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Wissen & Umwelt

Scalfarotto: "'Sind Sie schwul?' darf keine Frage sein"

Die USA wollen das für Schwule geltende Blutspendeverbot aufheben - unter Auflagen. Italiens offen schwuler Unterstaatssekretär Ivan Scalfarotto fordert im DW-Interview weitreichendere Reformen.

Deutsche Welle: Die US-Lebensmittel- und Arzneiüberwachungsstelle FDA will das generelle Blutspendeverbot für homosexuelle Männer aufheben. Ähnliche Regelungen gibt es auch in anderen Ländern, beispielsweise in Deutschland, Frankreich und Italien. Die FDA will das Verbot in den USA abschwächen und durch eine Richtlinie ersetzen, der zufolge nur noch Männer als Blutspender ausgeschlossen sind, die in den vorausgegangenen 12 Monaten gleichgeschlechtlichen Sex hatten. Ist das ein entscheidender Wandel der bisherigen Praxis?

Ivan Scalfarotto: Um es mal klar zu machen: Nicht bestimmte Menschen an sich stellen ein Risiko da, sondern immer nur deren Verhalten. Auflagen, die ganze Menschengruppen betreffen und nicht deren Verhalten, sind sinnlos. Das HIV-Risiko liegt nun mal im Austausch von Körperflüssigkeiten. Und der kann zwischen Männern und Frauen, Männern und Männern, ja sogar zwischen Frauen und Frauen passieren. Also, die einzig sinnvolle Beschränkung der Blutspende muss auf das Verhalten, nicht auf die sexuelle Orientierung der Spender abzielen.

Auch nach drei Jahrzehnten wird HIV immer noch stark mit der Gay Community in Zusammenhang gebracht. Glauben Sie, dass der US-Vorstoß ein gutes Beispiel auch für andere Länder sein kann, in denen es das Verbot noch gibt – Deutschland, Frankreich, Italien zum Beispiel?

Die Annahme, dass Sex zwischen Männern per se riskanter ist als Sex zwischen Männern und Frauen, stigmatisiert Schwule. Und sie geht am eigentlichen Punkt vorbei: Ein Verbot kann nur auf sexuelles Verhalten abzielen. Dass einige Menschen als Spender gefährlicher sind als andere, ist irrational. Warum sollte die Blutspende eines enthaltsamen schwulen Mannes mit einem größeren Risiko verbunden sein, als die eines sexuell aktiven Heterosexuellen? Wissenschaftlich ist das alles auch längst widerlegt. Es geht da mehr um den politischen Aspekt, dass man glaubt, wenn man eine bestimmte Gruppe an der Blutspende hindert, könne man ein Infektionsrisiko ausschließen. Um es einmal so zu sagen: In der schwulen Community wurde in den vergangenen Jahren viel für gesundheitliche Aufklärung getan. In der Hetero-Community ist das nicht passiert.

Wir wissen, dass die HIV-Rate zuletzt auch unter Heterosexuellen angestiegen ist. Schon deshalb machen solche Ausnahmeregelungen keinen Sinn, weil sie nämlich Heterosexuelle zu der Annahme verführen, sie seien sicher vor HIV, was aber schlicht nicht stimmt. Jeder sollte unabhängig von der sexuellen Orientierung Safer Sex betreiben - das ist das einzig Richtige.

Welche Risiken sind denn damit verbunden, Blutspendeverbote für homosexuelle Männer aufzuheben - egal, in welchem Land?

Wenn Sie zur Blutspende gehen, sollten sie auf ihrem Spenderformular nach ihrem Sexualverhalten gefragt werden. Wenn dort die wirklich entscheidenden Fragen gestellt werden, ist mit der Aufhebung des Spendeverbots kein Risiko verbunden. Es geht doch bei einer Blutspende nur darum, ob die betreffende Person in den vergangenen Wochen durch riskantes Verhalten in Kontakt mit dem Virus gekommen sein könnte.

Das Wichtigste ist, die Leute vor der Blutspende zu fragen, ob sie in letzter Zeit ungeschützten Verkehr hatten. Es ist die Pflicht des medizinischen Personals, genau das herauszufinden. Die Frage darf nicht lauten: "Sind Sie schwul", sondern "hatten Sie in den letzten Monaten ungeschützen Sex?" Es sollte uns nicht interessieren, wer die Menschen sind, sondern was sie getan haben. Um nichts anderes sollte es bei Befragungen gehen.

Ivan Scalfarotto von der Partito Democratico ist Unterstaatssekretär für Verfassungsfragen. Er ist Italiens erstes offen schwules Regierungsmitglied.

Das Gespräch führte Lucia Walton.

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