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Digitales Leben

schülerVZ geht vom Netz

Es ist soweit. Mit schülerVZ schließt das soziale Netzwerk aus der VZ-Familie seine digitalen Pforten. Das einstige Erfolgsmodell konnte sich zuletzt nicht mehr gegen den Marktführer Facebook behaupten.

Totgesagte leben länger, lautet ein bekanntes Sprichwort. Auch den sozialen Netzwerken der deutschen VZ-Familie wurde in den letzten Jahren schon oft das Ende prophezeit. Nun ist es soweit. Am 30. April stellt schülerVZ seinen Betrieb ein. Kurz und knapp verkündet die Homepage: "Wir machen's kurz. Es ist vorbei." Damit bleiben nur noch studiVZ und meinVZ aus dem einst beliebten Verbund der VZ-Netzwerke übrig.

Dem Ende von schülerVZ ging ein beispielloser Niedergang voraus. Rund fünf Millionen Nutzer soll das soziale Netzwerk einst besessen haben. Davon hielten nur 200.000 schülerVZ bis zum Ende die Treue, der Rest ist mehrheitlich zum amerikanischen Konkurrenten Facebook gewechselt. Dort werden neue Kontakte eben "angestupst", statt "gegruschelt" wie bei schülerVZ.

Erwachsene müssen draußen bleiben

2005 ging mit studiVZ das erste große soziale Netzwerk in Deutschland an den Start. Eine Plattform für Studenten, mit der Möglichkeit Gruppen zu bilden, neue Kontakte in anderen Universitätsstädten zu knüpfen und Wohnungen zu finden. Um noch jüngere Nutzerschichten zu erreichen, folgte 2007 schülerVZ für die Altersgruppe von zunächst 12 bis 21 bis Jahren, später sogar schon für Zehnjährige. Mit einem einfachen Kniff sorgte schülerVZ für steigende Nutzerzahlen: Neue jugendliche Mitglieder wurden ihren Schulen zugeordnet. So konnten die Schüler schnell und unkompliziert mit den Schulkameraden in Kontakt kommen.

Und noch ein weiterer Vorteil lockte die Kinder in Scharen in die Welt von schülerVZ. Eltern und Lehrer mussten draußen bleiben. Nur durch einen Einladungscode war der Zugang zum Schüler-Netzwerk möglich. Erziehungsberechtigten war dieses aufsichtsfreie digitale "Nimmerland" ein Dorn im Auge. Viele besorgte Väter und Mütter verschafften sich trotz der Zugangsregeln Eintritt zum sozialen Netzwerk ihrer Kinder. Zahlreiche Videoclips auf Youtube zeigen, wie dies zu schaffen ist. SchülerVZ zog mit seinen abertausenden Profilen und Daten von Minderjährigen aber auch Pädophile an, die sich mit gefälschten oder gehackten Daten Zugang verschafft hatten. Allerdings war dies nicht allein ein Problem dieses Netzwerks. Marianne Falaschka vom Bundeskriminalamt hält fest: "Seit Jahren werden der Polizei regelmäßig Fälle bekannt, in denen Täter Kinder und Jugendliche über das Internet mit dem Ziel der Anbahnung sexueller Kontakte beziehungsweise Handlungen ansprechen."

Die Kinder entscheiden

Unbeeindruckt von solchen Zwischenfällen vermeldete schülerVZ rasant steigende Nutzerzahlen. Kaum ein Schüler konnte sich diesem digitalen Netzwerk entziehen: "Meine ganze Schule und alle meine Freundinnen waren da drin", meint Charlotte (Name geändert), 16 Jahre alt, über die Boomjahre von schülerVZ. "Das Angebot war super, vor allem konnte man seinen Freunden schreiben", führt sie weiter aus. "In der fünften, sechsten Klasse waren alle bei schülerVZ", ergänzt ihr jüngerer Bruder Christian (Name geändert), 15 Jahre alt. Allerdings verschliefen die Verantwortlichen von schülerVZ angesichts der anfänglichen Erfolge den Trend.

Der Konkurrent aus Amerika holte mächtig auf. "Facebook war halt schneller", meint Jo Bager von der Computerzeitschrift c't. "Besonders darin, dass es seine Plattform schneller geöffnet hat für externe Anwendungen, insbesondere für Spiele."

Und nicht zuletzt machte die auf Deutschland beschränkte Reichweite schülerVZ unattraktiv für alle, die sich im grenzenlosen Internet nicht beschränken wollten. "Facebook gibt es weltweit, da kann man auch mit ausländischen Freunden in Kontakt bleiben“, meint Charlotte.

Ein Kind schaut sich die Facebook-Seite an. (Foto: dpa - Bildfunk)

Facebook hat alle anderen sozialen Netzwerke überholt

Ein Bestandteil des Lebens

Auch hat sich der Stellenwert der sozialen Netzwerke im Tagesablauf der Jugendlichen geändert. Auf die Frage, wie wichtig schülerVZ im täglichen Leben war, meint Christian: "SchülerVZ damals gar nicht. Facebook ist jetzt schon ziemlich wichtig." Und Charlotte fügt einen letzten, wahrscheinlich entscheidenden Punkt an: "Facebook war irgendwie cooler!" Und ihr Bruder ergänzt: "Alle haben gesagt: SchülerVZ ist out!" Und alle sind zu Facebook gegangen. So ganz genau mit dem Schutz der Minderjährigen nimmt es aber auch Facebook nicht. Das offizielle Mindestalter liegt mittlerweile bei 13 Jahren, was in der Realität eher Wunschdenken ist. "Als mich angemeldet habe, habe ich mit meinem Geburtsjahr etwas getrickst", gesteht Charlotte. Ob das aufgefallen ist? "Nachgeprüft wurde da noch niemals etwas."

Facebooks Rache

Von Anfang an standen die VZ-Netzwerke im Verdacht, beim US-Konkurrenten Facebook abzukupfern. 2009 begegneten sich die beiden Unternehmen sogar vor Gericht. Marcus Riecke, damals Verantwortlicher von studiVZ, konnte zu der Zeit noch sagen: "Es gibt weltweit zahlreiche soziale Netzwerke. Facebook war nicht das Erste und ist beileibe nicht das Einzige." Zumindest in Deutschland hat sich das jedoch geändert. Jo Bager fasst zusammen: "Facebook ist so viel größer, dass es sich um die VZ-Netzwerke schon lange keine Sorgen mehr machen muss."

Einen Abgesang auf das Studentennetzwerk studiVZ möchte Jo Bager aber noch nicht einleiten. "Wenn die Betreiber sich einen interessanten Dreh für studiVZ ausdenken, dann kann da alles passieren", meint der Fachmann. Für alle schülerVZ-Nutzer endet nun aber eine Ära ihres Erwachsenwerdens. Daten und Inhalte werden nach der Schließung gelöscht. Wer sie bewahren will, muss eine Sicherung vornehmen. In vielen Jahren wird der eine oder andere aber vielleicht mit Wehmut auf seine Jugend zurückblicken – und auf die ersten Schritte in die Welt der sozialen Netzwerke.

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