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Welt

Salafisten auf dem Vormarsch in Ägypten

Mit dem Sturz des repressiven Mubarak-Regimes endete die Unterdrückung verschiedener politischer und religiöser Strömungen in Ägypten. Nun versuchen islamistische Akteure am politischen Leben aktiv teilzunehmen.

Salafisten protestieren in Kairo (Foto: AP)

Dutzende ultra-konservative Muslime demonstrieren in Kairo

Logo der Muslimbruderschaft in Ägypten

Einflussreich, religiös, politisch: die Muslimbruderschaft

"Unsere Freiheit liegt darin, die Flagge des Islam zu hissen und für ihn zu werben. Kein Schlaf von heute an, bis die Religion unser glorreiches Land regiert", forderte Saad AL Husseiny, ein Sprecher der Muslimbrüder. "Lasst uns eine so große Chance wie die jetzige nicht entgehen; wir müssen wissen, unsere Chance liegt nicht in dem politischen Dasein, sondern in der Verbreitung des Islam in Moscheen, Fabriken und an Universitäten." Diese Sätze, die er vor einigen Tagen während einer Diskussion in Kairo äußerte, versetzten liberal gesinnte Ägypter erneut in Angst und Schrecken.

Radikaler Salafismus

Aber nicht nur die Muslimbrüder äußern sich immer extremistischer. Auch die Salafisten, die einige Wochen nach der Revolution vielen Ägyptern noch völlig unbekannt waren, sorgten mehrfach für Schlagzeilen in den ägyptischen Medien. Sie forderten eine Sittenpolizei, bedrohten Frauen, die kein Kopftuch trugen und schnitten einem Kopten das Ohr ab, weil er angeblich ein Liebesverhältnis mit seiner muslimischen Mieterin hatte.

"Das Problem ist, dass die Leute nicht genau wissen, wer die Salafisten sind. Man könnte denken, dass sie eine homogene Gruppe sind", erläutert der Journalist und Islam-Experte Sayed Mahmoud Hassan. Dies sei aber nicht der Fall. "Salafisten kann man in Gruppen aufteilen: Es gibt unter anderem die jihadistischen Salafis, die politisch aktiv sind und die puristischen Salafis, die sich von der Politk fernhalten, weil sie diese für eine Sünde halten."

Den Salafisten war es verboten, an der Revolution teilzunehmen. Zum einen sei die Revolution politisch und nicht islamisch, zum anderen sollte man dem Herrscher des Volkes nicht widersprechen. Auch wenn sie von Mubarak unterdrückt wurden, waren die Salafisten seinem Regime gegenüber treu. Kurz vor der Abstimmung über die Teilrevision der ägyptischen Verfassung begannen sie dennoch aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen. In einem Flyer, den sie in Kairo verteilten, wurden die Gegner der Verfassungsänderungen als "Ungläubige" bezeichnet. Mit dem Stimmungswandel in der Bevölkerung änderten die Salafisten ihre Strategie; sie schlossen sich der neuen Mehrheit an.

Einflussreiche Strategien der Bruderschaft

Betende Männer in einer Reihe.

Demonstranten beten in der Altstadt von Kairo

Auch die Muslimbrüder, die nun seit mehr als 80 Jahren existieren, bewegen sich immer direkter auf ihr Ziel zu: Sie wollen die Gründung eines islamischen Staates. Ihre wohlorganisierte Zielstrebigkeit ist nichts Neues. Seit Jahrzehnten macht sich die islamistische Gruppe durch karitative Projekte, wie den Bau von Schulen und Krankenhäusern, beliebt. Zusätzlich helfen sie der ärmeren Bevölkerungsschicht durch Armenspeisungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Und genau durch diese Mittel werden die Muslimbrüder immer einflussreicher. Denn jetzt, wo sie nicht mehr durch das Mubarak-Regime unterdrückt werden, können sie ihre Meinungsfreiheit genießen und offen über ihre Ziele sprechen. "Alle Teile der Gesellschaft erscheinen jetzt mit ihren Vor- und Nachteilen", so Amr Hamzawy, Politologe an der Kairo Universität.

Aber nicht nur die eindeutigen Worte der religiösen Akteure beängstigen intellektuelle Ägypter, sondern auch wie sie den Islam für ihre Ziele instrumentalisieren. Kurz vor den Wahlen über die Verfassungsänderungen kamen die politischen Strategien der Muslimbruderschaft offen ans Licht: Vor dem Referendum verteilten sie Lebensmittel an die Wähler, damit sie den Änderungen zustimmen. Zudem schalteten sie in der prominenten ägyptischen Zeitung Al-Ahram eine Werbeanzeige, in der sie Wähler aufforderten, mit "Ja" zu stimmen, weil dies "eine religiöse Verpflichtung" sei.

Die Muslimbrüder waren für die Verfassungsänderungen, weil sie dadurch bei den nächsten Parlamentswahlen leichter an die Macht kommen könnten. Die Liberalen und Kopten hingegen lehnten die Teilrevision ab. Für die Salafisten war das ein Grund mehr, für die Änderungen zu stimmen.

Politisches Vakuum im neuen Ägypten

Der Tahrir-Platz in Kairo (Foto: dapd)

Seit Ende der Revolution nehmen islamistische Gruppen mehr Einfluss

In der Tat ist die Muslimbruderschaft die derzeit einzig gut organisierte Partei - andere Parteien müssen sich erst bilden. "Diese Angst ist mit dem momentanen politischen Vakuum in Ägypten verbunden, denn die islamistischen Bewegungen sind gut organisiert und könnten dieses Vakuum ausfüllen", erklärt Hamzawy. Seiner Meinung nach sei es berechtigt, dass alle Gruppierungen versuchen, eine politische Rolle zu spielen. An die vorgegebenen Gesetze müssten sie sich dennoch halten. Ein Teil der Muslimbrüder hatten mehrfach erklärt, sich an die Regeln der Demokratie halten zu wollen.

All diese Ereignisse dürften den Militärrat, der Ägypten zurzeit regiert, dazu veranlasst haben, dem Volk zu verdeutlichen, dass "Ägypten nicht von einem zweiten Khomeini regiert wird". Der Politologe Hamzawy sieht keinen Grund zur Sorge und meint, dass "ein Dialog innerhalb eines gesetzlichen Verfassungsrahmens wichtig ist." Der Journalist Sayed Mahmoud Hassan seinerseits findet, dass es an der Zeit sei, dass auch die Zivilgesellschaft aktiv werde, um islamistischen Strömungen entgegenzuwirken: "Dann hätten sie nicht diesen momentan übertriebenen Einfluss auf die Gesellschaft."

Autorin: Mona Hefni
Redaktion: Lina Hoffmann

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