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Politik & Gesellschaft

Schächtverbot in den Niederlanden

In den Niederlanden sind Schächtungen seit kurzem verboten. Vor allem Juden sind empört darüber, dass die rituellen Schlachtungen nun nicht mehr ausgeführt werden dürfen.

Bosnische Muslime beim so genannten Schaechten in Sarajevo (Foto: AP)

Marianne Thieme kann es immer noch nicht fassen. Die Fraktionsvorsitzende der "Partei für die Tiere" (PVDD) hat einen großen Sieg erlangt. Als erste Tierpartei der Welt war die PVDD 2006 in ein nationales Parlament eingezogen und hat seitdem zwei der insgesamt 150 Sitze im niederländischen Abgeordnetenhaus inne. Und jetzt hat die PVDD trotz aller Widerstände und Proteste ihren ersten großen Erfolg errungen: Mit 116 Pro- und nur 30 Gegenstimmen wurde Ende Juni das rituelle Schlachten unbetäubter Tiere verboten, das so genannte Schächten. Dabei wird Tieren bei vollem Bewusstsein die Kehle durchtrennt. Denn nach jüdischen und muslimischen Regeln ist Fleisch erst dann koscher oder halal.

Marianne Thieme, Fraktionschefin der Partei für die Tiere (Foto: Partij voor de Dieren)

Marianne Thieme, Fraktionsvorsitzende der "Partei für die Tiere"

Dieses unbetäubte Schächten zu verbieten war das erste große Ziel der PVDD, die sich für die Umwelt und das Wohl der Tiere einsetzt: "Ich bin sehr froh”, sagt Marianne Thieme. "Wir haben für dieses Gesetz drei Jahre lang schwer gearbeitet, und dann ist es einfach fantastisch, wenn am Ende 80 Prozent aller Abgeordneten hinter einem stehen."

Tiere dürfen nicht leiden

In einer ganzen Reihe von Ländern ist das Schächtverbot bereits Realität: in Norwegen, Finnland, Dänemark und Island, in Estland, Österreich, der Schweiz und Neuseeland.

In den Niederlanden war es bisher so wie in Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern geregelt: Zwar war vorgeschrieben, dass Tiere vor dem Schlachten betäubt werden müssen. Doch für halal oder koscheres Fleisch wurde eine Ausnahme gemacht.

Islamischer Metzger in Marseilles (Foto: AP)

Islamischer Metzger in Marseilles in Frankreich

Das ist nun anders geworden: Fortan müssen auch alle muslimischen und jüdischen Metzger ihre Tiere erst betäuben – es sei denn, sie können den wissenschaftlichen Beweis erbringen, dass diese Art des Tötens die Tiere nicht mehr leiden lässt als herkömmliches Schlachten betäubter Tiere. Erst dann, so will es eine Mehrheit der Abgeordneten, kann nun noch eine Ausnahme gemacht.

"Sämtliche Berichte unabhängiger Wissenschaftler bestätigen, dass die Tiere in ihrem Todeskampf alles bewusst miterleben, bis zu vier Minuten dauert ihr Sterben”, erläutert Thieme. "Vier Minuten voller Schmerzen und Todesangst. Wir wollen das rituelle Schlachten nicht verbieten, aber wir wollen, dass auch diese Tiere vorher betäubt werden. Jedes Tier zählt!"

Gesetz ist umstritten

Aber auch wenn die Abstimmung im Parlament eindeutig war: Das neue Gesetz ist äußerst umstritten, selten kam es im Vorfeld einer Abstimmung zu so heftigen gesellschaftlichen Debatten.

Bis zuletzt wurde vor dem Parlament in Den Haag demonstriert. Tierschützer überreichten den Abgeordneten Zehntausende von Unterschriften, Gegner des Schächtverbots schickten Rabbiner ins Rennen, die für Anhörungen im Parlament aus ganz Europa eingeflogen wurden. "Finden Sie eine andere Lösung – Ihrem Land und der Freiheit zuliebe!", rief der englische Ober-Rabbiner Jonathan Sacks den niederländischen Parlamentariern ins Gewissen.

Tierschutz kontra Religionsfreiheit

Für die Gegner ist das Schächtverbot diskriminierend und unverhältnismäßig: Das Ausmaß der Missstände in normalen Schlachthäusern sei viel größer. Das Verbot werde nur dazu führen, dass koscheres und Halalfleisch jetzt aus dem Ausland importiert werde. Zudem verletze das Verbot das Grundrecht der Religionsfreiheit. Das Wohl der Tiere dürfe nicht wichtiger sein als der Mensch – "der steht schließlich über dem Tier", betont Henk Jan Ormel von den Christdemokraten. Sie waren so wie die kleinen calvinistischen Parteien und die muslimischen und jüdischen Verbände im Land gegen das Verbot.

Henk Jan Ormel von der Partei der Christdemokraten (Foto: AP)

Henk Jan Ormel von den niederländischen Christdemokraten

Die muslimische Gemeinschaft in den Niederlanden hat ihre Kräfte jedoch noch nicht gebündelt und ist stark zersplittert. Dadurch fehlte sie in der Debatte und hatte auch keine Lobby, um gegen das Verbot zu protestieren. Die jüdische Lobby hingegen wurde umgehend aktiv – und hat schwere Geschütze aufgefahren.

Im niederländischen Fernsehen musste sich ein Tierschützer von Benoit Wesley, einem jüdischen Unternehmer aus Maastricht, ausschimpfen lassen: "Sie zwingen mich, dieses Land zu verlassen", wetterte der Unternehmer. "Denn Sie lassen es nicht zu, dass ich meinen Glauben ausüben kann. Die geringe Chance, dass ein Tier leiden könnte, ist Ihnen wichtiger", sagte er weiter.

Das Verbot würde älteren jüdischen Mitbürgern Stress und schlaflose Nächte bringen. "Und der Stress der Menschen ist doch wichtiger als der der Tiere", entrüstet sich auch Herman Loonstein, ein bekannter jüdischer Jurist aus Amsterdam. Manche befürchten, dass als nächstes die Beschneidung oder die Bettung der Toten auf den jüdischen Friedhöfen, die für alle Zeiten dort liegen müssen, verboten werden könnte.

Senat entscheidet

Was den Gegnern des Schächtverbots Hoffnung gibt: Im Herbst muss das neue Gesetz noch vom niederländischen Senat gebilligt werden, und dort fallen staats- und vertragsrechtliche Argumente wie etwa das Verletzen von Grundrechten in der Regel stärker ins Gewicht als im Abgeordnetenhaus.

Aber erstens gehören nur 14 der 75 Senatoren einer christlichen Partei an, die sich auf die Religionsfreiheit berufen und dagegen stimmen könnten. Zweitens, so betont auch Marianne Thieme von der "Partei für die Tiere", sei das Grundrecht der Religionsfreiheit kein absolutes. "Die Zeugen Jehovas etwa lehnen aus Glaubensgründen Bluttransfusionen ab, aber bei ihren Kindern dürfen sie das nicht tun: In diesem Falle hat der Staat beschlossen einzugreifen, um die Kinder zu schützen." So gebe es noch viel mehr Beispiele, die zeigten, dass die Religionsfreiheit eingeschränkt werden könne, wenn andere darunter leiden oder zu Schaden kommen könnten – "und dazu", erklärt Thieme, "gehören auch die Tiere."

Autorin: Kerstin Schweighöfer
Redaktion: Christina Beyert