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Kultur

Schätze aus der Wüste: Von Eulen und Lerchen

Der Wüstenvater Abbas Poimen, der für seine Konsequenz berühmt ist, plädiert dafür, von anderen weniger zu verlangen als von uns selbst. Ein zutiefst menschlicher Zug, meint Hildegard König von der katholischen Kirche.

28.05.2013 deutschland heute Nachtschicht

28.05.2013 deutschland heute Nachtschicht

Ein junger Mann erzählte mir letzthin von seinen Erfahrungen mit Schichtarbeit. Die Nachtschicht, meinte er, liege ihm gar nicht. Etwa um drei Uhr käme der tote Punkt; er sei dann so müde, dass es weh tue, er könne sich kaum mehr konzentrieren und müsse höllisch aufpassen, dass er keine Fehler mache. Viel lieber arbeite er in der Frühschicht. Das Aufstehen, egal wie früh, sei für ihn gar kein Problem.

Der junge Mann scheint, was seine innere Uhr betrifft, zu den Lerchen zu gehören, nicht zu den Eulen. Für Lerchentypen wird die Nachtarbeit zur Qual; Eulentypen kommen dagegen erst abends und nachts richtig auf Touren. Solche Einsichten in den persönlichen Schlaf- und Wachrhythmus lassen sich im Schlaflabor ermitteln. - Die Erfahrungen mit unterschiedlichen Schlafbedürfnissen scheinen aber viel älter zu sein als die moderne Schlafforschung.

Ich stieß darauf in einer kleinen Anekdote über Abbas Poimen, einen jener berühmten Wüstenväter, deren Geschichten und Sprüche seit langem erzählt werden. Und ihre alten Weisheiten taugen erstaunlicherweise auch für uns Heutige. Abbas Poimen war ein großer Asket, also einer, der sich bemühte, durch Verzicht auf jeglichen Luxus, durch Einsamkeit und Gebet, dem Heiligen in sich, über sich und um sich herum näher zu kommen.

Asketen wie Poimen kultivierten die Bedürfnislosigkeit. Denn diese bedeutete große innere Freiheit, und solche Freiheit öffnete ihnen die Wege über sich selbst hinaus. Deshalb suchten sie Souveränität über Hunger und Durst, ja auch über ihr Schlafbedürfnis. Schlaf war für sie nämlich eine zwiespältige Sache. Einerseits war er lebensnotwendig, andrerseits war er ein Zustand, in dem sich die leiblichen und seelischen Bedürfnisse ganz unkontrolliert in Träumen äußern konnten. Was aber nachts geträumt wurde, färbte tags das Erleben ein, wirkte nach und konnte zum lästigen Störfaktor werden.

Um Kontrolle über den Schlaf zu gewinnen, schliefen die Asketen nur wenig oder im Sitzen oder Stehen, vor allem aber standen sie nachts zum Gebet auf. Weil das schwer war, vollzogen die meisten von ihnen dieses nächtliche Gebet in Gemeinschaft. So hatten sie sich gegenseitig unter Aufsicht. Was aber war zu tun, wenn dann einer mitten im Gebet einschlief? Mit diesem Problem kamen sie einmal zu Vater Poimen und fragten:

Wenn wir beim Beten welche einnicken sehen, willst du, dass wir ihnen einen Stoß geben, damit sie aufwachen? Da erwiderte Poimen:Wahrlich, wenn ich einen einnicken sehe, dann lege ich seinen Kopf auf meine Knie und lasse ihn ruhen.

Das gefällt mir. Gegen die Leistungserfüller und Oberaufseher bringt der Altvater Poimen seine gelassene Menschlichkeit ins Spiel. Bei aller Selbstdisziplin geht es ihm nicht um das Einhalten von Normen. Und was er von sich selbst fordert, verlangt er nicht von Anderen. Vielmehr nimmt er den Menschen an seiner Seite ganz so, wie er ist, mit seinen Stärken und Schwächen. Und gerade mit den Schwächen geht er behutsam um.

Warum? – Die Schwäche des Anderen lässt ihn an seine eigenen Schwächen denken, und das bewahrt ihn vor Arroganz. Und wenn ein Anderer schwächelt, hat er die Chance, Nähe, Verbundenheit und Zuneigung zu geben. Das gilt nicht nur für Vater Poimen, sondern auch für uns:

Der behutsame Umgang mit dem Schwächen der Menschen neben uns: Wenn uns eine solche Haltung gelingt, dann glückt in unserem stressigen Alltag mehr, als wir zu erwarten hoffen: Dann ertragen die Lerchen die Schwächen der Eulen und die Eulen die der Lerchen. Dann ist Gelassenheit möglich, wenn Fehler gemacht werden und Hilfsbereitschaft ohne Demütigung, und ein aufmunterndes Wort in den ganzen Ärger hinein. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen für den heutigen Sonntag und die kommende Woche: Viel Glück.



Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz Titel: Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz Schlagworte: Hildegard König, Wort zum Sonntag, Wer hat das Bild gemacht?: Hildegard König Hildegard König, Wort zum Sonntag,

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Zur Autorin: Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert, Habilitation für das Fach „Alte Kirchengeschichte und Patristik“ in Bonn. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen. Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

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