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Nahost

Saudi-Arabien fürchtet Glaubenskrieg

Nach den Anschlägen gegen zwei schiitische Moscheen wächst in Saudi Arabien die Sorge vor politischen Unruhen. Das Verhältnis zwischen den schiitischen und sunnitischen Bürgern des Königsreichs ist angespannt.

Zu Tausenden gingen sie auf die Straße, protestierten gegen den Terror und den Versuch, das Land auf dem Umweg über die Religion zu spalten. "Vorfälle wie diese werden uns nicht destabilisieren", erklärt

Kronprinz Mohammed bin Nayef

, der zugleich Innenminister des Königtums ist.

Damit drückte er aus, was viele Bürger Saudi Arabiens derzeit umtreibt: die Sorge nämlich, die Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) könnten das Land durch gezielte Aufstände gegen schiitische Einrichtungen an den Rand eines Bürgerkriegs treiben und auf diese Weise destabilisieren.

Am vergangenen Freitag hatte ein Terrorist vor einer schiitischen Moschee in der Stadt Dammam im Osten Saudi Arabiens einen Selbstmordanschlag verübt. Die Bombe, die in seinem Auto explodierte, riss neben ihm drei weitere Menschen in den Tod – unter ihnen zwei junge schiitische Freiwillige, die vor der Moschee patrouillierten.

Einer von ihnen war der Student Abdul-Jalil al-Arbash. Er war für einen kurzen Heimaturlaub aus den USA zurück in sein Land gekommen, und war als freiwilliger Wächter im Einsatz.

Das Attentat war der zweite Schlag gegen eine schiitische Moschee binnen einer Woche. Bereits am Freitag der Vorwoche hatte ein Attentäter in der Stadt Al-Kudaisch mindestens 21 Schiiten getötet. Für beide Taten übernahm der IS die Verantwortung.

Konfessionelle und ethnische Spaltung

Abdul-Jalil al-Arbash, einer der getöteten Wächter (Foto: Haidar Abdullah)

Abdul-Jalil al-Arbash studierte in den USA und wurde während seines Heimaturlaubs Opfer des Anschlags

Der Anschlag löste eine nationale Debatte aus, an der sich auch die Zeitungen beteiligten. Man könne den Anschlag nicht allgemein den Sunniten zur Last legen, schrieb etwa die von einem saudischen Finanzier unterhaltene Zeitung "Al Hayat". "Die Leute, die diese Bomben zünden, sind keine Sunniten, sondern Verbrecher. Durch ihre Taten haben sie sich vom sunnitischen Glauben entfernt."

Auch die Zeitung "Al sharq al-Awsat" fand scharfe Worte für die Tat. "Extremisten versuchen die Bevölkerung auseinander zu treiben. Dies tun sie, indem sie sie nach konfessionellen oder ethnischen Kategorien - und damit nach Gut und Böse - unterscheiden".

Das sei ihnen in Teilen auch gelungen, schreibt die Zeitung weiter: "Die Unterscheidungen haben dazu geführt, dass einige Bürger ihre religiöse Identität für wichtiger halten als die Loyalität zum Heimatland." Das gelte es zu verhindern, schreibt die Zeitung. Und fordert darum, Rassismus und sektiererischen Konfessionalismus unter Strafe zu stellen.

Die rund drei Millionen Schiiten stellen gut 10 Prozent der Gesamtbevölkerung von Saudi-Arabien. Die meisten von ihnen leben im Osten des Landes, am Persischen Golf, wo sich auch die großen Ölvorkommen befinden. Eine weitere Gruppe lebt im Südwesten, an der Grenze zum Jemen.

Das Verhältnis der sunnitischen und schiitischen Bürger Saudi-Arabiens ist nicht ohne Spannungen. Nachdem 1979 im Iran die Mullahs die Macht übernahmen, begehrten auch die Schiiten in Saudi-Arabien wiederholt gegen ihre Staatsführung auf.

Sie forderten mehr kulturelle Rechte und eine größere gesellschaftliche Integration. Im arabischen Revolutionsjahr 2011 gingen sie wieder auf die Straße. Anders als im benachbarten Bahrain kam es aber zu keinem offenen Aufstand.

Proteste nach Anschlag auf schiitische Moschee in Qatif, 23.5. 2015 (Foto: EPA)

Absage an den Extremismus: Trauerzug in Qatif

Die Rolle des Iran

Immer wieder verdächtigt Saudi-Arabien den Iran, das bedeutendste schiitische Land in der Region, hinter den Protesten der saudischen Schiiten zu stehen.

Das schwierige Verhältnis zu dem schiitischen Nachbarn

führt seit langem zu einem teils rüden Umgang des Staates mit seinen schiitischen Bürgern.

"Nur zu oft wurden legitime Proteste der Schiiten von Riad als vom Iran inszenierte Aufstände dargestellt", schreibt das mit der politischen Entwicklung des Nahen Ostens befasste Internet-Magazin "Al-Monitor". Im Oktober 2014 wurde Nimr al-Nimr, der bedeutendste schiitische Prediger in Saudi-Arabien, zum Tode verurteilt.

Die Behörden warfen ihm Anstiftung zum Aufruhr, Volksverhetzung, Vandalismus und mangelnden Gehorsam vor. Dabei hatte er immer zu Gewaltlosigkeit aufgerufen.

Auf der anderen Seite verweisen saudische Autoritäten auf konkrete Fälle schiitischen Terrors im Königreich. So riss im Juni 1996 eine Bombenexplosion vor einem achtstöckigen Wohnhaus in der Stadt Kobar 19 dort lebende US-Soldaten in den Tod. Knapp 500 Menschen wurden bei der Explosion verwundet. Später machte ein US-Gericht Iran und Saudi-Arabien für den Anschlag verantwortlich.

"Terror made in Saudi Arabia"?

Symbolbild Twitter Saudi-Arabien

Medium der Jugend: Twitter in Saudi Arabien

In dieser Atmosphäre haben die Vorbehalte auf beiden Seiten zugenommen. "Radikale sunnitische Propaganda gegen den Iran und die Schiiten ist in Saudi-Arabien weit verbreitet, oft mit dem Segen führender (sunnitischer) Kleriker", schreibt "Al-Monitor". Umgekehrt warfen schiitische Aktivisten Teilen der Sunniten vor, für den Terror unmittelbar verantwortlich zu sein. Die Terrororganisation IS sei "made in Saudi Arabia", twitterten Aktivisten nach dem Anschlag vom 22. Mai.

Der Protestzug gegen die Attentate richtete sich nicht nur gegen den dschihadistischen Terror. Er war auch ein Versuch, das Misstrauen und die gegenseitigen Anfeindungen zwischen den beiden konfessionellen Gruppen des Landes zu überwinden. Die Aussöhung sei unumgänglich, schreibt die Zeitung "Al Hayat". "Ansonsten greift der Extremismus auf die wichtigste Säule des Landes über: die Jugend."

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