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Deutschlehrer-Info

Schüler schrecken vor langen Texten zurück

Der Deutsche Lehrerverband schlägt Alarm: Schüler und Studenten in Deutschland haben zunehmend Probleme, längere Texte zu analysieren. Schuld daran ist auch die verkürzte Kommunikation im Computerzeitalter.

Ein ganz normaler Tag im Schulbus: Fast alle Jugendlichen starren auf ihr Smartphone und tippen in Blitzgeschwindigkeit die Buchstaben ein. Via App schicken sie Nachrichten hin und her. Allerdings meiden sie dabei ganze Sätze; Kürzel und - wenn überhaupt - Halbsätze sind angesagt.

Szenenwechsel. Deutschunterricht in der 11. Klasse. Auf dem Lehrplan steht das Buch "Die Buddenbrocks" von Thomas Mann. Die Schüler stöhnen. Ein Grund sind sicherlich die vielen Schachtelsätze, zu denen der Literaturnobelpreisträger von 1929 neigte. Zugegeben, auch für frühere Schülergenerationen waren Thomas Manns Werke nicht immer leichte Kost, aber in der Regel hatten sie mit den Texten weniger Probleme.

Tendenz zur Oberflächlichkeit

Heutzutage sieht das oft anders aus. „Junge Menschen sind immer weniger bereit, sich auf diese Anstrengung überhaupt einzulassen“, so der Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), Heinz-Peter Meidinger. „Das ist ein Warnzeichen, das wir sehr ernst nehmen“, betont der Vertreter von 160.000 Lehrern in Deutschland in einem Zeitungsinterview.

Meidinger sieht den Grund für die schwindende Fähigkeit, sich auf lange Texte zu konzentrieren, in der Nutzung von Computern und Smartphones, aber auch in der Schnelllebigkeit und Informationsdichte des 21. Jahrhunderts. Das befördere eine Tendenz zur Oberflächlichkeit. Der DL-Präsident sieht sogar eine „akute Gefahr“, dass Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben generell unter die Räder kommen. Deshalb fordert er eine Offensive für die Stärkung des Deutschunterrichts.

Gegen eine Verflachung des Sprachniveaus 

Goethe und Schiller Denkmal (picture-alliance/DUMONT Bildarchiv)

Die Werke Goethes und Schillers sind für viele Schüler schwer zugänglich

Derzeit stehen oft nur drei Stunden Deutsch auf den wöchentlichen Stundenplänen, was nach Ansicht des Lehrerverbands viel zu wenig ist. Damit könne man den Schülerinnen und Schülern kein vertieftes Leseverständnis nahebringen, was aber gerade in der heutigen Zeit sehr wichtig sei. „Wir sehen täglich, wie manipulierbar die Menschen sind, und zwar durch die einfachsten Botschaften“, warnt Meidinger. Die Kinder müssten „gegen Fake News und Desinformationsschrott“ immun gemacht werden.

Die Zeit zurückschrauben will und kann man beim Lehrerverband nicht, meint Meidinger mit Blick auf das Smartphone. „Es ist ja nicht so, dass Jugendliche heute überhaupt nicht mehr lesen und schreiben würden. In Halb- und Kurzsätzen schicken sie einander permanent oft banale Botschaften, das sei ihnen gegönnt.“ Gleichzeitig mahnt der DL-Präsident aber eindrücklich davor, sich im Unterricht dieser Art von Kommunikation anzupassen und Klassiker wie Friedrich Schiller oder Heinrich von Kleist nur in Mini-Dosen zu verabreichen oder gar anspruchsvolle Texte ganz aus den Lehrplänen zu verbannen. „Das führt“, so Meidinger, „zu einer irreparablen Verflachung des Niveaus.“

suc/war (mit afp)

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