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Kultur

Schöller: "Blut auf die Mühlen von Pegida"

Fühlen sich die islamkritischen Pegida-Anhänger nach dem Anschlag von Paris bestätigt? Ja, sagt der Islamwissenschaftler Marco Schöller. Immer, wenn etwas passiert, sollen sich alle Muslime dafür rechtfertigen.

DW: Herr Prof. Schöller, bestätigt der Anschlag von Paris die Pegida-Anhänger?

Marco Schöller: Das ist Blut auf ihre Mühlen. Das ist bedenklich, denn der Extremismus ist ein islamisches Phänomen. Er kommt aus der islamischen Welt, er verwendet islamische Begrifflichkeiten. Trotzdem kann man nicht sagen: Der Islam ist schlechter als andere Religionen. Die islamische Welt ist momentan in einer Verwerfung – wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch, die leider einige Leute in diese Richtung drängt. Zu anderen Zeiten waren es andere Kulturen und andere Religionen.

Herr Prof. Schöller, distanzieren sich die Muslimverbände hierzulande klar genug von Extremismus und Gewalt?

Es wird schon viel Distanzierungsarbeit geleistet von muslimischer Seite, auch zu Pegida. Man muss sehen: Die Verbände sind schließlich auch Parteien. Da gibt es Profilierungsprobleme, da wird jedes Wort abgewägt.

Der frühere Chefredakteur von "Charlie Hebdo" hat an die französischen Muslime appelliert: Organisiert Euch, sprecht mit einer Stimme, distanziert Euch klar und deutlich. Auch in Deutschland gibt es den latenten Vorwurf, die muslimische Seite distanziere sich nicht ausreichend von islamistischer Gewalt. Tatsächlich ziehen immer noch viele junge radikalisierte Muslime in den sogenannten "Heiligen Krieg".

Religionswissenschaftler Professor Marco Schöller

Der Islamexperte Marco Schöller

Die wären aber auch nicht zu erreichen über die Verbandsarbeit. Größter Feind der Extremisten sind immer noch die Mitmuslime. Die biedern sich aus ihrer Sicht dem Westen an. Denen werfen sie vor, sie hätten sich verwestlicht. Deren Religion sei zu lau. Die seien ungläubig. Natürlich gehen Extremisten sehr aggressiv und mit Terroranschlägen gegen westliche Einrichtungen vor. Da können sich die Verbände noch so sehr zusammenschließen und Tag und Nacht äußern: Die Extremisten erreichen sie nicht.

Immerhin wäre das für die gesellschaftliche Debatte hilfreich. Ich habe viele muslimische Freunde, Bekannte und Kollegen. Was denen sauer aufstößt: Immer wenn irgend etwas passiert, muss sich der Muslim als solcher rechtfertigen - obwohl viele sagen: Was hat das mit unserer Religion zu tun?

Und gleichzeitig wächst die Islamfeindlichkeit unter Deutschen…

Ich bin schon dafür, dass die muslimischen Verbände sich deutlicher positionieren. Aber die gefühlte Bedrohung durch den Islam ist doch sehr abstrakt. Es könnte auch was anderes sein.

Zahnschmerzen?

Nein, aber vielleicht Russland. Oder die Gefahr aus dem Osten. Oder irgend soetwas.

Der Islamwissenschaftler Professor Marco Schöller, Jahrgang 1968, lehrt an der Universität Münster und gehört dem dortigen Excellenzcluster Religion und Politik an.

Das Gespräch führte Stefan Dege.