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Kultur

Schönheit - einst und jetzt

In Frankfurt wird bis Ende Mai an Schönheitsideale früherer Zeiten erinnert. Die Schau "Schönheit und Revolution" blickt auf die Auseinandersetzung der Klassik mit der Antike - und zeigt, was das mit heute zu tun hat.

Sucht man im Netz nach dem Begriff "Schönheit in der Kunst", so gelangt man zuallererst auf die Seite eines Kosmetiksalons. Das ist symptomatisch. Nicht Kunstgeschichte, nicht Kultur und Ästhetik begegnen dem User unserer Tage, die Dienste eines Wellness-Unternehmens werden feilgeboten. Das Thema Schönheit ist heute in aller Munde. Es dominiert den Boulevard, die Welt des Fernsehens, das Internet, die Werbung. Und schließlich besetzt es nicht nur den geistigen Alltag der Menschen, es verändert die Körper im wahrsten Sinne des Wortes. Immer mehr Menschen rund um den Globus lassen sich operieren - mit dem Ziel einem scheinbar festgestanzten Schönheitsideal möglichst nahe zu kommen.

Kann die Kunst Antworten geben?

Doch was ist Schönheit? Woraus speisen sich ihre Quellen? Welches Bild von Schönheit ist verbreitet? Lassen sich in Kunst und Kultur Antworten finden? Eine Ausstellung im Frankfurter Museum Städel begibt sich auf die Spuren klassischer und romantischer Schönheitsideale. "Schönheit und Revolution" heißt die Schau, und auch wenn es in ihr nicht in erster Linie darum geht aufzuzeigen, welche früheren Schönheitsideale in der Moderne eine Rolle spielen, so ist die Ausstellung doch in vielerlei Hinsicht aufschlussreich für den heutigen Besucher. Rückt sie doch ins Bewusstsein, dass die Kunst sich immer schon Gedanken über die Schönheit gemacht hat und diese als Ideal an die Wand projizierte oder in den Raum stellte.

AUSSCHNITT Jacques-Louis Davids Gemälde Patroklus (Foto: Museum Cherbourg-Octeville, Musée d'art Thomas-Henry//© Daniel Sohier/Städel)

Hinwendung zur Antike: Jacques-Louis David malte seine Aktstudie "Patroklos" (Ausschnitt) in Rom

Die Kunst setzte Ideale, ebenso wie sie diese schönen Ideale abbildete. Das war eine der Hauptaufgaben der Kunst. "Über Jahrhunderte war die Kunst die Instanz des Schönen", schrieb der Kritiker Hanno Rautenberg anlässlich einer Ausstellung in Karlsruhe über Schönheitskulte in der aktuellen Kunst. Die Kunst, so Rautenberg, "galt als das Schöne selbst. Ihre Bilder prägten unsere Bilder von keuscher, von draller Weiblichkeit, vom stolzen wie vom gebrechlichen Mannsein."

Auf der Suche nach dem Ideal

Nun also die Ausstellung in Frankfurt, die den Akzent auf die Zeit der Klassik und Romantik in Deutschland setzt (ca. 1785 – 1835). "Nach wie vor ist es tatsächlich die Suche nach dem Ideal - das Wort birgt das Problem bereits in sich: es ist das kleine oder große Stückchen 'Mehr' als das, was die Natur mit sich bringt", sagt Dr. Eva Mongi-Vollmer, die die aktuelle Ausstellung in Frankfurt kuratiert hat, im Gespräch mit der Deutschen Welle. "Die Zufriedenheit mit dem Naturzustand hat sich noch immer nicht eingestellt - das Bestreben, ein Ideal zu erreichen lebt nach wie vor fort." Es ist das Streben der Menschen nach dem scheinbar Optimalen, dem "endgültig Schönen", was es immer schon gegeben hat, in der Antike, bei den Griechen und Römern, dann in der Zeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts und auch in späteren Epochen - bis heute.

Schwarz-weiße Grossreklame: Fussballstar David Beckham liegt auf dem Rücken und blickt in die Kamera. Er trägt ein offenes Hemd und Herrenunterwaesche von Armani.- Foto, Februar 2008.

Adonis der heutigen Werbeindustrie: David Beckham

Natürlich gibt es eine sehr breite Palette an verschiedenen Ausprägungen von Schönheit in der Geschichte der Kunst. Schönheitsvorstellungen, in der Gesellschaft wie in der Kunst, waren einem stetigen Wandel unterzogen. Ganz früher mal galt Fettleibigkeit als "schön". In der Antike dann wurden geradezu idealtypische Körper zum Maß der Dinge. Berühmte Skulpturen der Griechen und Römer stehen dafür. Das Schönheitsideal dieser Ära hat kräftige Spuren hinterlassen in den Köpfen der modernen Menschen. Schaut man sich die Werbung der Schönheitssalons und Modebranche unserer Tage an, so stößt man häufig auf antike Darstellungen und Maße.

Mal dick, mal dünn...

Im Mittelalter hingegen war das nicht immer so. Mal dominierten dünne, mal besonders dicke Formen. Auch Renaissance und Barock setzten unterschiedliche Akzente.

Gemälde Die drei Grazien' von Rubens, Peter Paul (Foto: picture alliance/akg-images)

Peter Paul Rubens Gemälde "Die drei Grazien" zeigt Schönheiten mit üppiger Figur

Was eine Rubensfigur ausmacht, das weiß heute sogar der Nichtkunstinteressierte. Klassizismus und Romantik griffen dann wieder verstärkt auf Bilder der Antike zurück. Es war vor allem der deutsche Kunstschriftsteller Johann Joachim Winckelmann, der in seiner "Bibel der Klassik" "Die Geschichte der Kunst des Altertums" den klassischen Kunststil der Griechen und Römer auf den Sockel hob. Das spielte nicht nur in der deutschen Kunst eine herausragende Rolle. Der Text wurde vielfach übersetzt und fand eine große Verbreitung in Europa.

"Tatsächlich galt die Antike als geradezu unantastbar schön", sagt Eva Mongi-Vollmer. "Schönheit war nach den damaligen Vorstellungen von Kunst das eigentliche Ziel allen Kunstschaffens. Schönheit war aber nicht nur die, die man mit eigenen Augen in der eigenen Umgebung erfassen konnte - seien es Menschen, Landschaften oder Räume - sondern Schönheit war ein Ideal, das es in seiner höchsten Form in der Natur gar nicht gab. Es war also eigentlich vielmehr eine Vorstellung von Schönheit. Und nach dieser Vorstellung schuf man Kunstwerke."

Ausstellungsansicht mit den Heben von Antonio Canova und Bertel Thovaldsen (Foto: Norbert Miguletz)

Tochter des Zeus und Garant für unsterbliche Jugend: Die "Heben" von Antonio Canova und Bertel Thorvaldsen

Schönheit = Kitsch?

Im 20. Jahrhundert differenzierten sich Schönheitsideale immer mehr. Ja, es kam gar zur Auflösung alles Standards. Picasso und andere zerstörten die Einheit von Körper, Seele und Schönheit genussvoll. Und heute gilt - zumindest in weiten Bereichen der Moderne - klassische Schönheit geradezu als verdächtig, Kitsch- und Dekorverdacht allenthalben.

Gemälde von Karl Friedrich Schinkels Spreeufer bei Stralau (Ausschnitt) (Foto: Berlin, Alte Nationalgalerie/Städel)

Zwischen Antike und Romantik: Karl Friedrich Schinkels "Spreeufer bei Stralau" (Ausschnitt)

Und doch scheint manches sich trotz aller modernen Gegenbewegung, trotz Schönheitsskepsis und Rückzug auf innere Werte, gehalten zu haben: "Mögen wir uns noch so frei und selbstbestimmt wähnen - in Wahrheit folgen wir doch nur urzeitlichen Schönheitsinstinkten", schreibt Hanno Rautenberg. Dass ganze Wirtschaftsbereiche unserer Tage, ob Schönheitsindustrie und -chirurgie, auf idealisierten Vorstellungen von klassischen, antiken Vorstellungen von Schönheit beruhen, diese verkaufen und vertreiben, das wird oft vergessen. Und so ist es gut, dass Kunstausstellungen wie die im Frankfurter Museum Städel diese Wurzeln, die in Kunst und Kultur wuchsen, ab und zu in Erinnerung rufen.

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