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Kultur

Schüler erforschen Auswandererbahnhof

"Kultur in Bewegung - Reisen, Handel und Verkehr" - unter diesem Motto steht der "Tag des offenen Denkmals 2010". Was für erstaunliche Entdeckungen dabei zu machen sind, verdeutlicht ein Beispiel aus Berlin.

Ehemaliger Auswandererbahnhof Spandau (Foto: Reinhard Hoffmann)

Auswandererbahnhof Spandau

Fenster und Türen hat man irgendwann notdürftig zugenagelt, die Dachpappe ist geborsten, und das Fachwerk, das die Fassade des langgestreckten gelben Klinkerbaus einmal geziert hat, schreit verzweifelt nach ein bisschen Farbe. Wilde Rosen, Buschwerk und Gräser schmiegen sich an die marode Fassade und haben die alten Geh- und Zufahrtswege längst durchbrochen. Man könne sich, sagt Mireille Schaudeck, nur sehr schwer vorstellen, dass hier einmal so viele Schicksale entschieden wurden.

Erlebnis Geschichte

Die Zwölftklässlerin hat anlässlich des Tags des offenen Denkmals an diesem Sonntag an einem Jugendprojekt teilgenommen, das in der Berliner Denkmalpflege einmalig ist. Im Verbund mit Regionalmuseen und der Spandauer Jugendkunstschule setzen sich Jugendliche seit sechs Jahren auf kreative Weise mit Baudenkmälern auseinander - sie malen sie, fotografieren, recherchieren und schlüpfen auch mal in historische Kostüme. So wird Geschichte zum Erlebnis und manchmal sogar ein vergessenes Denkmal für die Öffentlichkeit wiederentdeckt. Wie das verlassene Gebäude an der Straße mit dem schönen Namen "Freiheit", das einmal Teil eines 1882 eingerichteten Auswandererbahnhofs war.

Ehemaliger Auswandererbahnhof Spandau (Foto: Reinhard Hoffmann)

Weggabelung Berlin

In den 80er- und 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts fungierten die Bahnhöfe Spandaus, das damals noch nicht zu Berlin gehörte, als Umsteigestationen für Auswanderer aus Osteuropa. Doch bald seien sie dem Zustrom nicht mehr gewachsen gewesen, erzählt Heiko Metz, Historiker und Archivar im Stadtgeschichtlichen Museum Spandau. Man musste sich eine andere Örtlichkeit suchen. "Dafür hat man dann den Güterbahnhof in Ruhleben benutzt, den umgebaut, ausgebaut und später dann auch mehrere Baracken aufgebaut und Kantinen und Desinfektionsräume."

Die Menschen, die seinerzeit ihre osteuropäische Heimat aus wirtschaftlichen, politischen und religiösen Gründen verließen, erhofften sich ein besseres Leben in Amerika. Der Auswandererbahnhof in Berlin ist auf diesem Weg ein Knotenpunkt gewesen, von dem aus es weiter ging zu den Schiffsanlegern in Hamburg und Bremerhaven. Wenn denn alles reibungslos lief. Wenn man ein gültiges Schiffsticket besaß und alle Gesundheitsuntersuchungen zufriedenstellend hinter sich gebracht hatte.

Nachdenken, nachempfinden

Schüler beim Zeichnen(Foto: Reinhard Hoffmann)

Schüler beim Zeichnen

Im Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums hat sich eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen mit der Geschichte des Auswandererbahnhofs vertraut gemacht. Und dann haben sich die Jugendlichen überlegt, was das wohl für Menschen waren, die damals in eine unbekannte Welt aufgebrochen sind. Was sie gedacht und gefühlt haben könnten, haben sie schließlich in fiktiven Briefen zu Papier gebracht.

Lesen kann man diese Briefe am Tag des offenen Denkmals auf dem Gelände des ehemaligen Auswanderbahnhofs. Denn, sagt Projektleiter Reinhard Hoffmann, die Briefe seien Teil einer kleinen, von den Jugendlichen erarbeiteten Dokumentation aus Bild- und Texttafeln, die in einer Open-Air-Ausstellung auf dem Gelände dieses ehemaligen Auswandererbahnhofs gezeigt werden. Die Bildtafeln sind von Schülern erarbeitet worden, die Kunst als Leistungsfach gewählt haben. Vor Ort haben sie sich zeichnerisch mit dem Auswandererbahnhof auseinandergesetzt. Anschließend wurden die Zeichnungen dann koloriert und in einem letzten Schritt in Form einer Collage mit Illustrationen aus der Zeitschrift "Die Gartenlaube" versehen.

Collage des ehemaligen Auswandererbahnhofs (Foto: Reinhard Hoffmann)

Zeichnerische Auseinandersetzung: Collage des ehemaligen Auswandererbahnhofs Spandau

In dieser Zeitschrift ist im Jahre 1898 ein langer Bericht über den Auswanderbahnhof erschienen, mit Illustrationen, die ernste, arme Menschen zeigen. Zwischen 1900 und 1913, so schätzt man, sind jährlich mindestens 100.000 Menschen über den Berliner Auswandererbahnhof in die Neue Welt ausgewandert. An diesem Ort seien also Schicksale entschieden worden, sagt ein Schüler. Und, fügt er hinzu, ähnliches gebe es ja auch heute.

Autorin: Silke Bartlick
Redaktion: Petra Lambeck