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Asien

Sandschneider: "Wer Zhao Ziyang sagt, muss auch über 1989 reden"

Vor 10 Jahren starb der Reformpolitiker Zhao Ziyang. Er hatte die ersten Reformen Chinas gestaltet und wurde nach den Unruhen 1989 entmachtet. Warum sein Name heute tabu ist, erklärt China-Experte Eberhard Sandschneider.

DW: Welche Assoziation haben Sie, wenn Sie an Zhao Ziyang denken?

Eberhard Sandschneider:

Zhao Ziyang

war einer der wichtigsten Väter der Reformpolitik in China. Das war der Mann, der bis zu seiner Entmachtung 1989 für die erste Phase der Reformpolitik stand. Gemeinsam mit dem wahrscheinlich echten Vater der Reform, Deng Xiaoping, und dem langjährigen Parteichef Hu Yaobang war Zhao Ziyang dafür verantwortlich, die frühen Phasen der Reformpolitik in China zu steuern, die Landwirtschaft und ab 1984 auch die Industrie zu reformieren. Er war einer der Architekten der Reform. Das Ganze hatte leider 1989 zu einem unrühmlichen Ende für ihn geführt.

Wie schätzen Sie seine Rolle für das Land ein?

Wir müssen heute über die Reformen und die Auswirkungen der Reformpolitik für China, den Aufstieg Chinas und die wirtschaftliche Erholungsleistung nicht weiter reden. Das ist in aller Munde. Zhao Ziyang war einer derjenigen gewesen, der relativ zügig nach seinem Wechsel nach Peking 1978 mit dafür verantwortlich war, dies auf der Regierungsseite im Detail zu tun, gemeinsam mit Hu Yaobang in der Partei und dem alles überschauenden Deng Xiaoping. Er war für alle Impulse auf der Regierungsseite verantwortlich. Er war der verantwortliche Ministerpräsident und damit auch verantwortlich für die Implementierung der Reformpolitik.

Bereits zehn Jahre sind seit seinem Tod vergangen. Während dieser Zeit hat die chinesische Regierung versucht, Zhao Ziyang totzuschweigen. Glauben Sie, dass er trotzdem auch heute noch eine Bedeutung für die Chinesen hat, und besonders für die junge Generation?

Zhao Ziyang war Chinas Ministerpräsident und später Generalsekretär der KP Chinas. (Foto: File/AP/dapd)

Zhao Ziyang war Chinas Ministerpräsident und später Generalsekretär der KP Chinas

Bei der jüngeren Generation bin ich mir nicht sicher, weil die Schnelllebigkeit natürlich Politiker aus der Vergangenheit rasch in Vergessenheit geraten lässt. Viele der jüngeren Chinesen kennen China nur in der Phase der Reformpolitik, aber sie waren Kinder in den Zeiten, in den Zhao Ziyang wirtschaftspolitisch wichtig war. Also werden sie kaum eine persönliche Erinnerung an ihn haben. Aber ich denke, dass die Älteren, die sich an die Zeit vor den Reformen erinnern und erst recht an die Aufbruchsphase in der Frühphase, mit dem Namen Zhao Ziyang noch etwas verbinden werden.

Dass er heute in den chinesischen Medien nicht mehr behandelt wird, hat natürlich mit den tragischen Ereignissen um seine Person und seinen Sturz im Jahre 1989 zu tun. Daran erinnert die chinesische Führung ausgesprochen ungern. Da er nach seinem Machtverlust unter Hausarrest stand, ist die chinesische Führung auch jetzt äußerst vorsichtig, den Namen Zhao Ziyang unnötig in die Öffentlichkeit zu bringen.

Glauben Sie, dass dieses Jahr die Regierung mit Zhao Ziyangs Todestag anders umgehen wird?

Nein, da sehe ich keinen Grund, warum sie dies ändern sollte. Wer Zhao Ziyang sagt, muss auch bereit sein, über 1989 zu reden. Ich kann nicht sehen, dass die chinesische Regierung an diesem Punkt besonderen Mutwillen an den Tag legt.

Warum ist die Regierung nicht bereit, diesen Teil der Geschichte, also die Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989, aufzuarbeiten?

Das ist natürlich hoch riskant. 1989 sind Studenten gestorben, im symbolisch politischen Herz des Landes, dem Platz des Himmlischen Friedens. Das war hochgradig riskant für die ganze Stabilität des Landes und für die Führungsrolle der kommunistischen Partei. Ich denke, die meisten Politiker sind heilfroh, dass sie ohne größere Irritationen langfristiger Art über dieses Ereignis hinweggekommen sind. Es liegt nicht in der Natur der Kommunistischen Partei Chinas, offen mit solchen kritischen Ereignissen umzugehen.

Dr. Eberhard Sandschneider ist Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).Seit 1998 hat er den Lehrstuhl für Politik Chinas und Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin inne.