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Nahost

Schönheitskur im Zwangsexil

Millionen Palästinenser leben seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern rings um Israel. Ein von Deutschland unterstütztes UN-Projekt hilft ihnen, die unfreiwillige Heimat lebenswerter zu gestalten.

Was für eine Frage! Ob er gerne im Flüchtlingslager lebe, will ein deutscher Journalist von Ziad Hamouz wissen. Der Palästinenser mittleren Alters aus dem Fawwar-Camp im Westjordanland ist in Berlin, weil hier gerade eine Ausstellung zu den palästinensischen Flüchtlingslagern eröffnet wird. Diese stellt ein Projekt des UN-Flüchtlingshilfswerks UNRWA vor, das die Palästinenser bei der Verbesserung der Lebensbedingungen in den Lagern unterstützt. Weil Deutschland das Projekt besonders fördert, wird die Ausstellung zuerst hier gezeigt. Später soll sie durch andere, auch arabische Länder wandern.

Was für eine Antwort auf die Journalistenfrage: "Ich bin geboren und aufgewachsen im Fawwar-Camp", sagt Ziad Hamouz, "und es gibt niemand, der nicht den Ort liebt, wo er groß wurde." Doch das Leben sei hart dort, und er hoffe, dass es besser wird. Hamouz ist einer von fünf Millionen Palästinensern, die in 58 Lagern leben, verstreut in Jordanien, Syrien, dem Libanon, dem Gazastreifen und dem Westjordanland.

In vielen Lagern hat sich die Einwohnerzahl seit ihrer Entstehung nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 verfünffacht, aber ihre Fläche blieb gleich. Deshalb wurden Freiräume zugebaut, ursprünglich flache Baracken auf manchmal abenteuerliche Weise immer wieder aufgestockt. Öffentliche Räume für die Menschen gab es immer weniger. Vor gut fünf Jahren aber hat die für die Lager verantwortliche UN-Organisation UNRWA (United Nations Relief and Works Agency) damit begonnen, zusammen mit den Einwohnern Verbesserungen zu planen und umzusetzen.

Bewohner dürfen erstmals mitreden

Luftbild vom palästinensischen Flüchtlingslager Nahr el Bared im Libanon nach der gewaltsamen Zerstörung, Oktober 2007. Copyright: UNRWA Oktober, 2007

Flüchtlingslager Nahr el Bared im Libanon, 2007 (Bild oben: 2010, Bewohner beraten weiteren Wiederaufbau)

Den Anstoß gab das Lager Nahr El Bared mit 30 000 Einwohnern. Es war 2007 bei Kämpfen komplett zerstört worden. Danach habe jeder andere Vorstellungen gehabt, wie es wiederaufgebaut werden sollte, berichtete UNRWA-Generalkommissar Filippo Grandi: Die libanesische Regierung, die libanesische Armee, die UNRWA selbst – nur die Bewohner selbst fragte anfangs keiner. Bis die UNRWA schließlich genau das tat. Es wurden Gespräche und Workshops für alle Gruppen der Bevölkerung – Jugendliche, Ältere, Frauen – organisiert, in denen ihre Bedürfnisse und Wünsche abgefragt und Lösungen erarbeitet wurden. In der so konzipierten neuen Flüchtlingsstadt lebt es sich, wie die Ausstellung darstellt, wesentlich besser als früher.

Kinder spielen im palästinensischen Flüchtlingslager Talbiyeh in Jordanien vor der Stadterneuerung. Copyright: UNRWA März, 2010

Flüchtlingslager Talbiyeh in Jordanien vor...

Nach Darstellung der beteiligten Organisationen, darunter der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, hat ein solches Vorgehen einen Effekt weit über das in Stein errichtete Ergebnis hinaus: Es gebe den Flüchtlingen Würde. Bisher sei meist von außen über ihre Belange entschieden worden, und in den Lagern selbst hätten wenige alte Männer das Sagen gehabt. Nun aber könnten auch junge Menschen, nicht zuletzt junge Frauen, über die Entwicklung ihrer Gemeinde mitentscheiden.

Spielplatz im palästinensischen Flüchtlingslager Talbiyeh in Jordanien nach der Stadterneuerung. Copyright: UNRWA März, 2010

... und nach der Stadterneuerung

Der von der UNRWA organisierte Planungsprozess in den einzelnen Lagern dauert jeweils etwa eineinhalb Jahre, und er soll der Anstoß sein für einen permanenten Prozess der Beteiligung. Anders als im libanesischen Lager Nahr El Bared geht es bei den anderen auch nicht um einen Neuaufbau, sondern um einen allmählichen Umbau, zu dem das Anlegen von Spielplätzen, das Pflanzen von Bäumen, die farbliche Verschönerung von Gebäuden und vieles mehr gehört.

Politisch "düstere Aussichten"

Eines allerdings lässt sich auch dadurch nicht verändern, darauf wies Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel anlässlich der Ausstellungseröffnung hin: Die Lager bleiben Inseln in den Gastländern, von deren Seite weiter keine Bereitschaft besteht, die Flüchtlinge in ihre Gesellschaft zu integrieren. Der Status der Flüchtlinge sei "Bestandteil einer Lösung der Endstatus-Frage" zwischen Israel und den Palästinensern, sagte Niebel.

UNRWA-Chef Grandi meinte dazu, dass "die politischen Aussichten für die Flüchtlinge ziemlich düster" seien. Umso wichtiger sei, dass man ihnen wenigstens innerhalb der Lager eine Perspektive gebe. Denn, so Grandi: "Wenn sie nicht spüren, dass sie weiter unterstützt werden, kann das in dieser instabilen Region sehr ernste Konsequenzen haben."