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Geschichte

Schöne, schreckliche Spiele

Ein fröhliches Fest waren die Münchner Spiele. Bis palästinensische Terroristen diese Stimmung jäh zerstörten und Menschen starben. Unser Autor war damals 14 Jahre alt. Ein persönlicher Rückblick.

Was für ein toller Sommer 1972. Kurz nach den Ferien begannen die Olympischen Spiele in München. 36 Jahre nach den Berliner Spielen von 1936, am 36. Geburtstag meiner Mutter, ging die schillernde Eröffnungsfeier über die Bühne. So etwas Fröhliches, Beschwingtes und Buntes hatte es bis dahin bei Olympia nicht gegeben. Die Welt erstmals zu Gast in der jungen, demokratischen Bundesrepublik Deutschland. Es lagen zwar 550 Kilometer zwischen der Olympia-Stadt und meinem Heimatdorf auf den Höhen des Oberbergischen Landes – und dennoch waren wir infiziert vom Olympiafieber. Wir, ein gutes halbes Dutzend sportbegeisterte Jungs zwischen zwölf und 14 Jahren.

Ortskern des Dorfes Steimelhagen (Gemeinde Morsbach) (Foto: DW/Klaus Krämer)

"Olympische Dorfspiele" zwischen Fachwerkhäusern, Scheunen und Vorgärten

Winkelschleiferscheiben und Torpedoschaukel

Olympia hielt uns sportlich im Griff, aber keineswegs nur als Fernsehzuschauer. Wir planten unsere eigenen Wettbewerbe. Unser Dorf hatte freilich nichts außer einem Bolzplatz. Wir mussten improvisieren. Zunächst waren die Väter beim Hockeyschlägerbauen gefordert. Material für Tore, Speere und das Hochsprung-Gestell gab es in den Restehaufen der ortsansässigen Schreinereien. Für Bögen und Pfeile schnitten wir Haselnussgerten.

Ortskern des Dorfes Steimelhagen (Gemeinde Morsbach) (Foto: DW/KLaus Krämer)

Hockey auf Teerbelag

Die kleine Ringstrasse des alten Ortskerns war Lauf- und Radbahn gleichermaßen, an ihrer breitesten Stelle unser Hockeyfeld. Eine alte Holzkugel vom Durchmesser eines Handballs musste für das Kugelstoßen herhalten. Für die Schwimm-Disziplinen ging es ab ins nächste Schwimmbad. Außerdem hatten wir den olympischen Sportarten eine voraus – den Schaukel-Torpedo-Weitsprung. Das Abspringen vom Sitzbrett bei Höchstgeschwindigkeit sah bisweilen so halsbrecherisch aus, dass sich Passanten besorgt an unsere Eltern wandten. Zwecklos. Wir waren mit Spaß und Ernst bei der Sache.

Goldregen und Höhenflüge

Beide Arme reißt Klaus Wolfermann vor Freude in die Höhe, als er das Siegerpodest zum Empfang der Goldmedaille für seinen Speerwurfsieg während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München betritt (Foto: dpa)

Klaus Wolfermann und die Goldmedaille

Ich erinnere mich noch genau an die sportlichen Erfolge der deutschen Olympiateilnehmer. Na klar, mit den Sowjets, den USA oder der DDR konnten wir nicht mithalten. Allerdings schleuderte uns Klaus Wolfermann mit seinem Speer quasi in den Himmel der Glückseligkeit: Er warf zwei Zentimeter weiter als sein sowjetischer Kontrahent und gewann.

Ulrike Meyfarth, Olympiasiegerin im Hochsprung 1972 (Foto: dpa)

Ulrike Meyfarth

Eine damals 16-jährige Ulrike Meyfarth siegte mit Weltrekord im Hochsprung – bis heute die jüngste Leichtathletik-Olympiasiegerin in einem Einzelwettbewerb. Und dann: phänomenales Gold für die Feldhockey-Herren. Der international kaum bekannten Halbmittelgewichtsboxer Dieter Kottysch schlug sich imposant durch bis zur Goldmedaille. Eine glänzend aufgelegte Heide Rosendahl holte in der Leichtathletik zweimal Gold und einmal Silber. 13 Goldene für Deutschland – 40 Edelmetallscheiben insgesamt - unfassbar.

Der elfte Tag

Unfassbar war auch, was dann geschah: Terror im Olympischen Dorf, Attentat, Geiselnahme, Mord - aus der Traum von den bunten, friedlichen Spielen. Die schockierende Bilanz nach der missglückten nächtlichen Geiselbefreiungsaktion von Fürstenfeldbruck: elf ermordete israelische Geiseln, ein toter deutscher Polizist, fünf getötete palästinensische Terroristen. "Unsere" Spiele endeten mit grausamer Gewalt, und damit zerbrachen sie in meiner Wahrnehmung in zwei Teile: den hellen, strahlenden, in dem der Sport alles war und einen dunklen, dessen Fakten wir Jugendlichen damals kaum einzuordnen wussten, der uns emotional überforderte und sich wie ein schweres schwarzes Tuch über alles legte.

Viele Bilder und ein Name

Ein vermummtes Mitglied der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September steht im Olympischen Dorf in Muenchen bei den XX. Olympischen Sommerspielen auf dem Balkon eines Appartments, in dem Athleten der israelischen Mannschaft als Geiseln gehalten werden (Foto: Kurt Strumpf/AP/dapd)

Mitglied der palästinensischen Terrororganisation "Schwarzer September"

Wir haben sie alle gesehen: Die Bilder vermummter, blindwütiger und fanatischer Terroristen. Die Bilder fassungslos weinender Betroffener. Die Bilder ratloser Politiker und Sportfunktionäre. Die Bilder eines mutigen Bundesinnenministers, der sich vergeblich statt der israelischen Sportler als Geisel anbot. Die Bilder verzweifelter Polizisten. Sie haben sich tief ins Gedächtnis eingegraben. Und dann war da ein Name, den ich in vierzig Jahren nicht vergessen habe: Moshe Weinberg. Er war Trainer der israelischen Ringer und stellte sich an jenem 5. September gegen 5.00 Uhr morgens mutig den Terroristen entgegen.

Der zur israelischen Olympia-Mannschaft gehörende Ringer-Trainer Moshe Weinberg wird am 05.09.1972 von arabischen Terroristen erschossen, als sie das Quartier der Mannschaft in München überfallen und Geiseln nehmen (Foto: dpa)

Das erste Opfer: Ringer-Trainer Moshe Weinberg

Der 32-Jährige ermöglichte es einigen israelischen Sportlern, sich in Sicherheit zu bringen und bezahlte dafür mit seinem Leben. Moshe Weinberg – vermutlich der einzig wahre Held von München 1972. Für mich endete mit dem zerschossenen olympischen Frieden der letzte Sommer meiner Kindheit. Vier Tage nachdem das olympische Feuer erloschen war wurde ich 14 Jahre alt. Es war der Tag, an dem Moshe Weinberg 33 geworden wäre.

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