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Kultur

SARS und kein Ende

Nach massiver Kritik an der Vertuschung von SARS hat China am Sonntag (20.4.) den Gesundheitsminister und den Pekinger Bürgermeister entlassen. Realistischere Zahlen und mehr Wissen über die Krankheit helfen aufklären.

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Ob Tai Qi gegen SARS hilft?

Die personellen Konsequenzen lassen den Unmut der politischen Führung über den zögerlichen Umgang mit der Krankheit erkennen, der international scharfe Kritik ausgelöst hatte. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei enthob Gesundheitsminister Zhang Wenkang sowie Pekings Bürgermeister Meng Xuenong zunächst ihrer Parteiämter, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Dem Schritt folgt zwangsläufig auch der Verlust des Regierungsamtes.

Nachfolger als Gesundheitsminister wird voraussichtlich Gao Qiang, der neuer Parteichef des Ministeriums wurde. Er sprach von "größeren Schwächen" im Umgang mit der Krankheit. Das Ministerium sei schlecht vorbereitet gewesen. Das Kontrollsystem für Epidemien sei schwach, was zu dem starken Anstieg der Fälle in Peking beigetragen habe. Das Ministerium habe versäumt, rechtzeitig ein System zur Berichterstattung einzuführen.

Neue Zahlen und Ferienverbot

"Wir müssen Lehren ziehen", sagte der Vizeminister, der schon die Verantwortung für den Kampf gegen SARS übernommen und die Untersuchung in Peking geleitet hat. Er enthüllte drastisch höhere Zahlen für das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS): In Peking seien nicht 37, sondern vielmehr 346 Menschen infiziert. Hinzu kämen 402 Verdachtsfälle. Landesweit sind in China damit mehr als 1800 Menschen erkrankt. Die Zahl der Toten stieg um 12 auf 79. In Hongkong, das neben China am stärksten betroffen ist, starben erneut sieben Patienten. Die Zahl der Toten in der Hafenmetropole stieg auf 88. 1380 Menschen erkrankten dort.

Aus Angst vor einer Verbreitung durch Millionen von Reisenden strich Chinas Regierung die Ferien über die Maifeiertage, die "Goldene Woche". Im Vorjahr waren in dieser Zeit 70 Millionen Chinesen unterwegs gewesen. Die Vizeminister rechnete mit "enormen Verlusten" für die Tourismusindustrie. "Das Leben der Menschen ist wichtiger", betonte Gao Qiang jedoch.

Die Krankheit hat sich inzwischen in elf Provinzen, autonomen Regionen und Metropolen der Volksrepublik verbreitet. Der Vizeminister kündigte an, künftig täglich neue Zahlen vorzulegen. Auch würden die Patienten in Militärkrankenhäusern mitgerechnet. In einer Reaktion sagte das deutsche Mitglied des Untersuchungsteams der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Virologe Wolfgang Preiser: "Das kommt der Wahrheit schon näher. Wir hoffen, es ist eine genaue Zahl." Die Angaben lägen etwa in dem erwarteten Rahmen.

Todesrisiko neu berechnet

Das Todesrisiko für SARS-Patienten ist nach Ansicht eines amerikanischen Wissenschaftlers unterdessen deutlich höher als bislang angenommen. Nach Berechnungen von Henry Niman, einem Mitarbeiter des Instituts für Bioingenieurwesen an der Universität Harvard, liegt die Todesrate in Hongkong über 18 Prozent. Offiziell wird sie mit fünf Prozent angegeben. Der US-Wissenschaftler hält die bisher angewandte Formel zur Berechnung der Todesrate für falsch, wie er in einer E-Mail an Ärzte und Journalisten in aller Welt erläutert.

Die Behörden setzten die Zahl der SARS-Opfer zur Zahl aller Krankheitsfälle in Bezug. Dadurch ergibt sich beispielsweise für Hongkong, wo bis Sonntag 88 von insgesamt 1.358 Erkrankten starben ,eine Todesrate von sechs Prozent. Über 900 der Patienten liegen jedoch noch im Krankenhaus, weitere Todesfälle sind also wahrscheinlich. Niman zufolge müsste die Zahl der Opfer deshalb in Bezug gesetzt werden zu all denjenigen Patienten, deren Schicksal schon bekannt ist, die also entweder gestorben oder geheilt sind. Nach dieser Berechnungsweise ergebe sich eine Todesrate von 18,2 Prozent für Hongkong und Kanada, von13,8 Prozent für Singapur, 9,8 Prozent für Vietnam und 5,4 Prozent für das chinesische Festland.

Die Bilanz (Stand 20. April 2003)

Möglicherweise aus Angst, dass die WHO nach der Südprovinz Guangdong auch für Peking eine Reisewarnung ausspricht, waren viele Fälle in der Hauptstadt nicht offen gelegt worden. Unter den jetzt bestätigten 346 SARS-Patienten sind auch fünf Ausländer. Vier sind unter den 402 Verdachtsfällen. 18 Patienten sind in Peking gestorben. Der Vizeminister warnte vor weiteren Verschleierungen der Krankheit im Lande und drohte mit hohen Strafen. Außer in Peking und der stark betroffenen Südprovinz Guangdong (1304) sind SARS-Fälle auch in den Provinzen Shanxi (108), Innere Mongolei (25), Guangxi (12), Hunan (6), Sichuan (5), Fujian (3),Henan (2), Ningxia (1) und der Stadt Schanghai (2) berichtet worden. 1165 Patienten hätten die Krankheit überstanden und seien bereits wieder aus den Krankenhäusern entlassen worden. (arn)

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