem Poker gefordert werden. Putin wird ein größeres Verständnis für die deutsche Position nachgesagt, in der Duma gilt das keineswegs als so klar. Zuletzt hatten Kulturstaatsministerin Weiss und der russische Kulturminister Michail Schwydkoi im Juli 2003 in St. Petersburg an das russische Parlament appelliert, dass man in dieser Frage vorankommen müsse.

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