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Europa

San Sebastián: "Zeit der ETA überwinden"

Die Stadt ist wohlhabend und schön - und hat ein Problem mit ihrer gewalttätigen Vergangenheit, glauben die Organisatoren der Kulturhauptstadt 2016. Wie die Wunden heilen sollen, erklärt Programmchef Pablo Berástegui.

Traditionsvereine am Strand in San Sebastian, der Kulturhauptstadt, 23.01.2016 (Foto: DW/B. Wesel)

Traditionsvereine feiern am Strand von San Sebastián das Kulturhauptstadtjahr 2016

Deutsche Welle: Pablo Berástegui, die Programmidee für das Europäische Kulturjahr 2016 in San Sebastián ist, die Zeit des Terrors der Untergrundorganisation ETA zu verarbeiten. Diese Idee war schon geboren, bevor Sie die Organisation übernommen haben. Glauben Sie, die Bürger der Stadt werden von dieser Art der organisierten Vergangenheitsbewältigung profitieren?

Pablo Berástegui: Ich habe mir die Idee wirklich zu eigen gemacht. Unser Motto "Besser zusammenleben" ist ein ganz innovativer Ansatz. Wir sollen über unsere schwierige Vergangenheit nachdenken und an die Zukunft in Europa denken. Auch wenn die Gewalt der Vergangenheit vorüber ist - die ETA legte 2011 endgültig die Waffen nieder -, haben viele doch sehr darunter gelitten. Und wir glauben, dass Kultur ein gutes Werkzeug sein kann, das Zusammenleben zu verbessern, wenn man sie richtig einsetzt.

Über die ETA zu sprechen, ist in San Sebastián ziemlich tabu. Glauben Sie, dass Sie die Bürger so ohne weiteres zum Mitmachen bewegen können?

Es ist natürlich nicht einfach. Aber wir werden versuchen, Arbeitsgruppen zu schaffen, wo die Leute gemeinsam Projekte verfolgen. Wir haben ein ganzes Programm von Aktivitäten, das wir hier anbieten. Wir brauchen dafür die Mitarbeit von allen und sehen unsere Aufgabe darin, ihnen die Werkzeuge für ein besseres Zusammenleben in die Hand zu geben.

Zum Beispiel wird es ein Theaterforum geben, wo nach dem Vorbild des Theaters der Unterdrückten Stücke aufgeführt werden. Da sieht man dann zwei Schauspieler in alltäglichen Konfliktsituationen. Zum Beispiel zwei Nachbarn, die nicht mehr miteinander reden wegen Vorfällen in der Vergangenheit. Und das Publikum wird aufgefordert, eine Lösung zu finden, sie zu diskutieren und den Sketch auf seine Weise zu Ende zu schreiben. Am Ende müssen die Zuschauer dann Regie führen über die Schauspieler, so dass sie die fertige Szene aufführen können.

Pablo Berástegui in San Sebastian, der Kulturhauptstadt, 23.01.2016 (Foto: DW/B. Wesel)

"Innovativer Ansatz": Kulturhauptstadt-Chef Pablo Berástegui in San Sebastián

San Sebastián ist eine wohlhabende und eine bürgerliche Stadt. Die Bewohner haben großen Lokalstolz. Glauben Sie, sie lassen sich so ohne weiteres auf solche Aktionen ein?

Wir wollen wirklich alle erreichen, die Schulen, die Betriebe und die Nachbarschaftsorganisationen. Und wir wollen ihnen nichts vorschreiben, sondern ihnen nur die Werkzeuge in die Hand geben, über die Vergangenheit nachzudenken und in die Zukunft zu schauen. Sie werden nicht gegängelt, sondern können sich selbst organisieren.

Das Bewusstsein für die eigene Tradition ist in der Region noch sehr lebendig. Ist das Programm nicht zu konzeptuell, um von den Menschen angenommen zu werden?

Wir würdigen durchaus die Tradition im Baskenland. Wir blicken auch auf die fünfziger Jahre zurück und den Kampf gegen den Faschismus. Und dann haben wir die Jahre des ETA-Terrors und schließlich wollen wir in die Zukunft schauen. Die Basken sind sehr mit ihren Wurzeln verbunden. Wir kommen von unseren Erinnerungen und unserer Vergangenheit. Aber diese Verbindung kann sich auch lockern und zur Zukunft öffnen. Wir wollen lokal denken und gleichzeitig unseren Blick auf die Welt eröffnen.

Und wie soll das konkret aussehen?

Um die Menschen zum Nachdenken anzuregen und diesen Verarbeitungsprozess in Gang zu setzen, haben wir Künstler aus ganz Europa eingeladen, vor allem mit ihren politischen Arbeiten. Es wird zum Beispiel Ausstellungen in der ganzen Stadt geben. Aber unser Konzept reicht weiter. Das, was wir an Installationen oder szenischen Aufführungen mit den Menschen in San Sebastián erarbeiten, soll dann in ganz Europa auf Tournee gehen. Um auch dort zu zeigen, wie man das Zusammenleben verbessern kann.

Instrumentalisieren Sie das Kulturjahr mit Ihrem Programm nicht zu sehr?

Nein, denn ich glaube, man kann es nutzen, um die Gesellschaft zu transformieren. Es ist doch eine großartige Gelegenheit, bei der man wie in einem Laboratorium unter dem Vergrößerungsglas die Dinge betrachten kann. Das Ziel ist nicht, Werbung für die Stadt zu machen. Das Ziel ist, das Leben der eigenen Bürger zu verbessern. Die Zivilgesellschaft untereinander zu versöhnen, die Menschen die sich bekämpft haben. Es geht nicht darum, etwas für die Terroristen von früher oder andere Außenseiter zu tun. Was wir wollen, ist, dass die Menschen sich von ihrer Vergangenheit erholen.

Pablo Berástegui ist der künstlerische Leiter des Programms der Europäischen Kulturhauptstadt San Sebastián 2016. Der 47-Jährige ist ein erfahrener Kulturmanager, der zahlreiche große Events in Spanien kuratiert hat.

Das Interview führte Barbara Wesel.

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