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Kultur

Schäfer: Religion ist in Brasilien politisch

Nicht nur fußballverrückt sind die Brasilianer, sondern auch ein frommes Volk. Ein Schlaglicht auf die religiöse Landschaft des Landes wirft der Bielefelder Religionssoziologe Heinrich Wilhelm Schäfer.

DW: Welche Bedeutung hat Religion für die Menschen in Lateinamerika, speziell in Brasilien?

Wilhelm Schäfer: Religion hat in Lateinamerika eine wesentlich größere Bedeutung als hier in Deutschland. Religion wird immer wichtiger für Menschen, um sich zu organisieren und religiöse wie nicht nichtreligiöse Interessen zur Sprache zu bringen. Damit hat Religion und religiöse Praxis eine sehr viel stärkere politische Funktion in Lateinamerika generell - und damit auch in Brasilien.

Wie stillen die Menschen in Brasilien dieses starke religiöse Bedürfnis in ihrem Alltag?

In Brasilien, stärker als in allen anderen lateinamerikanischen Ländern, tun sie das durch eine sehr phantasievolle Mischung unterschiedlicher Religiositätsformen, je nach Bedürfnis. Es gibt natürlich feste Zugehörigkeiten - dass etwa jemand Mitglied einer Pfingstkirche ist und auch als treues Mitglied dort immer wieder auftaucht und selten irgendwo anders hingeht. Aber in Brasilien gibt es auch dieses Phänomen multipler Zugehörigkeit, und zwar als ganz normales Alltagsphänomen.

Die Pfingstbewegung ist auf dem Vormarsch - weil sie einfache Lösungen anbietet?

Pfingstkirchler in Ekstase während einer Messe in Brasilien (Foto: EVARISTO SA/AFP/Getty Images)

Ort der Ekstase: Pfingstkirchen haben großen Zulauf

Nein, sie bietet plausible Lösungen an, und zwar sehr stark ausgerichtet auf das religiöse Bedürfnis spezifischer gesellschaftlicher Schichten und Gruppen. Die katholische Kirche hat sehr lange gebraucht, um Diversität zuzulassen. Und diese Pfingstbewegung ist gewissermaßen naturwüchsig, vielfältig. Dadurch, dass es etwa keine zentrale Kontrolle gibt über die Produktion religiöser Glaubensweisen, religiöser Lehrmeinungen und religiöser Praxis - also die Frage, ob man im Gottesdienst tanzen kann, ob es erlaubt oder sogar notwendig ist, böse Geister auszutreiben, oder ob jedes Mitglied die Gabe der Heilung hat.

Solche Dinge werden in der katholischen Kirche alle ex cathedra entschieden. Menschen, die da mitmachen, müssen schön vorsichtig sein, weil sie ja den Richtlinien ihrer jeweiligen Bischöfe entsprechen müssen. Das ist in der Pfingstbewegung nicht so. Da macht jeder, was er will. Das macht die Bewegung stark.

Enthusiastische Frömmigkeit, aber auch die hierarchiefreie Religionspraxis lässt die Pfingstbewegung also punkten gegenüber der katholischen Kirche?

Es ist so, dass das religiöse Bedürfnis auf Kompensation aus ist: Leiden soll dadurch kompensiert werden, dass man es wenigstens im Gottesdienst schön hat. Während eine eher politische Ausrichtung der katholischen Basisgemeinden Engagement erfordert - was viele heute kaum noch leisten können, denn der wirtschaftliche Druck und die Chancenlosigkeit in den unteren Schichten hat zugenommen.

Außerdem haben sich prekäre Arbeitsverhältnisse in der sozialen Stufenleiter nach oben fortgesetzt. Heute ist eine Mittelschichtsjob keineswegs mehr so sicher wie vor 30 Jahren. Diesem Druck begegnen die Menschen mit religiöser Praxis - durch sonntägliche Gottesdienste, Mitarbeit in Gebetsgruppen, häuslichen Gebetskreisen, in denen man sich trifft, Probleme der Arbeitswelt bespricht und sich dann überlegt, wie man in der allgemeinen Konkurrenz noch am besten sein Plätzchen findet.

Aktuell läuft die Fußballweltmeisterschaft im Land. Ist Fußball für die Brasilianer so etwas wie eine zweite Religion?

Wäre Fußball eine Religion, dann würde man von Fußball mehr erwarten, als man vom Sport erwarten kann - Dinge zu managen wie zum Beispiel den Tod. Also diesen gesamten Bereich, der jenseits des individuellen menschlichen Lebens liegt. Das ist eigentlich das Hauptgeschäft der Religion.

Professor Heinrich Wilhelm Schäfer, Jahrgang 1955, ist Religionssoziologe und lehrt an der Universität Bielefeld. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Pfingstbewegung in Lateinamerika.

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