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Deutschland

Sarrazin verlässt freiwillig die Bundesbank

Der umstrittene Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin gibt seinen Posten auf. Sarrazin bat Bundespräsident Christian Wulff um die Auflösung seines Vertrags.

Thilo Sarrazin, Archiv (Foto: dpa)

Bald kein Bundesbänker mehr

"Mit Blick auf die öffentliche Diskussion werden die Beteiligten ihre Zusammenarbeit zum Monatsende einvernehmlich beenden", teilte die Bundesbank am Donnerstagabend (09.09.2010) in Frankfurt am Main mit.

Im Schloss Bellevue zeigte man sich erleichtert. Bundespräsident Wulff begrüßte die Entscheidung. "Der Bundespräsident wird dem Antrag von Herrn Doktor Sarrazin entsprechen", erklärte Präsidentensprecher Olaf Glaesecker.

Sarrazin will sich nicht mit politischer Klasse anlegen

Sarrazin selbst sagte am Donnerstagabend, er habe in den vergangenen 14 Tagen "massiven Druck" gespürt. "Das war für mich nicht einfach." Er habe sich überlegt, ob er es sich leisten könne, sich "mit der gesamten politischen Klasse in Deutschland anzulegen". "Diese Situation hält auf Dauer keiner durch", sagte Sarrazin. Jetzt könne er noch auf vielen Veranstaltungen auftreten, ohne dass man sage, da spreche ein Bundesbankvorstand.

Sarrazin hatte mit seinen umstrittenen Thesen zur Integrationsfähigkeit von Ausländern für Aufruhr gesorgt. In der hitzigen Debatte über sein Buch "Deutschland schafft sich ab" hatte er vor einer Überfremdung Deutschlands durch weniger intelligente Ausländer gewarnt. Er hatte zudem davon gesprochen, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen. In Umfragen hatte der umstrittene Banker viel Zustimmung, aus den polititschen Parteien aber zumeist kräftige Kritik bekommen.

Sarrazin liest unter Protesten

Sarrazin spricht (Foto: dpa)

Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin stellt in Potsdam im Nikolaisaal sein Buch vor

Zum Auftakt seiner bundesweiten Lesereise wurde Sarrazin am Donnerstag in Potsdam mit lautstarken Protesten empfangen. Im ausverkauften Nikolaisaal las der ehemalige Berliner SPD-Finanzsenator vor etwa 700 Gästen aus seinem umstrittenen Buch. Das Publikum im Saal empfing den 65-Jährigen überwiegend freundlich, einige jubelten und begrüßten den Redner mit Applaus.

Vor dem Gebäude protestierten dagegen zahlreiche Menschen unter dem Motto "Keine Toleranz gegen Rassisten" gegen Sarrazin. Mit seinen Äußerungen über Einwanderer hatte er bereits bundesweit Proteststürme ausgelöst. "Ich und viele meiner Kollegen haben Wut im Bauch", sagte ein Berliner, der vor 25 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen war und seitdem bei Siemens arbeitet. "Sarrazin schafft sich ab" stand auf einem Transparent an der Fassade eines Nachbarhauses.

Verbalattacken

Der studierte Diplomvolkswirt Sarrazin wurde im Januar 2002 Finanzsenator in Berlin. Schon damals ging er immer wieder mit drastischen Worten an die Öffentlichkeit. Zur "Grundmentalität" der Berliner sagte er kurz nach seinem Amtsantritt: "Nirgendwo sieht man so viele Menschen, die öffentlich in Trainingsanzügen rumschlurfen, wie in Berlin." Im September 2003 sagte er zur öffentlichen Reaktion auf höhere Gebühren für Kindertagesstätten: "Es wird so getan, als ob wir Kinder ins Konzentrationslager schicken." Nach heftiger Kritik entschuldigte er sich.

Kurz nach seinem Amtsantritt im Vorstand der Deutschen Bundesbank erschien im Mai 2009 ein Interview, in dem er sagte, die Politik müsse dafür sorgen, dass nur diejenigen Kinder bekommen, die "damit fertig werden". Zudem warnte er: "Man muss den Leuten sagen: Glaube keinem Bankberater." Die Bundesbank distanzierte sich von Sarrazins Worten.

SPD will öffentliche Debatte mit Sarrazin

Sigmar Gabriel, Archiv (Foto: dpa)

SPD-Chef Gabriel

Die Sozialdemokraten wollen nach dem Rücktritt Sarrazins als Bundesbankvorstand eine öffentliche Debatte mit ihrem Mitglied über seine Integrationsthesen führen. Niemand in seiner Partei habe vor, mit Sarrazin im Zuge des Parteiausschlussverfahrens hinter verschlossenen Türen "kurzen Prozess zu machen", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel im Zweiten Deutschen Fernsehen. Sarrazin müsse im Zuge der Diskussion sagen, ob er "diese Eugenikdebatte" aufrecht halte oder nicht. Davon werde die Entscheidung über den Parteiausschluss abhängen.

Autor: Oliver Samson (dpa, rtr, afp)
Redaktion: Susanne Eickenfonder/ Martin Schrader

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