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Alltagsdeutsch – Podcast

Saterfriesisch

Fast wäre Saterfriesisch in Vergessenheit geraten. Doch ein amerikanischer Professor hat die Menschen ermutigt, die Sprache wieder zu sprechen. Jetzt wird die Minderheitensprache sogar in der Schule unterrichtet.

Audio anhören 15:34

Saterfriesisch

Pfarrer Moormann:

"Das Lied zur Eröffnung – Lijd bi de eipeninge. Gott to Ehren wi di ... und so weiter. Dann die Begrüßungsworte: jowe Beitene, jowe Christe."

Sprecherin:

Hubert Moormann ist Pfarrer im Saterland, der laut Guinness-Buch kleinsten Sprachinsel Europas. 2.000 der 13.000 Bewohner des norddeutschen Landstrichs zwischen Leer und Cloppenburg sprechen noch Saterfriesisch. Pfarrer Moormann gehört nicht dazu, er ist mit Plattdeutsch aufgewachsen. Doch er kennt Saterfriesisch aus Abendkursen, und gelegentlich bereitet er die Messe in der Muttersprache seiner Gemeinde vor. Nachbarin Maria Hüntling hilft ihm dabei.

Pfarrer Moormann:

"Und am Schluss sagt der Pastor: derum lofje und erje wi di den Skipper und Reker von allen Reften do Jesus Christus. Amen. Gut so?"

Maria Hüntling:

"Dat gongt ja goat. Ne, dat klappt gaud."

Sprecherin:

Dass Moormann die saterfriesische Messe mit gedruckten Texten üben kann, ist nicht selbstverständlich. Die Saterfriesen sprechen ihre Sprache, aber sie schreiben sie nicht. Moormann allerdings hat auch dafür einen Helfer.

Pfarrer Moormann:

"Dies hat alles der Professor Fort übertragen. Dem hab ich den deutschen Text zugeschickt, der hat das dann übersetzt. Und der kennt sich auch aus, der kennt all die friesischen Arten, die stehen in seinem Lexikon, die hat er alle aufgezählt, Altfriesisch, Neufriesisch, Westfriesisch, Ostfriesisch, Nordfriesisch."

Marron Fort:

"Der letzte Rest der ostfriesischen Ursprache, und wenn wir die Sprache nicht aufgezeichnet hätten, wäre das ein sehr großer Verlust für die germanische Philologie überhaupt."

Sprecherin:

Marron Fort, von den Einheimischen nur "Professor" genannt, ist Sprachwissenschaftler und akademischer Oberrat an der Universität Oldenburg. Seit 1976 erforscht Marron Fort das Saterfriesische. Selbst Muttersprachler dürften die Sprache nicht so gut kennen wie er, der Zugereiste. Dass ausgerechnet Fort es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das vom Verschwinden bedrohte Saterfriesisch zu dokumentieren, ist ebenso ungewöhnlich wie die Aufnahme des Saterlands ins Guinness-Buch der Rekorde. Fort stammt aus dem US-Staat New Hampshire - und Fort ist schwarz.

Marron Fort:

"Mein erster Deutschlehrer war Rittmeister im ersten Krieg, ich war der einzige Nicht-Deutschstämmige in der Klasse und der Beste in Deutsch, und er sagte immer zu mir: "Fort, wir werden einen Preußen aus dir machen, aufs Aussehen kommt es nicht so genau an."

Sprecherin:

Fort ist heute 64 Jahre alt, ein Schrank von einem Mann, mit Redetalent reichlich gesegnet. Preußische Disziplin sagt man ihm tatsächlich nach. Fast drei Jahrzehnte verwandte er darauf, das Saterfriesische zu dokumentieren, in mühsamer Kleinarbeit.

Marron Fort:

"Ich sollte eigentlich klassische Philologie in Harward studieren, hab ich aber nicht getan. Mein Professor für Barockliteratur hat mich überzeugt, Germanist zu werden."

Sprecherin:

Da er sich entschieden hatte, Germanistik zu studieren, ging er nach Deutschland, zunächst als Student, später als Austauschlektor. Schließlich entschied er sich, seine Doktorarbeit in Deutschland zu schreiben.

Frau:

"Langsam, Alwin! Tiet genug! Ohne Wagen, wie kommt das denn? Geit?"

Sprecherin:

Fort, längst deutscher Staatsbürger, lebt seit 1985 mit seiner Frau Ute im ostfriesischen Leer. Von dort hat er es nicht weit in sein Forschungsgebiet, das Saterland.

Heinrich Kröger:

"Hallo alter Friese. Wie ist dat mit deiner Ute? Will nicht immer so, ne?"

Sprecherin:

Fort ist zu Besuch bei dem pensionierten Maler- und Lackierermeister Heinrich Kröger, 82. Unterwegs hat er im Nachbardorf den früheren Schachtmeister Alwin Pahl samt Rollstuhl in sein Auto geladen. Pahl ist schon 85. Die drei Männer sind ein eingespieltes Team.

Marron Fort:

"Herr Pahl und Herr Kröger waren von der ersten Stunde dabei in der ein oder anderen Form, und dann haben wir in Scharrel noch drei, vier Leute gehabt, die mitgearbeitet haben, ganz intensiv. Das will nicht jeder, nicht jeder hat soviel Verständnis für seine eigene Sprache, dass er bereit ist, das zu unterstützen oder das er sich nicht als Lachnummer betrachtet."

Heinrich Kröger:

"Das ist eine toternste, bitterernste Sache."

Sprecherin:

Um eine Sprache zu retten, muss man sie zunächst einmal dokumentieren. Das heißt zum Beispiel den Wortschatz erfassen. Fort erstellte Tausende von Seiten mit Wörterlisten und übersetzte sie mit Hilfe seiner Informanten. 35.000 saterfriesische Wörter hat er im Laufe der Jahrzehnte aufgezeichnet. Fort brachte es mitunter auf eine 90-Stunden-Woche, denn neben seiner Forschung betreut er an der Universität Oldenburg auch noch die plattdeutsche und saterfriesische Bibliothek. Mit seinen Informanten aus dem Saterland arbeitete er häufig bis in die Nacht hinein. Die meiste Unterstützung fand er bei der älteren Generation, Männern wie Heinrich Kröger und Alwin Pahl, die noch unverfälschtes Saterfriesisch sprechen.

Heinrich Kröger:

"In ganz oolden Tieden rate et hier in Skäddel un uk in gans Seelterlound neen Moalere. Älkuneen hielt sein Huus särm ap Stede. Timmerlfüde häd et wisse alleer raat. Wo et mär ju Moaleräi toufane was, deer weet man gucht min uur."

Sprecherin:

Heinrich Kröger, der frühere Malermeister, hat ein kleines Stück über das Anstreichen im Saterland verfasst. Solche Texte sind wichtig, damit später auch Sprachfremde begreifen, in welchem Zusammenhang bestimmte saterfriesische Wörter zu gebrauchen sind. Selbst nach Jahrzehnten macht Marron Fort noch Entdeckungen.

Marron Fort:

"Queds tu für rühre von rürje o reujeje? Reujeje. Ich hab gefragt, weil ich die Form "reuije" gut kenne, und ich hab gefragt, ob die ein zweites Wort dafür kennen, für rühren, reujeje ist auch niederdeutschen Ursprungs, aber roijejej ist verbreiteter in Saterland."

Sprecherin:

Fort stellte ein Wörterbuch für das Saterfriesische zusammen. Außerdem zeichnete er mündlich überlieferte Volkserzählungen auf und entwickelte Regeln für die Rechtschreibung. Seine wohl wichtigste Arbeit war, ein bleibendes Dokument der Sprache zu schaffen: eine Übersetzung des Neuen Testaments.

Marron Fort:

"Sehr oft sind plattdeutsche Bibelübersetzungen grob. (Er nennt ein Beispiel auf Saterfriesisch und übersetzt dann) Und das ist nicht gut, "Er hat diese Pharisäer, diese Scheißkerle aus dem Tempel geworfen". Es ist grob gelegentlich, und um volkstümlich zu wirken. Das wollte ich für das Saterfriesische nicht, das ist sowieso keine grobe Sprache. Es gibt nicht so viele Kraftausdrücke. Das war wahnsinnig, drei Jahre meines Lebens hab ich da rein gesteckt, aber es musste auch."

Sprecherin:

Drei Jahre seines Lebens hat Fort für die Übersetzung des Neuen Testaments geopfert. In der Endphase der Arbeit litt er an einer schweren Augenkrankheit. Er hätte blind werden können, aber er machte weiter. Pflicht ist Pflicht, sagt Fort, der sich selbst als Calvinisten bezeichnet. Eine Art Missionar ist er obendrein. Jedenfalls hatte er eine wichtige Botschaft für die Saterfriesen.

Marron Fort:

"Wenn man germanische Philologie studiert, passiert es immer wieder, dass ein Professor tränenblind sagt: Die Wikinger haben die alten nordhumbrischen Handschriften als Klopapier benutzt oder die Mönche in den Klöstern im 10. und 11. Jahrhundert hatten gotische Handschriften und haben die ausradiert und benutz für diesen oder jenen lateinischen Wisch. Und dann haben wir diese Sachen verloren. Und ich dachte mir, wir haben genau die gleiche Situation jetzt mit dem Saterfriesischen, dass eine Sprache untergeht, ohne dass jemand etwas macht."

Sprecherin:

Gut ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Fort die Saterfriesen anlässlich der Neugründung des Heimatvereins Seelter Bund aufrief, ihre Sprache zu bewahren. Sein alter Freund Heinrich Kröger erinnert sich noch gut an diese Versammlung.

Heinrich Kröger:

"Marron, die erste Zusammenkunft steht hier, Sonderschuldirektor Hans Kramerrief auf: Dort ist Dr. Marron Fort, USA, zur Zeit Lockward. Und da haben wir uns kennen gelernt. Da kam ich ein bisschen spät, da saß praktisch schon alles, und da vorne am Tisch saß so’n bisschen Dunkler. Ich hatte schon von ihm gehört und dachte, das könnt er wohl sein."

Sprecherin:

Die Versammlung war ein Neuanfang. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Hochmoore um das Saterland abgetorft worden, und der Zeitgeist hatte Einzug gehalten. Die Saterfriesen fanden ihre eigene Muttersprache hinterwäldlerisch. Doch nun besannen sie sich wieder auf ihre Traditionen. Dass sich ein Wissenschaftler aus dem fernen Amerika die Mühe machte, ihre Sprache aufzuzeichnen, machte Eindruck.

Alwin Pahl:

"Da kommt ein Amerikaner und der muss uns das Saterländische beibringen wieder. Wir waren ja am Absterben, jetzt in der Schule wird das wieder gelernt."

Lehrerin:

"Da kon wi ja nu sefs anfange, Manon bis du och so wit? Gauden Dei!"

Schüler:

"Gauden Dei Kosta."

Lehrerin:

"Wie gungt ju det?"

Schüler:

"Gaud."

Lehrerin:

"Det is ja fein, frau yi ok al auf Muttertag?"

Schüler:

"Yeee."

Sprecherin:

Noch in den 70er Jahren glaubten viele Eltern, es schade ihren Kindern, mit Saterfriesisch statt mit Hochdeutsch aufzuwachsen. An einer Schule in der Gemeinde Stücklingen baten Lehrer die Eltern sogar, zu Hause kein Saterfriesisch mit ihrem Nachwuchs zu sprechen, weil die Kinder sonst Probleme bekommen könnten. Marron Fort, selbst in rund einem halben Dutzend Sprachen zuhause, versicherte den Eltern immer wieder, dass Zweisprachigkeit die Sprachintelligenz eines Kindes sogar fördern kann. Seine Worte fanden offene Ohren. Saterfriesisch wird heute an mehreren Schulen als freiwilliges Zusatzfach unterrichtet.

Schülerin:

"Ick hete Luisa und wohn ok in Rummels und wo hats du."

Schülerin:

"Ick hete Nina und wohe ok in Rummelse."

Sprecherin:

Lehrerin in der 2. Klasse der Ramsloher Grundschule ist Johanna Evers. Sie ist mit Saterfriesisch aufgewachsen, hat es aber erst als 17jährige aktiv zu sprechen begonnen, als sie Kollegen traf, mit denen sie sich in ihrer Muttersprache unterhalten konnte. Im Schulunterricht musste sie seinerzeit Hochdeutsch sprechen - ausschließlich. Jetzt setzt sie sich dafür ein, dass ihre Schüler wählen können. Für die Lehrerin bedeutet das mehr Arbeit.

Johanna Evers:

"Es gibt überhaupt keine Schulbücher, wir sind mit drei hauptamtlichen Kolleginnen und haben jetzt im Laufe von fünf, sechs Jahren sehr viel Material zusammen getragen, und wenn wir einen deutschen Begriff haben und nicht wissen, wie heißt der noch auf Saterfriesisch, dann ist das richtige Recherchearbeit, den dann heraus zubekommen."

Sprecherin:

Johanna Evers kennt Marron Fort unter anderem von den Sitzungen des Seelter Bunds.

Johanna Evers:

"Er unterstützt uns ganz sicher. Ich würde trotz allem sagen, ohne ihn könnten wir überhaupt nicht arbeiten, denn er hat im Grunde doch ein System geschaffen, wie man die saterfriesische Sprache mit ihren sehr vielen Vokalen, ich glaube an die 30 haben wir, wie man das überhaupt schreiben kann, verschriftlichen kann in einer einigermaßen guten Systematik. Und er hat das Wörterbuch geschrieben natürlich, Saterfriesisch – Deutsch. Aber wenn wir das nicht hätten, könnten wir überhaupt nicht arbeiten."

Marron Fort:

"Siep, Sap siepke, Wanner wolt du riepje, Touken Moai, touken Moai, wan die Fugel lait’n Oai. Ätter’n kute Tied, here wie uut Nääst Piep piep piep, un dan bääst du riep..."

Sprecherin:

Schulunterricht alleine reicht also nicht. Schon die Kleinsten sollen ihre Muttersprache hören und sprechen, sagt Marron Fort. In der Familie, in der Nachbarschaft, im Kindergarten. Mehrere Einrichtungen haben deshalb ehrenamtliche Helferinnen engagiert. Ausgelacht werden die Saterfriesen längst nicht mehr. Sie sind sogar offiziell anerkannt, als Vertreter einer europäischen Minderheitensprache. Marron Fort hat wesentlich dazu beigetragen, dass Saterfriesisch in die Charta des Europarats aufgenommen wurde. Mit Brüssel im Rücken hat auch der Gemeinderat Initiative gezeigt: Seit dem Jahr 2000 haben vier Dörfer der Gemeinde Saterland zweisprachige Ortsschilder. Mancher Saterfriese – und manche Saterfriesin ist inzwischen mächtig stolz auf die Muttersprache.

Lied "Seelter Laid"

Sprecherin:

Die Hymne des Saterlands, gesungen vom Seelter Frauenchor, Durchschnittsalter deutlich über 50. Heinrich Kröger, der frühere Malermeister, hat die CD in seiner Sammlung. Viele Texte stammen von Gesina Lechte-Siemer, der über 90-jährigen Heimatdichterin. Den Geschmack der Kids dürfte diese Art Musik kaum treffen. Trotzdem finden viele Jüngere das Saterfriesische wieder cool. Es mache Spaß, eine Sprache zu sprechen, die andere nicht verstehen. Außerdem ist das Saterfriesische selbst Musik, wenn man Marron Fort glauben darf: Es besitzt an die 40 Vokale und Doppellaute. Dass Marron Fort diese Sprache liebt wie seinen Bach, seinen Beethoven oder Duke Ellington liegt auch aus einem anderen Grund nahe. Friesisch und Forts Muttersprache Englisch sind nahe verwandt.

Marron Fort:

"Die so genannte Säureprobe ist immer, wenn es das Wort im Englischen und im Saterfriesischen gibt, aber nicht im Plattdeutschen - dann ist es immer super Selters."

Heinrich Kröger:

"Da haben die Engländer die Sprache von uns gelernt."

Marron Fort:

"Wenn die Engländer uns nicht hätten, könnten sie dahinten gar nicht reden..."

Fragen zum Text

Marron Fort hat es sich zur Aufgabe gemacht, …

1. Englisch zu unterrichten.

2. Saterfriesisch zzzzzzu erhalten.

3. Französisch zu lernen.

Fort stellte … für das Saterfriesische zusammen.

1. einen Atlas

2. ein Wörterbuch

3. ein Geschichtsbuch

Im Saterfriesischen gibt es nicht so viele …

1. Kraftausdrücke.

2. Kosenamen.

3. Feinheiten.

Arbeitsauftrag

Kennen Sie schon den Dialektatlas der Deutschen Welle? Gehen Sie auf die Internetseite www.dw-world.de/dialektatlas. Sie erreichen den Dialektatlas auch über den unten angehängten Link. Suchen Sie die Rubrik Saterfriesisch. Dort finden Sie das Audio, den Text und die Übersetzung von dem Lied "Seelter Laid". Hören Sie sich das Lied an und lesen Sie den Text mit. Welche Worte kommen Ihnen bekannt vor, welche Worte sind Ihnen unbekannt? Versuchen Sie zu verstehen, worum es in dem Lied geht und vergleichen Sie anschließend den Text des Liedes mit der hochdeutschen Übersetzung.

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