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Deutschlehrer-Info

Schüler machen Museum

Ein spannendes Museum auch für Jugendliche – das ist das Ziel eines besonderen Projekts des Buddenbrookhauses in Lübeck. Unter dem Motto „Literatur als Ereignis“ arbeiten Schüler an der Gestaltung der Ausstellungen mit.

Warum sollte man sich für die Familie Mann interessieren? Eine naive Frage, würden Literaturkenner jetzt wohl sagen. Es sind immerhin DIE Manns. Die wohl berühmteste deutsche Schriftstellerfamilie, bei der nicht nur die beiden Brüder Thomas und Heinrich zur Feder gegriffen haben.

Der Mann-Experte und Literaturhistoriker Tilmann Lahme findet diese Frage allerdings alles andere als naiv. Vielmehr ist sie für ihn eine gute Ausgangsbasis für die neue Sonderausstellung „What a family! – die Manns von 1945 bis heute", die im Juni im Lübecker Buddenbrookhaus eröffnet wird. Auf die Idee haben ihn 16 und 17 Jahre alte Schüler gebracht. „Das ist ja nicht nur eine Perspektive, die vermutlich die meisten 16-, 17-Jährigen haben. Auch der dänische Tourist, der ins Buddenbrookhaus kommt, wird von den Manns noch nicht jedes Wort gelesen haben", sagt Lahme.

Buddenbrookhaus wird umgebaut

Das Buddenbrookhaus in Lübeck von außen

Das Buddenbrookhaus in der Lübecker Altstadt – hinter den alten Fassaden entsteht bald das neue Buddenbrookhaus

Das Buddenbrookhaus geht im Bereich Museumspädagogik neue Wege. Bei dem Projekt „Literatur als Ereignis" werden Jugendliche an der Konzeption der Sonderausstellungen beteiligt. Das Ziel ist, am Ende Ideen für die neue Dauerausstellung zu sammeln, denn das Buddenbrookhaus wird umgebaut. „Gewöhnlich ist es ja oft so, dass ein Museum geplant wird, und am Ende geht ein Museumspädagoge durchs Haus und durch die fertige Ausstellung und überlegt sich, was man dort mit Schülern machen kann", sagt Birte Lipinski, Leiterin des Buddenbrookhauses. In ihrem Museum sind junge Besucher eine wichtige Zielgruppe, denn jedes Jahr kommen viele Schulklassen hierhin. Man müsse die Bedürfnisse und Interessen der Jugendlichen ernst nehmen, betont Lipinski.

Wer waren die Manns?

Einmal pro Woche treffen sich deshalb acht Schülerinnen und Schüler der Lübecker Gemeinschaftsschule St. Jürgen im Seminarraum des Museums.  Auf dem grauen Teppichboden liegen Fotos der sechs erwachsenen Kinder von Thomas und Katia Mann. Daneben haben die Jugendlichen auf Zetteln ihre Eindrücke notiert: Michael Mann war sympathisch, Klaus Mann dagegen jähzornig, konnte aber auch charmant sein, Golo Mann wirkte tollpatschig. Sehr viel habe er nicht über die Manns gewusst, sagt Sinan Yongaci. Eigentlich „gar nichts", gibt der 16-Jährige grinsend zu. Aber er ist trotzdem der Meinung, dass man sie als Lübecker kennen sollte. Die Manns stammen schließlich aus der Hansestadt.

Bilder der Mann-Kinder mit Beschreibungszetteln

Die Manns in Stichworten – die Jugendlichen tragen ihre Recherchen zusammen


Allerdings komme es nicht so sehr darauf an, was die Jugendlichen schon über die Manns wissen, erklärt Ann Luise Kynast, die das Projekt koordiniert. „Uns geht es darum, dass die Jugendlichen ihre Interessen einbringen. Sie sind Vertreter ihrer Generation, unsere Co-Kuratoren und Co-Kuratorinnen", sagt Kynast.

Eine neue Situation für Tilmann Lahme, den eigentlichen Kurator der Sonderausstellung. Natürlich könne man sich in seiner Ehre als Kurator verletzt fühlen, wenn Außenstehende in die Ausstellung reinreden, sagt Lahme. „Aber das ist keine normale Ausstellung, sondern ein Experiment, eine Laborausstellung", erklärt Lahme. Er rede den Jugendlichen nicht in ihre Ideen rein, aber er stünde beratend zur Seite, vor allem inhaltlich. Für die Schüler, die heute die Gelegenheit haben, von Lahme mehr über die einzelnen Mann-Kinder zu erfahren, sind die Schilderungen des Experten offensichtlich spannend. Die Jugendlichen hören sich fasziniert die Anekdoten an, die Lahme zu berichten weiß – Informationen, die sie später für ihre Audio-Beiträge gebrauchen können.

Kurator Tilmann Lahme zusammen mit Schülern

Expertenwissen füllt Lücken: Der Kurator Tilmann Lahme im Kreis der Co-Kuratoren


Interaktion statt Texte

Wie eine Ausstellung spannender gestaltet werden kann, ist für die Jugendlichen eigentlich klar: mehr Medien, weniger Texte. Es ist bereits die zweite Laborausstellung, an der die Schüler mitwirken. In der ersten Sonderausstellung „Fremde Heimat" haben die jungen Kuratoren einen interaktiven Koffer gestaltet, in den Besucher Gegenstände packen konnten, die sie auf die Flucht mitgenommen hätten. Zu jedem Gegenstand, der eingepackt wurde, zeigte ein Tablet eine Information zur Situation heutiger Flüchtlinge oder auch der Familie Mann, die 1933 aus Deutschland geflohen war.

Ein geöffneter, leerer Koffer mit verschiedenen Gegenständen rundherum

Koffer packen für die Flucht – eine Ausstellungsidee der Schüler


„Ich möchte vor allem viel selber machen, wenn ich ein Museum besuche", sagt Emma Conrad, die den Koffer damals mitgestaltete. Ihr sei wichtig, dass sie am Ende etwas aus der Ausstellung „mitgenommen" habe. Sinan Yongaci hat sich ein spezielles Licht- und Leitsystem ausgedacht, das den Besucher durch die Ausstellung führen soll. „Als eine Art Museumsführer soll das Licht den Besucher von Station zu Station leiten. Wie bei Motten, die fliegen auch immer zum Licht. Und so wird man gelenkt", erklärt Sinan. Eine Idee, die in der nächsten Sonderausstellung umgesetzt werden soll. Bis dahin haben die Schüler noch viel zu tun, aber vor allem haben sie viel Freude daran, dass „ihr" Museum für Jugendliche spannender wird.

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