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Kultur

Schätze aus der Wüste: Abschalten

Das war’s, bin nicht mehr zu erreichen: eine verlockende oder eher eine verrückte Vorstellung? Die Wüstenmenschen vor fast zweitausend Jahren machten Ernst damit, so Hildegard König von der katholischen Kirche.

Ein Mann tippt am 23.03.2012 auf einem Smartphone eine SMS. Zum 20. Geburtstag laufen der mobilen Kurznachricht neue Online-Dienste den Rang ab. Den Mobilfunk-Anbietern entgehen dadurch Milliardenerlöse.

20 Jahre SMS

„Das war’s“, sagt der Pianist in Alain Claude Sulzers Roman „Aus den Fugen“. Kurz vor der Pause, mitten im letzten Satz der Sonate, hört er auf zu spielen, klappt die Tastatur des Flügels zu und verlässt die vollbesetzte Berliner Philharmonie. Er steigt aus: Mitten in seinem Tournee-Programm, aus allen Verpflichtungen, aus dem Gefängnis fremder Wünsche.

Das war’s. - Ich überlege mir, wie das wäre: Eine letzte Rundmail an alle zu verschicken mit dem Inhalt: Das war’s. Bin ab sofort nicht mehr zu erreichen. Dann den Computer abzuschalten, das Notebook und Handy wegzusperren, die Scheck- und Kreditkarten auch, einen Rucksack mit dem Nötigsten zu packen, den nächsten Bus aus der Stadt hinaus zu nehmen, und von der Endstation bis gegen Abend weiterzugehen bis zu einem Schuppen, der Unterschlupf böte für die Nacht und die nächste Zeit. Nicht zu wissen, wie es weitergeht, einfach zu warten, was kommt, und was dieses Aussteigen aus mir macht. Die Welt würde mich für verrückt erklären, für verantwortungslos und übergeschnappt. Wer macht so was? Ist doch krank!

Als vor bald zweitausend Jahren Leute ähnlich radikal aus ihren gewohnten Lebensverhältnissen ausstiegen, waren die Reaktionen gewiss vergleichbar. Antike Stadtmenschen waren eingebunden in ein stabiles Gefüge aus Beziehungen, Verpflichtungen und Normen. Wer dieses Gefüge in Frage stellte, auf seinen Besitz verzichtete, die Stadt verließ, um in der Wüste ein kärgliches Leben zu fristen, galt als Narr, als ein Nichts – oder als ein Weiser.

Deshalb waren die, die dieses Leben in Einsamkeit suchten, nicht wirklich allein. Sie provozierten mit ihrer Existenzweise, und die Städter suchten sie auf, teils aus Neugierde, teils mit ihren Sorgen und Anliegen. Der berühmteste unter diesen Wüstenmenschen war der Einsiedler Antonius. Ein Besucher aus der Stadt sah ihn in seinen wenigen Habseligkeiten und fragte ihn:

Wie kannst du zufrieden sein, Vater, der du des Trostes der Bücher beraubt bist. Antonius antwortete ihm: Mein Buch ist die Natur der geschaffenen Dinge. Die liegt mir jederzeit offen vor Augen, sooft ich die Worte Gottes zu lesen mich sehne.

Das gibt mir zu denken: Antonius lässt sich ansprechen von einem ungerufenen Besucher aus der Stadt. Aber davor hatte er sich schon ansprechen lassen: durch das Wort Gottes, das er in den heiligen Schriften vernommen hat. Und dieser Anspruch hat ein Sehnen in ihm wachgerufen nach dem wahren Leben, nach dem Grund seines Daseins. Dem ist er nachgegangen in die Wüste hinaus, ohne Bücher, ohne heilige Schriften. Und dort, in der Einöde, vernimmt er das Wort Gottes in allen Dingen. Diesen Text liest er aus allem heraus: aus den Steinen, dem Sand, dem Wind, dem Flechtwerk, das unter seinen Händen entsteht.

Antonius entsagt der Welt nicht; er negiert sie nicht; er lehnt sie nicht ab. Vielmehr durchschaut er sie und gelangt so zu ihrem Wesentlichen, zu ihrem Existenzgrund, und der ist für ihn Gott. Muss man dafür ein radikaler Aussteiger werden? - Antonius weiß, dass dieses Durchschauen der Welt nicht vom Ort abhängt. In der Wüste Ägyptens war es vielleicht einfacher, als es in den Wüsteneien unseres alltäglichen Lebens ist. Entscheidend aber ist, dass wir die Natur der Dinge zu lesen vermögen, dass wir den Text des Lebens verstehen.

Wenn es für Antonius die ganz materialen Dinge sind, die ihm davon sprechen, dann bin ich gespannt, was mir mein Handy oder mein Notebook darüber zu sagen hat. Ich bin nicht Antonius. Ich werde nicht aussteigen. Aber vielleicht werde ich Handy und Notebook einmal abschalten und den Text lesen, den mir die Natur dieser Dinge mitteilt. – Bin gespannt, ob ich ihren Code durchschaue.

Zur Autorin:

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Prof. Dr. Hildegard König, Chemnitz

Prof. Dr. Hildegard König hat in Tübingen katholische Theologie und Germanistik studiert, Habilitation für das Fach „Alte Kirchengeschichte und Patristik“ in Bonn. Nach einem Studienaufenthalt in Rom lehrte sie an den Universitäten Luzern, Frankfurt, Tübingen und an der RWTH Aachen. Nach einer Gastprofessur an der LMU München arbeitet sie seit 2011 als Professorin für Kirchengeschichte an der Technischen Universität Dresden. Darüber hinaus ist sie als freie Dozentin tätig.

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