1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wissen & Umwelt

Schöpfung mit Gegenwind

Craig Venter will das erste künstliche Lebewesen hergestellt haben. Aber ist es das wirklich? "Es war eher Malen nach Zahlen aber trotzdem ein großer Wurf!", meint Wissenschaftsjournalist Michael Lange.

Michael Lange, Wissenschaftsjournalist, Biologe (Foto: DW)

Michael Lange bewundert Craig Venter, findet aber, dass er ein Schlitzohr ist!

Wenn der Wissenschaftler, Biotechnologie-Unternehmer, Buchautor und Segler Craig Venter sich ein Ziel setzt, dann erreicht er es auch. Ihm ist es egal, wenn Neider seine Leistungen klein reden, Bioethiker von Größenwahn sprechen oder Kleingeister seine Methoden kritisieren. Nur weil er an sich, sein Team, die Rechenleistung seiner Computer und an die Wissenschaft glaubte, konnte er im Jahr 2000 schneller als andere das menschliche Genom entziffern.

Nun ist ihm sein zweiter großer Wurf gelungen. Als erster hat Craig Venter ein vollständiges Erbgut im Labor geschaffen und zum Leben erweckt. Ein paar winzig kleine, blau schimmernde Bakterien der Art Mycoplasma mycoides haben ihn und das Team, das seine Pläne umsetzt, zu Schöpfern gemacht. Zugegeben: Eigentlich wollte Craig Venter selbst den biologischen Bauplan schreiben, der dann zu einem künstlichen Lebewesen wird; aber das erwies sich als zu kompliziert.

Geplant war auch, dass der erste künstliche Organismus kleiner und einfacher sein sollte als jedes natürliche Lebewesen. Aber ein derart winziges Erbgut besaß nicht die Eigenschaften, die es braucht, um Leben zu erzeugen.

Zellhaufen, der synthetisch gezüchtet wurde (Foto: JCVI)

Dieser Zellhaufen wurde synthetisch gezüchtet. Anschließend wurde er in die Bakterienart Mycoplasma capricolum eingesetzt. Dort verdrängte er das natürliche Erbgut der Bakterien und übernahm das Steuern der Zellen

Von der Natur abgekupfert

Was tun? Aufgeben kam nicht in Frage. Deshalb bediente sich Craig Venter beim bisherigen Monopolisten für Lebensentstehung: bei der Natur. Er entzifferte eine Million Bausteine des Erbguts von Mycoplasma mycoides, eines bei Ziegen auftretenden Erregers von Lungenkrankheiten, und baute dieses Erbgut nach, Buchstabe für Buchstabe, wie beim Malen nach Zahlen. Was in der Natur funktioniert, dürfte auch als Kunstprodukt nicht scheitern, so seine Idee. Die Forscher verpflanzten das künstliche, abgekupferte Erbgut von Mycoplasma mycoides in ein Bakterium der verwandten Art Mycoplasma capricolum, und das erledigte den Rest. All das, was ein funktionierendes Erbgut braucht, wurde ihm vom Empfängerbakterium zur Verfügung gestellt.

Nur die Natur kopiert

Das heißt: Eigentlich startete der Empfänger das künstliche Genom. Er nahm all die Feinabstimmungen vor, die ein lebendes von einem toten Genom unterscheidet. Was da genau passiert, verstehen die Forscher nicht einmal im Ansatz. So ist es wenig angebracht, bei dem neuen Lebewesen von einem künstlichen, menschgemachten Organismus zu sprechen. Was mit viel natürlicher Hilfestellung entstand, ist die gelungene Kopie eines natürlichen Erfolgsrezepts.

Craig Venter mit seinem engen Mitarbeiter Hamilton Smith (Foto: JCVI)

Craig Venter (links) mit seinem engen Mitarbeiter Hamilton Smith

Lediglich ein paar selbst geschriebene Informationsbausteine haben Craig Venter und seine Leute in ihr Kunstgenom eingebaut. Sie haben sich eine Codierung erdacht, mit der sie Buchstaben unseres Alphabets in Erbgutbuchstaben übersetzen können. So konnten sie ihre eigenen Namen als Unterschrift ins Bakterienerbgut schreiben. Genetische Unterschriften, die für die Zelle keinerlei Sinn ergeben und einfach von Zellteilung zu Zellteilung als Ballast mitgeschleppt werden. Eine Spielerei, aber auch ein Zeichen von Größenwahn.

Dabei wird es Craig Venter natürlich nicht belassen. Schon bald will er synthetische Algen herstellen, die Öl produzieren, Bakterien, die Treibhausgase aus der Luft filtern und Schadstoffe aus dem Wasser entfernen. Auch neue Impfstoffe sollen mit synthetischen Bakterien hergestellt werden. Laien und Experten schütteln erneut den Kopf. Wie soll das möglich sein, wenn bereits ein einfaches Plagiat nur dank vieler Umwege in 15 Jahren mühevoller Arbeit erzeugt werden konnte. Aber Venter wäre nicht Venter, wenn er sich damit abfinden würde. Und wahrscheinlich wird er irgendwann wieder vor die Welt treten und allen Kleingeistern zurufen: "Wir haben es geschafft!"

Autor: Michael Lange
Redaktion: Judith Hartl