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Deutschland

Salafisten beunruhigen Sicherheitskräfte

25 Millionen Exemplare des Koran will eine Gruppe Salafisten in vielen Städten Deutschlands kostenlos verteilen. Die deutschen Sicherheitsbehörden warnen jedoch vor dieser Werbeaktion.

Ein Mann hält ein Buch mit der Aufschrift Koran in den Händen, Foto: Arno Burgi

Der Koran wird auch in Buchläden verkauft

"Wir haben selbstverständlich nichts gegen den Koran", betont man beim Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Personen, die die heilige Schrift des Islam in Fußgängerzonen deutscher Städte an Interessierte kostenlos verteilen wollen, stehen allerdings bei deutschen Sicherheitsbehörden unter strenger Beobachtung.

Konkret überwacht wird die Salafisten-Organisation "Die wahre Religion", radikal-islamische Anhänger des Salafismus. Die Gruppe um den Kölner Prediger Ibrahim Abou-Nagie hat seit Oktober 2011 bei einer deutschen Druckerei bisher rund 300.000 Exemplare des Koran in deutscher Sprache drucken lassen. Die Ankündigung, dass Millionen Exemplare des Buches verteilt werden sollen, hält Rauf Ceylan, Religionssoziologe an der Universität Münster/Osnabrück allerdings für reine PR: "Die Gruppierung will nur Aufmerksamkeit erregen und damit neue Kontakte knüpfen", lautet Ceylans Einschätzung.

Koran von Extremisten missbraucht

Blick auf eine Koranseite Foto: Rainer Jensen dpa/lbn

Der Koran bietet viele Deutungsmöglichkeiten

Genau dieser Missionierungseifer erschreckt die Sicherheitsbehörden. Sie fürchten, dass vor allem junge Menschen von radikalen Hasspredigern angeworben werden sollen. "Menschen, die verunsichert sind oder sich auf der Suche nach dem Lebenssinn befinden, sind oft leichte Beute." Die Vereinfachung der Religion durch klare Verbote und Gebote wirke besonders attraktiv, berichtet ein Experte des Landesamtes für Verfassungsschutz in Bremen. Was das anrichten könne, habe man im Fall der radikalisierten deutschen Terroristen gesehen, der so genannten "Sauerland-Gruppe". Junge Männer im Alter zwischen 23 und 30 Jahren hatten an Bomben für Anschläge in der Bundesrepublik gearbeitet, bevor sie 2007 gerade noch rechtzeitig verhaftet werden konnten.

Inzwischen werden viele Moscheen und Versammlungsräume der rund 2500 als extremistisch eingestuften Salafisten in Deutschland regelmäßig überwacht. Nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer vertreten viele Salafisten Ansichten, die mit dem deutschen Grundgesetz nicht zu vereinbaren sind.

Der Verfassungsschutz hält in seinen Berichten schriftlich fest: Salafisten missachten die Gleichbehandlung von Mann und Frau und lehnen Demokratie sowie Menschenrechte ab. Nach ihren fundamentalistischen Vorstellungen soll sich die westliche Gesellschaft insgesamt zum Gottesstaat verändern. Als Beweis, wie gefährlich missionseifrige extremistische Salafisten sein können, führen die Sicherheitsbehörden immer wieder die Tatsache an, dass alle Terroristen des 11. September 2001 von Salafisten beeinflusst waren. Salafismus gilt als Nährboden für den internationalen Terrorismus.

Nicht alle Salafiten sind Extremisten

Salafisten demonstrieren Foto: ddp images/AP Photo/Ahmed Ali)

Extreme Salafisten finden weltweit Zulauf

Tatsächlich orientieren sich die als radikal geltenden Salafisten genauso wie die Salafiten lediglich am frühen Islam des siebten Jahrhunderts, dem Urmodell des Islam. Ihr Leben ist ganz nach dem Koran ausgelegt. Für Salafiten gibt es dabei aber keine symbolische Auslegung. Die fundamentalistischen Salafiten beanspruchen für sich das alleinige Interpretationsmonopol für den Koran. "Wer sich mit dem Koran und seiner Sprache näher beschäftigt, weiß, wie problematisch das ist, weil es viele Auslegungsmöglichkeiten gibt", sagt Religionssoziologe Rauf Ceylan. Viele gläubige Muslime bestätigen Ceylans Auffassung.

Die Religionsgemeinschaft des Islam im Landesverband Baden Württemberg nennt ein Beispiel, das auch in der deutschen Bevölkerung immer wieder zu Missverständnissen führt. Im viel zitierten Koranvers 47,4 - Ungläubigen soll in den Nacken geschlagen werden - lesen die einen eine Aufforderung zur Gewalt, andere sehen darin lediglich ein Zeitdokument: die Verzweiflung des Propheten Mohammed, der im Jahr 622 christlicher Zeitrechnung flüchten musste - von seiner Heimatstadt Mekka zum späteren Medina. "Der Koran ist keine Hetzschrift", stellt Cevilia Demir-Schmitt von der Religionsgemeinschaft des Islam klar. "Mit dem großen Dschihad ist auch nicht der Kampf gegen andere gemeint, sondern das ständige Bemühen in der eigenen Person, sich zum Guten zu wandeln".
Überhaupt sei der Koran ein Gebetsbuch mit der beständigen Aufforderung zur Güte und zur Barmherzigkeit, zu Gerechtigkeit und zum Gebet. Wer das alleinige Deutungsrecht der Koranverse für sich beansprucht und es für radikale Aktionen instrumentalisiert, versündige sich am Koran und am Islam. Thomas Bauer, Professor für Arabistik an der Universität Münster bestätigt, dass die Salafisten mit ihren Missionierungsversuchen im Islam eine Sonderrolle einnehmen.

Koran-Verteilung ist legal

Deutsche Islam Konferenz 2011 Foto: Dirk Enters / Deutsche Islam Konferenz

Bundesinnenminister Friedrich auf der Deutschen Islam Konferenz 2011

In Deutschland gilt nach der Verfassung Religionsfreiheit. Dazu gehört auch das Recht, für religiöse Auffassungen zu werben oder auch Internetpredigten anzubieten, solange diese nicht zu Gewalttaten auffordern. Die Verteilung von religiösen Schriften ist erst recht keine Straftat. Tatsächlich verteilt die salafistische Gruppierung "Die wahre Religion" nur Koran-Exemplare, ohne jede Kommentierung. Das macht die Aktion zunächst unangreifbar. Die Kritiker der Aktion fragen allerdings, mit welchen Kommentierungen die Exemplare an Interessenten verteilt werden.

In der Geschäftsführung der beauftragten Druckerei für die Korane scheinen Zweifel aufgekommen zu sein. Sechs Aufträge für jeweils 50.000 Exemplare seien zwar ordnungsgemäß und pünktlich gezahlt worden. Auch die angefragten Sicherheitsbehörden hätten nichts gegen den Druck eingewendet. Für einen weiteren Auftrag der Salafisten allerdings läge noch kein Geld vor, erklärt die Druckerei. Diese Situation wolle man nutzen, um den Auftrag generell zu überdenken. Schließlich wolle man sich als Druckerei nicht in eine bestimmte politische oder religiöse Richtung drängen lassen.

Journalisten deutscher Zeitungen, die kritisch über die Gratis-Koran-Aktion berichtet haben, sind in Videos von Islamisten namentlich genannt und bedroht worden. In den bisher bekannt gewordenen Fällen sind strafrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet worden, teilte das Bundesinnenministerium mit.

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