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Alltagsdeutsch – Podcast

Schülerintegration

In den Städten und auf dem Land bleiben Jugendliche meist in ihren sozialen Gruppen. Vorurteile gibt es auf beiden Seiten. Der Hamburger Verein „Crossover“ arbeitet daran, das Verständnis füreinander zu verbessern.

Sprecher:
2007 gründeten Julia von Dohnanyi, der Hamburger Rapper Samy de Luxe und der deutsche Basketballer Marvin Willoughby den Verein „Crossover“. Die drei wollten etwas gegen die großen Unterschiede zwischen Kindern der sozial verschiedenen Stadtteile und aus den verschiedenen Schulformen tun. Denn auch wenn Jugendliche manchmal nur 15 Auto-Minuten voneinander entfernt wohnen, scheinen Welten zwischen ihnen zu liegen. Bundesweit veranstalten die Mitglieder Workshops, um die Jugendlichen zusammenzubringen und Vorurteile abzubauen. Die Workshops reichen von Basketball über das Gestalten von Videoclips bis zu hin zu Musik und Tanz.

Tanzlehrer:
„Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht. Eins, zwei, drei, vier, fünf, …“

Sprecher:
Etwa 20 Jungen und Mädchen folgen den Schritten, die der Tanztrainer vormacht. Manche tragen Jogginghosen, andere Jeans, viele Turnschuhe, einige nur Socken. Im wandgroßen Spiegel kontrollieren die Schüler ihre Breakdance-Bewegungen. Der Kurs macht ihnen offensichtlich Spaß. Hier tanzen Hamburger Jugendliche aus zwei verschiedenen Stadtvierteln miteinander – dem vornehmen, sehr gepflegten Viertel Othmarschen und dem sozial schwächeren St. Pauli. Einer von ihnen ist Peter. Der 13-Jährige beschreibt, warum er normalerweise eigentlich nicht nach St. Pauli fährt:

Peter:
„Ich bin öfters in St. Pauli, also, wir gucken Fußballspiele an, und man hat auch so den Eindruck, dass es schon ’n riesiger Unterschied zwischen Othmarschen [ist], und vielleicht kommen die Vorurteile da auch so aus dem Gebiet her, weil man halt sieht, diese Häuser und so, und die sind halt Graffiti, überall Tags und so was.“

Sprecher:
Peter, der wie viele Jugendliche nicht in vollständigen Sätzen spricht, wohnt in Hamburg-Othmarschen. Nach St. Pauli kommt er außer zu Spielen des namensgleichen Hamburger Fußballvereins nicht. Das Viertel ist auch außerhalb von Hamburg bekannt für seine Vergnügungsmeile, die „Reeperbahn“, mit den zahlreichen Nachtclubs, Bars und Diskotheken. Lange galt St. Pauli auch als Unruheviertel, das schmutzig und ungepflegt ist. Ein Symbol dafür sind für Peter die aufgesprühten Bilder und Zeichen, die Graffiti, an den Hauswänden und die Tags, die Signaturkürzel, die die Sprayer hinterlassen. Vorurteile zu beseitigen, ist ein Ziel des Breakdance-Workshops. Und das Konzept scheint aufzugehen:

Schüler / Schülerin:
„Ich hab’ eigentlich eher jetzt was Schlimmeres erwartet, also, die sind eigentlich total wie wir, normal drauf. Ich hatte eher [einen] negativen Eindruck davor. / Vorher hat man so gedacht, die sind bestimmt dumm, oder so halt assi oder so, aber das stimmt gar nicht.“

Sprecher:
Der Schüler hat die Erfahrung gemacht, dass man sich doch total ähnlich ist, dass man sich genauso verhält – wie er es formuliert – normal drauf ist. Die Schülerin war bis zu dem „Crossover“-Workshop der Meinung, dass diejenigen, die in St. Pauli leben, sich nicht in die Gesellschaft integrieren wollen. Sie hielt sie für asozial, assi. Auch auf Seiten der Jugendlichen aus St. Pauli gab es viele Vorurteile.

Schüler / Schüler / Schülerin:
„Über die Schüler dachte ich so, die sind angeberisch. / Dass die Schüler hochnäsig sind. / Ignorant und gemein, und so.“

Sprecher:
Die beiden Schüler und die Schülerin fassen die Vorurteile in vier Adjektiven zusammen: angeberisch – man zeigt, was man besitzt –, hochnäsig – man hält sich für etwas Besseres, ignorant – man will von anderen nichts wissen – und gemein, boshaft. Durch den gemeinsamen Kurs sollen diese Vorurteile abgebaut werden, sagt Julia von Dohnanyi.

Julia von Dohnanyi:
„Unser Ziel ist eigentlich, dass sie einfach lernen, wenn sie auf Menschen zugehen, die sie eigentlich vorher noch nicht kannten, wie sie mit dieser Situation umgehen. Wie gehe ich auf jemand zu? Wie sage ich das erste Mal ‚Guten Tag’? Wie stell’ ich mich vor? Wie fühl’ ich mich in fremden Gruppen? Wie fühlt der andere sich als Fremder in einer Gruppe? Und dafür einfach so ’n bisschen Empathie entwickeln.“

Sprecher:
Julia von Dohnanyi sagt, dass den Jugendlichen nicht nur Verhaltensweisen vermittelt werden sollen, wie sie sich mit Fremden bekanntmachen, auf sie zugehen. Sie sollen Empathie entwickeln, die Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen. Und das ist notwendig, da ohne diese Integrationsbemühungen jeder in seiner eigenen Welt weiterlebt. Dafür hat der Hamburger Soziologe Nils Zurawski auch einen Grund ausgemacht:

Nils Zurawski:
„Also, ich glaub’, dass Kinder, die in unterschiedlichen Vierteln – zum Beispiel in Hamburg oder auch in Berlin oder anderen Städten – groß geworden sind, immer schon in den Vierteln zu Hause waren. Kinder besitzen keine übergroße Mobilitätsbreite, das hängt zusammen damit, dass sie nur Fahrrad fahren und nicht Auto, und dass das Lebensumfeld relativ eng ist.“

Sprecher:
Laut Nils Zurawski bewegen sich Kinder innerhalb ihres gewohnten Lebensumfelds, das sehr eng begrenzt ist. Die – wie er es bezeichnet – Mobilitätsbreite, dass Gebiet, in dem sie sich bewegen, sei ebenso begrenzt. Das Problem der Segregation, der Trennung in verschiedene soziale Gruppen, betrifft aber nicht nur Großstädte wie Hamburg. Auch in ländlichen Regionen grenzen sich Jugendliche unterschiedlicher sozialer Schichten zunehmend voneinander ab. Dort arbeitet „Crossover“ ebenfalls. Allerdings sind hier die Gründe andere, wie Julia von Dohnanyi erläutert.

Julia von Dohnanyi:
„Da ist das Problem aber nicht so sehr, dass man sich eigentlich nie zu sehen bekommt, so. Die wissen schon, wer sie sind, aber da sind dann oft so Probleme, dass man auch ein Gymnasium hat oder eine Hauptschule so was, und die Kinder einfach mit’nander überhaupt keinen Kontakt wollen oder sich wirklich auch gegen’ander so aufhetzen.“

Sprecher:
In ländlichen Regionen wollen, so Julia von Dohnanyi, Schüler und Schülerinnen von Gymnasien und Hauptschulen nichts miteinander zu tun haben. Außerdem würden Vorurteile mit Worten und auch Taten gezielt verstärkt, man hetze sich gegeneinander auf. Für den Soziologen Nils Zurawski stecken dahinter vor allem die Eltern. Bildung sei ein Status geworden, mit dem man sich von anderen sozialen Gruppen abzugrenzen, abzuschotten, versuche. Das sei ein weltweit zu beobachtender Trend, der für die Gesellschaft insgesamt gefährlich sei.

Nils Zurawski:
„Die Konsequenz aus so ’ner Abschottung und eines Trends, wenn er denn so anhält, ist ’ne Radikalisierung und ’ne Verhärtung von Fronten – Banlieues wären ein Beispiel vor Jahren in Frankreich. Denk’ ich, dass das nicht gut ist, und dass so ’ne Verhärtung von Fronten vielleicht auch in dem sehr braven und sehr konfliktscheuen Deutschland – was solche Sachen, soziale Konflikte angeht – durchaus sich Bahnen brechen könnte.“

Sprecher:
Am Beispiel der Unruhen in den französischen Vororten, den Banlieues, im Jahr 2005 verdeutlicht Nils Zurawski seine Befürchtungen. In einigen dieser Banlieus leben überwiegend Einwandererfamilien; die Arbeitslosenrate ist vergleichsweise hoch. Im Oktober und November 2005 gab es dort täglich Brandanschläge, Krawalle und Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei. Nils Zurawski meint, dass ein derartiger Konflikt auch in Deutschland beginnen, sich Bahn brechen, könnte. In dem Tanzraum mit Blick auf den Hamburger Hafen spielt die Herkunft – momentan jedenfalls – keine Rolle. Die beiden siebten Klassen aus Othmarschen und St. Pauli trainieren heute zum vierten Mal für ihren gemeinsamen Auftritt am Ende des zehnwöchigen Workshops. Und das Ziel scheint erreicht:

Schülerin / Schüler / Schüler:
„Wenn ich mich mit denen jetzt alle zusammenmische, vielleicht hab’ ich ja ’n paar Freunde gefunden. / Natürlich, man hat schon Freunde gefunden, telefoniert und so. / Das war eine gute Idee, diese ‚Crossover’ zu machen, das [ist] einfach interessant und so.“

Sprecher:
Für Julia von Dohnanyi ist es allerdings gar nicht so wichtig, dass sich hier Freundschaften entwickeln. Die Aktionen ihres Vereins „Crossover“ sollen die jungen Menschen auch auf das Leben nach der Schulzeit vorbereiten. Deshalb macht der Verein weiter mit seinen Projekten und leistet so einen kleinen Beitrag zur gesellschaftlichen Integration.




Fragen zum Text

Jemand, der einfühlsam ist, ist …
1. emotional.
2. empirisch.
3. empathisch.

Passt sich jemand nicht in eine Gesellschaft ein, dann gilt er/sie als ein/e …
1. Assi.
2. Anti.
3. Ami.

Ein eingebildeter, dummer Mensch ist ein …
1. Simulant.
2. Ignorant.
3. Pedant.


Arbeitsauftrag
Lies dir die beiden ersten Strophen des Textes unter folgendem Link durch: http://bit.ly/11qZuJm. Gib ihn dann in deinen eigenen Worten wieder. Erstelle anschließend eine Analyse, was der Liedermacher ausdrücken will.

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