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Kultur

Schöner Wohnen für Obdachlose

Sozial engagierte Kunst: Miriam Kilali aus Berlin geht ungewöhnliche Wege. Nun hat sie - wie schon zuvor in Moskau - ein Obdachlosenheim in Berlin künstlerisch gestaltet.

Der Eingangsbereich im Berliner Obdachlosenheim Haus Schöneweide (Foto:Sigrid Hoff)

Der Eingangsbereich im Berliner Obdachlosenheim "Haus Schöneweide"

Es begann auf einem Kongress der evangelischen Obdachlosenhilfe in Berlin: die Konzeptkünstlerin Miriam Kilali stellte ein Projekt vor, das sie 2006 in Moskau realisiert hatte unter dem Motto "Reichtum für Arme" - die Verschönerung eines Obdachlosenheims mit künstlerischen Mitteln. Die Berliner Künstlerin hatte im Studium bei einer Beratungsstelle für Obdachlosen gearbeitet, das hat sie geprägt: "Ich habe es als zynisch empfunden, daß Menschen auf der Straße leben und dachte, da muß man etwas tun – mit künstlerischen Mitteln, dadurch ist die Idee entstanden."

Ein Blick in den Wohn- und Essbereich von Haus Schöneweide. (Foto:Sigrid Hoff)

Ein Blick in den Wohn- und Essbereich von Haus Schöneweide.

Die erfolgreiche Umsetzung in Moskau überzeugte auch die Verantwortlichen für Obdachlosenhilfe in Berlin. Sie engagierten die Künstlerin für die Umgestaltung eines im Stadtteil Schöneweide, im Osten Berlins gelegenen Heims. Zwei Jahre dauerte die Verschönerungskur, finanziert durch Spenden, jetzt kann man das Ergebnis besichtigen - und ist überrascht.

Ein Heim für seelisch Kranke

"Haus Schöneweide" steht an einer verkehrsreichen Straße gegenüber vom Bahnhof. Von außen fällt der Altbau nur durch eins auf: seine intensive gelbe Farbe. Aber wer vorüberläuft und durch die Eingangstür schaut, glaubt in eine Hotellobby zu blicken: Kronleuchter hängen von der Decke, auf dem Fußboden sind italienischen Terrakotta-Fliesen, Säulen gliedern die Wände, eine goldene Bordüre schließt die helle Strukturtapete ab. Zwei lederne Clubsessel stehen gleich hinter der Eingangstür. Die Bewohner sehen jedoch nicht wie Hotelgäste aus, sie sind vom Leben und vom Alkohol gezeichnet. "Haus Schöneweide" ist ein Heim für seelisch kranke Männer, Männer, die aus der Bahn geworfen, arbeitslos wurden, Familien und sozialen Zusammenhalt verloren haben.

Die Idee der Kristalllüster, die Gipsrosette an der Decke und die knallroten Ledersofas im Aufenthaltsraum allein könnten auch aus einem "Schöner-Wohnen"-Katalog stammen. Stutzig machen die goldgerahmten Bilder an den Wänden, denn sie zeigen keine Kunstwerke sondern nur einfarbige gelbe, rote oder grüne Flächen. Sie gehören zum künstlerischen Gesamtkonzept von Miriam Kilali.

Berliner Obdachlosenheim, Haus Schöneweide

Rote Ledersofas zieren den Wohnbereich im Obdachlosenheim.

Nicht alle Bewohner verstehen die Idee, die sich dahinter verbirgt. Doch die Reaktion ist überwiegend positiv. Ein Mann, der eben zur Tür hineinkommt, hätte gern selbst mit Hand angelegt, aber sein Bein, klagt er, mache nicht mit. Ein anderer ist zufrieden, so etwas Schönes bekommen zu haben, er weiß: "Einige finden das übertrieben, andere nicht, ich finde es o.k., mir gefällt es so."

Balsam für die Seele

Die Farben, die Säulen oder den Kronleuchter mussten die Bewohner akzeptieren, ihre weißen Zimmermöbel durften sie selbst auswählen und auch Fotos für die Wände aussuchen, meist Ansichten aus den USA, die die Künstlerin selbst aufgenommen hat. Wolfgang Binder, bereits seit 2001 Bewohner im "Haus Schöneweide", freut sich, daß sein Zimmer jetzt so freundlich und hell wirkt. Das Foto eines amerikanischen Trucks hat er sich ausgesucht, weil er eine Schwester in Amerika hat – dort wird er wohl nie hinkommen, da reicht die Obdachlosenhilfe nicht.

Miriam Kilali ist es wichtig, dass die Bewohner auf diese Weise eine Beziehung zu ihrem Zuhause auf Zeit aufbauen. Für übertrieben hält sie Kronleuchter im Obdachlosenheim nicht. Sie meint: gerade Benachteiligte brauchen eine schöne Umgebung – als Balsam für ihre Seele: "Ich möchte, daß man, wenn man hier reinkommt, nicht das Gefühl hat, daß es ein Wohnheim für Alkoholkranke, ehemals Obdachlose ist, sondern denkt: Wow! Um auch den Bewohnern das Gefühl zu geben, daß sie ihre Würde und Respekt zurückbekommen."

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