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Wirtschaft

Sauberer Strom vom Schraubenpapst

Eigentlich ist der Würth-Konzern bekannt für seine Schraubenproduktion. Doch er investiert in den Bau einer der modernsten Solarzellen-Produktionsstätten der Welt. Das fanden auch die Chinesen interessant.

Der neue Südbahnhof in Peking, Quelle: DW

Pekings Bahnhof - ausgestattet mit deutscher Technologie

Karl-Heinz Groß, der Geschäftsführer von Würth Solar, Quelle: DW

Karl-Heinz Groß, der Geschäftsführer von Würth Solar

Gelbe Transportwägelchen sausen wie von Geisterhand gesteuert auf Schienen durch die Solarzellenfabrik in Schwäbisch Hall, einer 40.000-Einwohnergemeinde nahe Stuttgart. Die Wägelchen bringen Solarzellen von einer Maschine zur Nächsten. Am Halleingang nehmen sie das Rohmaterial auf und transportieren es bis ans Ende der Produktion. Dort werden die fertigen Solarzellen verpackt. Alles blitzt, blinkt und riecht nach Hightech in der vollautomatisierten Produktionshalle. Hier hat der Unternehmensgründer Reinhold Würth 55 Millionen investiert, um nahe seines Stammsitzes eine der modernsten Solarzellenfabriken der Welt zu bauen.

Vom Fensterglas zur Hightech-Solarzelle

Diese Hightech-Produktion scheint verblüffend einfach: Viereckige Glasscheiben werden durch den Halleneingang gebracht. Roboter stapeln das Glas auf ein Fließband, 24 Stunden am Tag. Im ersten Arbeitsschritt kommen die Glasscheiben in eine überdimensionale Waschmaschine. Lupenrein wird dort der Schmutz entfernt. Dann werden sie zu einer Art Spiegel weiterverarbeitet, um von gelben Transportwägelchen anschließend ins Herz der Anlage gefahren zu werden. Hier werden unterschiedliche Metalle auf den Spiegel gedampft, der Halbleiter entsteht.

Würth-Solarzellen, Quelle: DW

Würth-Solarzellen sind nicht blau, sondern schwarz

Im Halbleiter der Solarzelle wird das Sonnenlicht später in elektrische Energie umgewandelt. Bei über 90 Prozent aller weltweit produzierten Solarzellen ist das Ausgangsmaterial dafür Silizium. Bei Würth dagegen betritt man Neuland - ganz bewusst: Hier werden siliziumfreie Solarzellen gebaut, der Ersatz sind die drei Metalle Kupfer, Indium und Diselenid. Nach diesen Metallen ist dann auch die Solarzelle getauft, kurz CIS-Solarzelle. "Das ist das Herz unserer Fertigung und das Herz unseres Knowhows", sagt Karl-Heinz Groß, der Geschäftsführer von Würth-Solar. Mit einem zufriedenen Lächeln greift er nach einer funkelnden Solarzelle am Ende der Produktionslinie - eine von rund 320.000 Stück im Jahr.

Der Peking Coup

5200 dieser Solarzellen hat er zu Olympia nach Peking verkauft - ein spektakulärer Erfolg für Würth: Am 4. August wird, gerade noch rechtzeitig zu den Wettkämpfen, der neue Pekinger Südbahnhof eingeweiht - und auf dem Dach thronen die Solarzellen vom Schraubenpapst. "Der Bahnhof liegt wie eine überdimensionale Schildkröte da und die Bahngleise gehen von rechts nach links durch den Körper der Schildkröte. Der Panzer, genau auch in dieser Neigung und Form, ist mit Würth-Solarzellen belegt“, sagt der Marketing-Leiter von Würth Solar Timo Bauer stolz. So wird auf dem neuen Bahnhofsdach Strom produziert und ganz nebenbei spenden die Würth-Solarzellen auch noch Schatten für tausende geplagte Großstadt-Bahnfahrer. Das erlaubt, die Klimaanlage runter zu drehen.

Vor allem die speziellen Eigenschaften der Würth Solarzellen dürfte die Bauherren des nach eigenen Angaben größten Bahnhofs Asiens überzeugt haben: Während über 90 Prozent aller Solarzellen durch den Halbleiter Silizium blau sind, kommen die Würth-Zellen funkelnd schwarz aufs Dach. "Es sieht ein bisschen wie ein schwarzer Nadelstreifenanzug aus", meint Geschäftsführer Groß. Technisch sticht vor allem eine Besonderheit hervor, die an stickig, heißen und Smog trüben Pekinger Sommertagen nützlich sein kann: Die CIS-Zellen arbeiten auch bei über 40 Grad Umgebungstemperatur noch auf Hochtouren und selbst bei diffusem Licht können sie noch eine hohe Energieausbeute garantieren. Silizium-Zellen machen da oft schon schlapp.

Das erste Treffen mit den chinesischen Kunden kam bei einer Solarmesse zustande, eine dreiköpfige Delegation stand vor Marketing-Leiter Timo Bauer. "Die Messe war freitags zu Ende und dienstags kam dann ein Anruf zu uns nach Schwäbisch Hall: 'Wir steigen morgen in den Flieger und wären dann übermorgen bei euch, damit wir über das Projekt sprechen können!'", erinnert er sich.

Der neue Südbahnhof in Peking, Quelle: DW

Würth-Solarzellen: Funktionieren auch noch bei über 40 Grad

Wie das Großprojekt aussehen könnte, davon hatten die Vertreter der Baufirma aus Südchina bereits sehr konkrete Vorstellungen. Sogar Baugenehmigungen gab es schon - und eine fertige Computer-Simulation. Darin zu sehen: Die Bahnhofsdecke, ein Schachbrett aus Glas und schwarzen Würth-Solarzellen. Zur Olympiade wird diese Simulation Wirklichkeit - und bis zur letzten in Peking montierten Solarzelle wird in Schwäbisch Hall mitgefiebert. Und ganz nebenbei wird auch schon an neuen Plänen geschmiedet. Getragen auf der Olympia-Welle wollen die Schwaben weiter expandieren, und zwar nicht nur nach China, sagt Würth Solar Chef Groß: "Wir möchten auch in Amerika oder nahe dem Äquator eine oder mehrere Fabriken haben."

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