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Deutschland

Schüler wissen wenig über Deutschlands Geschichte

Was eine Demokratie von einer Diktatur unterscheidet, sollte man eigentlich wissen – aber eine neue Studie zeigt: Viele Schüler in Deutschland tappen hier offenbar gewaltig im Dunkeln. Schuld sind auch die Lehrpläne.

Sie besuchen die neunte oder zehnte Klasse in deutschen Gymnasien, Real- oder Hauptschulen, sind also 16 oder 17 Jahre alt. Damit steht eines fest: Praktisch keiner der 6600 Jugendlichen, die Professor Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin für eine Studie über das Geschichtswissen deutscher Schüler befragt hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich in einer Diktatur lebt. Der Politikwissenschaftler wollte herausfinden, wie junge Leute die vier staatlichen Gebilde einschätzen, die es seit 1933 auf deutschem Boden gegeben hat: das "Dritte Reich" der Nationalsozialisten, die "Deutsche Demokratische Republik" (DDR), die "alte" Bundesrepublik Deutschland (BRD) bis zum Jahre 1989, und das wiedervereinigte Deutschland der Gegenwart.

Das Ergebnis der Befragung sei schockierend, meint Schroeder: "40 Prozent der Schüler schaffen es nicht, die Trennlinien zwischen Diktaturen und Demokratien zu ziehen. Sie halten den Nationalsozialismus nicht für eine Diktatur, noch mehr halten die DDR nicht für eine Diktatur." Was den Politikwissenschaftler erst recht erstaunt: Rund jeder zweite Befragte hält die alte Bundesrepublik vor der Wende 1989 nicht für eine Demokratie. Und selbst dem Staat, in dem sie leben, stellen die Schüler aus fünf deutschen Bundesländern ein auf den ersten Blick miserables Zeugnis aus – nur 60 Prozent der Befragten stimmen zu, dass es sich beim heutigen Deutschland um eine Demokratie handelt.

Faktenwissen mangelhaft

Deutsche feiern die Wiedervereinigung am Brandenburger Tor (Foto: AP)

Keine Ahnung vom Mauerfall: Zahlreiche deutsche Schüler wissen nichts über die DDR

Wenn man die Studie oberflächlich liest, klingt das nach einer höchst brisanten, alarmierenden politischen Stimmungslage bei Jugendlichen. Aber der Eindruck täuscht wohl: Vielen Schülern ist schlichtweg gar nicht klar, was eine Demokratie oder eine Diktatur eigentlich ausmacht, darauf deutet die Analyse der Studie hin. Die Bewertungen, so Schroeder, werden nämlich "im Wesentlichen bestimmt vom Grad der Kenntnisse. Das heißt, je mehr Schüler wissen, umso genauer und differenzierter fällt ihr Urteil über die vier Systeme aus."

Einerseits fragt die Studie Faktenwissen ab, zum Beispiel, welche Institutionen unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten abgeschafft wurde: die Reichsmark, die Wehrpflicht, die Reisefreiheit oder die Grundrechte? Andererseits wird die Zustimmung der Jugendlichen zu Statements wie "Der Nationalsozialismus war keine Diktatur" gemessen. Unklar bleibt allerdings, ob die Schüler hierbei eigentlich tatsächlich Bewertungen treffen und Urteile fällen – oder ob ihre Antwort lediglich ein Rateversuch ist.

Kritik am Bildungssystem

Reichsparteitag der NSDAP 1934 (Foto: picture alliance / akg-images)

Diktatur nach 1933: Schüler haben kaum Faktenwissen

Eindeutig feststellen konnten die Wissenschaftler jedenfalls einen Einfluss des Elternhauses und der Herkunft: Migrantenkinder hätten einen signifikant niedrigeren Kenntnisstand. Und bei dieser Gruppe, vor allem bei Schülern türkischer oder kurdischer Herkunft, fiel die Bewertung des Nationalsozialismus überdurchschnittlich positiv aus. Dies ist vermutlich auf Israel- oder Judenfeindlichkeit im Elternhaus oder im Umfeld zurückzuführen.

Doch am wichtigsten ist laut der Studie der Einfluss der Schule auf den Wissenstand der Jugendlichen: Mehr als 80 Prozent der Befragten gaben an, ihre Kenntnisse über Geschichte von dort zu beziehen. Die Ergebnisse der Studie sind möglicherweise nicht überraschend. Denn seit mehreren Jahren, so Schroeder, würden die Lehrer den Schülern im Unterricht immer weniger Fakten vermitteln. Stattdessen setze man in den Lehrplänen immer mehr auf Analysen, erklärt der Politikwissenschaftler: "Irgendwann hat die Didaktik mal einen Kurswechsel vollzogen und meinte, die Schüler müssten keine Kenntnisse mehr besitzen, sondern es reicht Kompetenz, etwas zu erkennen. Bloß hier stellt sich die Frage, wie man Kompetenz ohne Grundkenntnisse erreichen will."

Nach wie vor müsse die Schule ihren Schülern klare Wertmaßstäbe liefern, so lautet das Fazit von Professor Klaus Schroeder. Es gehe nicht um die Rückkehr zu reinem Faktenpauken, sondern um die "wertgebundene Vermittlung von Kenntnissen. Eigentlich müsste jedem Lehrer klar sein, dass der Schulunterricht, auch der Geschichtsunterricht nicht ergebnisoffen ist, sondern dass die Werteordnung unserer Verfassung, das Grundgesetz, das Entscheidende ist."