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Deutschland

Sarajevos Großmufti mahnt in Berlin

Einer der einflussreichsten islamischen Geistlichen des Kontinents hat die Europäer zu mehr Offenheit im Umgang mit Muslimen aufgefordert. Sein Auftritt machte erneut rechtliche Schwierigkeiten deutlich.

Mustafa Ceric, scheidendes Oberhaupt der Islamischen Gemeinde von Bosnien-Herzegowina, betonte bei einer Veranstaltung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung die lange Tradition des Islam in seiner Heimat. Es seien "indigene, autochtone Muslime" mit westlichem Denken und östlichem Geist. "Ich bin loyaler Europäer, ich bin hier geboren und liebe Europa." Ceric erinnerte an den Westfälischen Frieden von 1648, erwähnte nebenbei auch mal Platon, Sokrates - oder den zeitgenössischen deutschen Philosophen Peter Sloterdijk. Und er sprach von grundlegenden Parallelen des Westens und des Islam in der geschichtlichen Entwicklung, auf dem Weg von Macht zu Recht, von der Unterdrückung zur Freiheit - auch in der Absage an Extremismus.

"Wie siamesische Zwillinge"

In einigen Wochen scheidet der 60-Jährige aus dem Amt, sein Nachfolger ist bereits gewählt. Immer mal wieder wurden Ceric' Ansprüche auf so etwas wie das Amt eines europäischen Großmuftis nachgesagt. Der Großmufti, der auch die jüdische Zivilisation erwähnte, warb für einen "Prozess der Institutionalisierung des Islam in Europa". Dabei seien die westliche und die islamische Welt "siamesische Zwillinge", denn "sie können sich nicht voneinander trennen".

Nach wie vor dominiere zu sehr ein Denken, wonach Muslime nur als Gäste und "auf Zeit hier" seien. Hier sei ein Umdenken erforderlich. Und es gehe auch um die Frage einer muslimischen Autorität für Europa.

Kein solches "Procedere"

Zugleich müssten auch die Muslime lernen, sich stärker mit grundlegenden Fragen von Staat und Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die Notwendigkeit dazu zeige nicht zuletzt der Arabische Frühling. Zugleich hob Ceric hervor, dass der Islam mehr als eine Religion sei. Es gehe über den religiösen Rahmen hinaus auch um ein Moralgesetz.

Mit Blick auf die Institutionalisierung des Islam in Deutschland zeigte die Diskussion die bekannte Hürde. Wiederholt sprach Ceric davon, die islamische Gemeinschaft wolle sich in die Gesellschaft einbringen. Da sprach er bewusst von "Gemeinschaft", nicht von "Gemeinde". Eine Zugehörigkeit im Sinne einer Mitgliedschaft, zu der auch die Möglichkeit eines Austritts gehöre, lehnte er ab. Ja, meinte er, aus Österreich wisse er, dass man sich als Katholik dort an einer staatlichen Stelle von der Kirche abmelden könne. Aber der Islam kenne ein solches "Procedere" nicht. Ein Detail, aber ein wesentliches: Denn im Konzept des modernen Verfassungsstaates steht hinter dem Konzept der Mitgliedschaft oder des Austritts aus der Gemeinde das Grundrecht der Religionsfreiheit.

Eigene Rechtsform?

Der Berliner Rechtswissenschaftler Christian Waldhoff bezweifelte, dass es in Deutschland gelingen werde, den Islam in den bestehenden rechtlichen Rahmen der sogenannten Körperschaft des öffentlichen Rechts einzubinden, der Großkirchen oder auch der jüdischen Gemeinschaft zukommt. Im Grunde kreisen die Debatten der Deutschen Islam-Konferenz seit Jahren um diese rechtliche Zuordnung.

Waldhoff warb erneut für eine eigene Rechtsform, die die Muslime in Deutschland bekommen sollten. Diese "öffentlich-rechtliche Zwischenform" solle unterhalb des Status' einer Körperschaft, aber deutlich über dem üblichen Vereinsrecht angesiedelt sein. Dann erwarte er, so der Jurist, eine spannende Entwicklung, wenn sich der Islam durch die Annahme fördernder Angebote des Staates - beispielsweise beim Religionsunterricht - allmählich verändere.

Es schien nicht nur der Simultanübersetzung zwischen Deutsch und Englisch geschuldet, dass Ceric auf diese sehr deutsche Frage einer rechtlichen Klärung nicht näher einging. Noch am Abend reiste Ceric weiter. An diesem Freitag spricht er als Gastredner in Straßburg bei der Eröffnung der ersten Moschee der Stadt.